# taz.de -- Schöner Müll: Das Popolappen-Projekt
       
       > Was tun mit einem Kuchenspringformrand ohne Boden? Unsere Autorin bastelt
       > einen Hygienetuchspender daraus – passend zum neuen Waschlappentrend.
       
 (IMG) Bild: Die Kuchenform ist jetzt ein Regal
       
       Ob man einen Kuchen mitbringen kann zum Fest wird gefragt und, ja klar, die
       Kuchenbäckerin legt sich ins Zeug. Käsekuchen mit Aprikosen, Streuselkuchen
       mit Marzipan, Elsässischer Apfelkuchen, Schokoplotzer oder Nusstorte ohne
       Mehl – man ist bereit, einiges in die Waagschale zu werfen, um Freude zu
       bereiten. Und Anerkennung zu bekommen. Ein „Hmmm“, ein „Toll“, ein
       „Lecker“. Frauen kriegen für ihre Haushaltsarbeiten [1][doch sonst kaum
       Lob].
       
       Den Kuchen zu backen ist das eine, aber wie wird er zum Fest transportiert?
       An dieser Stelle wird mitunter eine Entscheidung getroffen, die sich später
       als Fehler herausstellt: Der Kuchen wird in der Springform transportiert;
       das ist für ihn am sichersten.
       
       Für Backlaien: Eine Springform ist diese runde Kuchenform, deren Rand mit
       einer Schnalle geöffnet werden kann, und die sich dabei vom Backformboden
       löst. Ich hatte mir – überzeugt, dass eine Springform ein wertvolles
       Backgerät ist – eine mit emailliertem Boden gekauft, auf dem der Festkuchen
       dann auch aufgeschnitten werden kann, ohne Kratzer auf dem Springformboden
       zu hinterlassen oder gar die Beschichtung zu zerstören. (Niemals würde ich
       eine beschichtete Backform kaufen. Ich halte Beschichtungen für
       Sondermüll.)
       
       Und ja, der mitgebrachte Kuchen war ein Erfolg.
       
       Als ich gehen wollte, lagen allerdings noch ein paar Stücke auf dem
       Springformboden. Ein klügerer Mensch hatte von seinem mitgebrachten Kuchen
       noch ein paar Stücke daraufgelegt, um sein Geschirr mitnehmen zu können.
       Okay, dachte ich, lass den Springformboden hier, auf dem der Kuchen lag.
       Nimm nur den Ring mit, die Gastgeberin ist deine Freundin. Sie ist es immer
       noch, aber der Springformboden tauchte nie mehr auf.
       
       ## Wofür kann ein Springformring noch gut sein?
       
       Eine ganze Weile lag der Springformring noch in meinem Schrank, ich immer
       hoffend, dass eines Tages sein Boden wieder auftauchen würde. Doch
       irgendwann stellte sich die Frage, wofür ein verwaister Springformring noch
       gut sein kann? Mit einem Zwischenboden, vielleicht ein Miniregal. Bloß
       wofür? Dann kam die Pandemie und mit ihr die Sache mit dem Händewaschen.
       
       Gut, dachte ich, der Springformring wird zu einem Spender für
       Minihandtücher. Einmal die Hände damit abtrocknen und dann ab in die
       Kochwäsche, so die Idee. Ich schnitt ein Brett zu in Durchmessergröße der
       geschlossenen Springform, fixierte es und besprühte mein neues Wandregal
       mit einem Rest orangefarbenem Acryllack. Ich schnitt etwas in die Jahre
       gekommene Handtücher in kleine Stücke, versäuberte die Schnittkanten an der
       Nähmaschine mit Zickzackstich, rollte sie zusammen und steckte sie in die
       nun an der Wand hängenden Springform.
       
       Als die Pandemie Fahrt aufnahm, kam die Toilettenpapierkrise dazu. „Ähm,
       kann ich mir mit dem Gästehandtuch auch den Hintern abwaschen?“, rief eine
       jugendliche Besucherin durch die geschlossene Klotür, nachdem sie die
       Klopapierrolle aufgebraucht hatte und keine neue in Sicht war. Seither
       heißen die Handtüchlein „Popolappen“ und das Schöner-Müll-Projekt
       „Hygienetuchspender“.
       
       ## Den unreflektierte Kretschmann
       
       Das Popolappenprojekt würde als Pandemie-Erfolgsgeschichte schon reichen.
       Dann kam der Krieg in der Ukraine und mit ihm die Energiekrise. Es wurde
       noch klarer: Wer einen Hygienetuchspender im Badezimmer hängen hat, ist den
       Ereignissen einen Schritt voraus. Spätestens seit Baden-Württembergs
       Ministerpräsident Winfried Kretschmann dem Waschlappen zum Energiesparen
       das Wort redet, wissen wir das. Zwar ist es geschmäcklerisch, wenn jemand,
       der steigende Energiekosten gut verschmerzt, [2][den Armen Ratschläge
       gibt], aber sei’s drum.
       
       Seit Kretschmanns Vorstoß wird nun allenthalben über die Vorzüge des
       Waschlappens gesprochen. [3][Im Netz gibt es Anleitungen], wie man sich
       richtig damit wäscht, dass man einen für oben, einen für den Intimbereich
       und einen für den Hintern nehmen soll und so weiter. Die Info ist
       notwendig, denn für den Menschen des Dekadenzzeitalters war ja bislang
       alles im Überfluss da: Wasser, Strom, Kuchen, Klopapier. Mittlerweile ist
       ein Wettstreit entstanden, wer sich alles krisenfreundlich mit Waschlappen
       wäscht. Prominentester Bekenner: Der Astronaut Matthias Maurer. Auf der ISS
       [4][ist nichts mit täglichem Duschen].
       
       Nicht nur als Gästehandtücher und Popolappen taugen die kleinen Stoffstücke
       im Springformregal also, auch für die Katzenwäsche sind sie gut. Und damit
       die nassen Lappen bis zur nächsten Kochwäsche nicht anfangen zu müffeln,
       werfen wir sie in einen Kinderfahrradkorb, der an der Badheizung hängt.
       
       ## Anleitung
       
       1. Sie brauchen einen verwaisten Springformring und ein Stück Holz. Ideal
       eignet sich ein Seitenbrettchen einer Obstkiste. Des Weiteren drei, vier
       Handtücher, die Ihnen nicht mehr gefallen. Ein Rest Acryllack dazu.
       Eventuell Heißkleber.
       
       2. Schneiden Sie das Handtuch in etwa 20 x 15 Zentimeter kleine Stücke.
       Muss nicht genau sein. Die Kanten mit der Nähmaschine mit Zickzackstich
       versäubern. Man muss es nicht unbedingt tun, aber wenn man es tut, halten
       sie länger und fransen nicht aus. Und da es hier um Ressourcenschonung
       geht, wird das Versäubern der Kanten empfohlen.
       
       3. Schleifen Sie den Springformrand etwas an. (Dieser Punkt kann
       übersprungen werden.)
       
       4. Schneiden Sie das Brettchen auf die Länge des Durchmessers der
       Springform und klemmen Sie es ein. Ich dachte, das sei easy – war es aber
       nicht, was wohl daran lag, dass es schnell gehen sollte und ich es mit der
       Akkuratesse nicht so genau nahm. Weil es nicht perfekt passte, habe ich es
       mit Heißkleber extra fixiert. Und das funktioniert wunderbar.
       
       5. Besprühen Sie das Springformregal mit farbigem Lack.
       
       6. Nachdem die Farbe getrocknet ist, hängen Sie das Regal mit einem großen
       Nagel an die Wand, rollen die Handtüchlein zusammen und stecken sie hinein.
       
       14 Sep 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Unbezahlte-Carearbeit-in-Deutschland/!5683200
 (DIR) [2] /Tipps-zum-Energiesparen/!5873491
 (DIR) [3] https://utopia.de/ratgeber/das-waschlappen-comeback-nicht-nur-zum-energiesparen-sinnvoll/
 (DIR) [4] https://www.spiegel.de/panorama/leute/matthias-maurer-ueber-die-vorteile-von-waschlappen-nach-der-dusche-musste-er-sich-uebergeben-a-8a4573e9-4a6d-44b9-8996-14f1ea1ea66c
       
       ## AUTOREN
       
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