# taz.de -- Horrorfilm von Dario Argento: Logik des Albtraums
       
       > Der Meister des grenzüberschreitenden, atmosphärischen Horrors meldet
       > sich zurück – mit unfreiwilliger Komik.
       
 (IMG) Bild: Dario Argento mit Tochter Asia Argento bei der Berlinale 2022
       
       Plötzlich, mit über achtzig, ist Dario Argento wieder da. Erstmals hat er,
       sonst höchstens als Stimme oder in Form seiner Mordwaffen-Hände präsent,
       als Schauspieler eine Hauptrolle übernommen. Nicht in einem eigenen Film,
       sondern beim Bewunderer [1][Gaspar Noé, dessen Film „Vortex“ (2021)] die
       klaustrophobische Geschichte eines alten Paares in seiner labyrinthischen
       Wohnung erzählt. Und dann war Argento zehn Jahre nach seinem letzten Film
       auch mit einem eigenen Regie-Werk zurück: „Occhiali Neri“ („Dark Glasses“)
       war, wenn auch außerhalb aller Wettbewerbsreihen, in diesem Jahr bei der
       Berlinale zu sehen.
       
       Argentos große Zeit, da waren und sind sich fast alle einig, liegt recht
       weit zurück. Zwar gehen die Ansichten auseinander, wann genau er vom
       Meister des grenzüberschreitenden, atmosphärischen Horrors zum
       Schlock-Meister wurde, dessen schrille Machwerke nicht mehr viel Schrecken,
       dafür heftiges Kopfkratzen auslösen. Spätestens seit den neunziger Jahren,
       dahin geht der Konsens, war die Magie verloren gegangen. Durch die zuvor
       nicht weiter störenden Logiklöcher drang nun nicht mehr der Horror, sondern
       eher unfreiwillige Komik. Was nie teuer war, sah plötzlich auch billig aus.
       
       Für Freunde der Logik, die von Hitchcock so genannten
       Wahrscheinlichkeitskrämer, war das Kino von Dario Argento noch nie die
       richtige Droge. Was eigentlich für den Giallo, also die italienische Abart
       des Kriminalfilms, insgesamt gilt, in deren Sphären auch Argentos Anfänge
       liegen. Es ist ein Kino, bei dem Plausibilität und die Ansprüche an ein
       Erzählen, bei dem das eine narrativ oder psychologisch erklärbar aus dem
       anderen folgt, immer gleich zur Tür herausgejagt werden.
       
       Stattdessen herrscht, im besten Fall, die Logik des (Alb-)Traums, das
       Infantile, die Willkür des Unbewussten übernehmen die Regie. Und das
       Protzen mit der eigenen Medien-Potenz: Zooms und Schwenks, wilde Fahrten,
       grelle Schnitte, outriertes Spiel, durch die Gegend rasende
       Kamera-Subjektive, die Musik bimmelt, dräut, drehleiert, summt, kreischt
       dazu. Von bürgerlicher Arthouse-Zurückhaltung keine Spur, es ist eine
       undisziplinierte, ja undisziplinierbare Kunst.
       
       ## Es fehlt nicht an Blut und recht drastisch gezeigter Gewalt
       
       In dieser Tradition steht auch Argentos neuester Film. Ganz ausdrücklich
       sagt eine der Figuren an einer Stelle zu einem Jungen in ihrer Obhut: Du
       musst dir, was hier geschieht, als Albtraum vorstellen. Irgendwann ist er
       vorbei. Der Junge, der diesen Albtraum erlebt, heißt Chin (Xinyu Zhang). Er
       hat einen Autounfall überlebt, bei dem seine Eltern starben. Verursacht hat
       ihn eine Frau namens Diana (Ilenia Pastorelli), die ihrerseits einen
       schrecklichen Albtraum erlebt: Ein Serienkiller hat ihren Wagen bedrängt
       und will ihr nun ganz an den Kragen.
       
       Sie ist bei dem Unfall erblindet, lernt, ständig bedroht, sich neu zu
       orientieren, den Blindenhund Nerea an ihrer Seite. Es geht von der Stadt
       hinaus aufs Land, es fehlt nicht an Blut und recht drastisch gezeigter
       Gewalt von und gegen Mensch und auch Tier, irgendwann geraten Diana und
       Chin im dunklen Märchenwald in trübes Gewässer und werden von digitalen
       Schlangen gewürgt und gebissen, eine Albtraumsequenz, sie ist kurz heftig,
       dann einfach so wieder vorbei.
       
       In einzelnen Szenen verdichtet sich der Schrecken gekonnt, von der
       pulsierend-pumpenden Musik von Arnaud Rebotini wirkungsvoll stumpf
       unterstützt. In anderen Szenen, manches Dialog-Erklärstück darunter, ist
       eher Kopfkratzen angesagt. Auch mit der Schauspielkunst von Ilenia
       Pastorelli, die in Italien als Big-Brother-Teilnehmerin zu Ruhm kam, ist es
       so eine Sache. Asia Argento wiederum, die die Blindenberaterin spielt, hat
       man selten in einer derart zurückgenommenen Rolle erlebt. Für den Vater ist
       „Dark Glasses“ ein return to mittlerer form. So wenig ist das in seinem
       Fall nicht.
       
       7 Aug 2022
       
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