# taz.de -- Teilmobilmachung in Russland: Katapultiert in die Realität
       
       > Russlands Machthaber Putin will Angst verbreiten. Es ist eine
       > Verzweiflungstat – und eine Chance für die Ukraine.
       
 (IMG) Bild: Russische Soldaten in Donezk hören Präsident Putin zu
       
       In den vergangenen knapp sieben Monaten bestand eine Art Vertrag zwischen
       dem Kreml und der Mehrheit der russischen Bevölkerung. „Ihr unterstützt uns
       bei unserer Spezialoperation und könnt weiter einen ruhigen Alltag fernab
       davon leben“, lautete dieser aus der Sicht des offiziellen Moskaus.
       
       Viele in Russland nahmen diesen Vertrag für bare Münze und taten so, als
       ginge sie der Krieg nichts an. Als geschähen die Gräueltaten in ihrem
       Nachbarland nicht in ihrem Namen. Siegessicher, ja fast siegestrunken
       wiederholten sie die von der Propaganda gesetzten Sätze: „Die Kraft liegt
       in der Wahrheit! Der Sieg wird unser sein! Weil wir Russen sind!“
       
       Die von Präsident Wladimir Putin [1][ausgerufene Mobilmachung, und sei sie
       nur eine teilweise], katapultiert die Befürworter*innen, die die
       „Spezialoperation“ im Fernsehen bisher von ihrem Sofa aus betrachteten, in
       die Realität. Nun müssen eventuell auch ihre Söhne, ihre Ehemänner, ihre
       Töchter in den Kampf. Doch die unvorbereiteten Reservist*innen in den
       Tod schicken, das will kaum einer.
       
       300.000 Reservist*innen ist eine beeindruckende Zahl. Die erneuten
       Drohungen des russischen Präsidenten mit den Atomwaffen scheinen noch
       bedrohlicher. Putin beherrscht die Kunst des Angstmachens – und zeigt damit
       doch, was für eine Verzweiflungstat die jüngste Schaffung von Fakten ist.
       [2][Durch die Scheinreferenden], die Russland in den besetzten Gebieten in
       der Ukraine abhalten lässt, soll der Eindruck erweckt werden, alles
       geschehe unter dem freien Willen eines Volkes.
       
       ## Ukrainer*innen haben die Angst verloren
       
       Doch welchen Volkes? Die Gebiete, die Russland für sich beansprucht, sind
       weiterhin teils unter der Kontrolle der Ukraine. Viele Menschen sind
       geflohen, andere der Herrschaft der russischen Armee unterworfen. Selbst
       nach russischem Recht müsste ein Referendum zwei Monate lang vorbereitet
       werden. Nun geschieht alles in Eile, damit Moskau seine Erzählung füttern
       kann, die Nato greife mit den Händen der Ukrainer Russland an und die
       Integrität Russlands müsse verteidigt werden. Es ist die Mär, die Russland
       selbst geschaffen, selbst gepflegt und letztlich selbst entlarvt hat.
       
       Die Ukrainer*innen haben längst jegliche Angst und jegliche Achtung vor
       dem einst gefürchteten Russland verloren. Putins Panik ist ein Momentum für
       Kiew. Moskau wird auf die Schnelle keine Hunderttausende Soldat*innen
       stellen können. Die Reservist*innen müssen erst einberufen, geschult
       und zu Brigaden zusammengestellt werden.
       
       Das kostet Zeit. Zeit, die die Ukraine nutzen muss – mitsamt ihren
       Partnern, [3][die sich aus der Angststarre lösen sollten]. Anders als mit
       Stärke ist mit Russland, das beweist Putin mit jeder seiner Reden, nicht
       umzugehen.
       
       21 Sep 2022
       
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 (DIR) Inna Hartwich
       
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