# taz.de -- Halbzeitwahlen in den USA: Biden startet Wahlkampf
       
       > Vor den Halbzeitwahlen geht der US-Präsident in die Offensive. Anhänger
       > des Ex-Präsidenten Trump bezichtigt er „im Schatten der Lüge“ zu leben.
       
 (IMG) Bild: Mit Fingerzeig auf „MAGA-Republikaner“: U-Präsident Joe Biden bei seiner Rede in Philadelphia
       
       New York taz | Zwei Monate vor den Halbzeitwahlen geht Joe Biden in eine
       Frontaloffensive gegen den „Extremismus, der die Grundlagen unserer
       Republik bedroht“. In einer Ansprache vor der Independence Hall in
       Philadelphia warnte er am Donnerstag Abend eindringlich vor Donald Trump
       und seinen Anhängern und ihrer „extremen Ideologie“. Biden erklärte: „Zu
       viel, das heute in unserem Land geschieht, ist nicht normal“.
       
       Dabei unterschied der US-Präsident zwischen „MAGA-Republikanern“ (die
       Großbuchstaben stehen für Trumps nationalistischen Slogan „Make America
       Great Again“) und anderen Republikanern. Es klang, als handele es sich um
       zwei unterschiedliche Parteien, von denen eine die Verfassung, den
       Rechtsstaat und den friedlichen Machttransfer respektiert, während die
       andere nicht willens ist, das Ergebnis von freien Wahlen zu akzeptieren und
       gegenwärtig quer durch das Land daran arbeitet, die nächsten Wahlen zu
       manipulieren und die „Demokratie zu untergraben“.
       
       Bidens Ansprache war vom Weißen Haus als „Bemerkungen zum anhaltenden Kampf
       um die Seele unserer Nation“ angekündigt worden. Knapp zwei Jahre nach den
       Präsidentschaftswahlen knüpfte der US-Präsident damit an eine
       Wahlkampfstrategie an, die ihm 2020 zum Sieg verholfen hat: Trumps. Dieses
       Mal kann Biden aus der stärkeren Position des Amtsinhabers argumentieren,
       dem fast alle Mikrofone der Welt offen stehen. Doch zugleich steht er unter
       dem Eindruck von zwei Jahren, in denen Trump aus der Opposition heraus, die
       Kampfbereitschaft seiner Basis noch weiter ausgebaut hat.
       
       Biden beschrieb den [1][Sturm auf das Kapitol vom 6. Januar,] bei dem
       bewaffnete Trump-Anhänger versucht haben, die Zertifizierung der
       Präsidentschaftswahlen zu verhindern, wie eine Generalprobe für kommende
       Wahlen. O-Ton Biden: „Ihren gescheiterten Versuch, eine friedliche
       Machtübergabe nach der Wahl 2020 zu verhindern, sehen sie als Vorbereitung
       für die Wahlen 2022 und 2024“, warnte Biden.
       
       ## Trump-Getreue: Biden sei „der oberste Spalter“
       
       Wenige Tage zuvor hatte Biden den Trumpismus als „Semi-Faschismus“
       bezeichnet. Diesen Ausdruck, für den der Fraktionsführer der Republikaner
       im Repräsentantenhaus, der Trump-Getreue Kevin McCarthy eine Entschuldigung
       verlangt, hat Biden in Philadelphia nicht erneut benutzt. Doch seine
       Stoßrichtung blieb unverändert.
       
       In seiner Rede machte Biden gar nicht erst den Versuch, Trump-Anhänger
       zurückzugewinnen. „Die MAGA-Republikaner haben sich entschieden“, sagte er,
       „sie stehen zu ihrer Wut. Sie gedeihen im Chaos. Sie leben nicht im Licht
       der Wahrheit, [2][sondern im Schatten der Lüge].“ Stattdessen richtete er
       sich an „Demokraten, Unabhängige und Mainstream-Republikaner“. An ihre
       Adresse sagte er: „Sagt, was Ihr zu sagen habt. Engagiert Euch. Wählt.
       Wählt. Wählt“.
       
       Ronna McDaniel, eine weitere Trump-Getreue von der Spitze der
       Republikanischen Partei, versuchte, die Mahnungen des US-Präsidenten mit
       den Worten abzutun: „er ist der oberste Spalter“. Aber der Moment ist
       günstiger für Biden, als ihre Reaktion vermuten lässt. Die Arbeitslosigkeit
       in den USA ist so niedrig wie vor Beginn der Pandemie, die
       Inflationsbekämpfung trägt – in Form sinkender Benzinpreise – erste Früchte
       und in den vergangenen Wochen hat der US-Präsident mehrere politische
       Erfolge erzielt, die sowohl seine eigene Popularität als auch die
       Wahlaussichten seiner Partei bei den Midterm-Wahlen vergrößern – dazu
       gehören der vorsichtige Ausbau der Schusswaffenkontrolle, das
       weitreichendste Klimagesetz der US-Geschichte, eine Senkung der
       Medikamentenpreise für Senioren sowie die parzielle Streichung von
       Studienschulden für Menschen mit niedrigem Einkommen.
       
       Abgesehen von dieser Bilanz hoffen die Demokraten, dass sie bei den
       Halbzeitwahlen auch mit der Verteidigung des [3][Rechts auf Abtreibung] und
       auf gleichgeschlechtliche Ehen punkten können.
       
       ## Die Demokraten könnten die Mehrheit im Kongress verlieren
       
       Halbzeitwahlen sind Momente, bei denen die Partei des Präsidenten
       traditionell abgestraft wird. Dieses Mal prognostizierten die
       Meinungsforscher noch vor wenigen Wochen, dass die Demokraten ihre knappen
       Mehrheiten in beiden Kammern des Kongress verlieren würden. Damit wäre
       Biden für die verbleibenden zwei Jahre seiner Amtszeit weitgehend
       handlungsunfähig.
       
       Mit seiner Rede in Philadelphia, vor dem symbolträchtigen Gebäude, in dem
       die Unabhängigkeitserklärung der USA angenommen wurde, hat Biden die
       Kampagne für die Halbzeitwahlen zur Chefsache gemacht. Er hat seine
       Mahnungen mit der Aussicht auf eine rosige Zukunft verknüpft, falls sein
       Land sich gegen den Extremismus entscheidet: „Wenn wir unsere Pflicht tun,
       bleibt Amerika ein Leuchtturm für die Welt“.
       
       2 Sep 2022
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dorothea Hahn
       
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