# taz.de -- Internationale Diplomatie: Zwischen Anstand und Ehrlichkeit
       
       > Bisweilen ist die Entscheidung zwischen dem offenen Wort oder mehr
       > Diplomatie richtig schwierig. Das zeigt nicht nur das Beispiel Annelena
       > Baerbock.
       
 (IMG) Bild: Hat sich in der Türkei für die Option Ehrlichkeit entschieden: Außenministerin Baerbock
       
       Als Kind habe ich gelernt, dass man nicht lügen soll. Gleichzeitig wurde
       mir beigebracht, respektvoll mit anderen umzugehen. Sehr schnell war mir
       klar, dass beides bisweilen im Konflikt miteinander stehen kann. „Was hast
       du Furchtbares gekocht, das schmeckt wie…!“ ist vielleicht ehrlich, aber
       sehr unfreundlich. „Das ist gut, aber du brauchst es nie wieder zu kochen“
       hingegen mag ein bisschen unehrlich sein, sagt aber in der Tendenz das
       gleiche aus und ist dafür viel gesichtswahrender.
       
       Dinge zu sagen, es aber eigentlich etwas anders zu meinen, das ist der Kern
       von Diplomatie. [1][Annalena Baerbock], Deutschlands Chefdiplomatin, hat
       sich für klare Ehrlichkeit entschieden. Gegenüber ihrem türkischen
       Amtskollegen Mevlüt Ҫavuşoğlu legte sie eine erfrischende Deutlichkeit an
       den Tag, und zwar, bämm bämm bämm, gleich bei mehreren Themen: die
       türkischen militärischen Aggressionen in Nordsyrien, der Streit mit
       Griechenland um Inseln und in Wahrheit um Gasvorkommen im Mittelmeer, die
       Inhaftierung des Oppositionellen Osman Kavala.
       
       Damit sorgte sie für Debatten. „Nicht hilfreich“ sei das, man solle
       „bestimmte Themen“ lieber „diplomatisch hinter verschlossenen Türen“
       besprechen, sagt zum Beispiel Gökay Sofuoğlu, Vorsitzender der Türkischen
       Gemeinde Deutschland. Geholfen hat Diplomatie allerdings im Umgang mit der
       Türkei auch nicht. Offensichtlich verstehen Leute wie der türkische
       Präsident Recep Tayyip Erdoğan und seine Leute nur klare Worte.
       
       Man muss so reden, dass sie es kapieren – und in Kauf nehmen, dass sie
       anschließend beleidigt sind. Sind sie ja sowieso dauernd.
       „Zielgruppengerechte Ansprache“ nennt man das. Habe ich bei der Marine
       gelernt. Darf man eigentlich Freude über den Tod eines Menschen äußern?
       Grundsätzlich in einer zivilisierten Gesellschaft: nein. Punkt. Das heißt
       aber nicht, dass man da unterschiedlich empfinden darf.
       
       So nahm sich kürzlich in [2][Österreich eine Ärztin] das Leben, nachdem sie
       monatelang massiv von Coronaleugnern und Impfgegnern bedroht worden war.
       Seither feiern manche im Netz geradezu ihren Tod. Abstoßend ist das,
       widerlich und inakzeptabel. Mag ja sein, dass das ihre ehrlichen Gefühle
       sind, aber diese Leute sollten mal ihren Wertekompass überprüfen.
       
       Diese Woche wurde in Afghanistan [3][Aiman Al-Sawahiri] getötet, Mitgründer
       des Terrornetzwerks Al-Qaida und Nachfolger von Osama bin Laden als dessen
       Chef. Der US-Geheimdienst CIA hatte ihn aufgespürt und per Drohne getötet,
       als er auf dem Balkon seiner Wohnung in Kabul stand. Auch über seinen Tod
       äußern nun viele Menschen ihre Freude.
       
       Ich gebe zu: Eine Kerze würde ich für diesen Terroristen nicht anzünden. Er
       hat sehr viele Menschenleben auf dem Gewissen, und dass er sein monströses
       Werk nicht mehr fortsetzen kann, finde ich gut. Klar, wäre super gewesen,
       ihn lebend festzunehmen und ihm den Prozess zu machen. Aber wie hätte das
       vonstatten gehen sollen? „Ding dong, guten Tag, wir sind von der CIA, Sie
       sind festgenommen, bitte begleiten Sie uns!“, mitten im von den Taliban
       beherrschten Kabul? Eben.
       
       Übrigens hatte Angela Merkel nach dem Tod von Osama bin Laden 2011 gesagt:
       „[4][Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten].“
       Auch damals gab es große Aufregung. Ich kann die Bedenken verstehen. Die
       Frage ist eben, welche Worte man wählt, wie man also ehrlich bleibt und
       gleichzeitig anständig. Das alte Dilemma.
       
       Auf peinliche Weise ehrlich ist diese Woche die „AfD“. Weil die
       US-Politikerin Nancy Pelosi die Insel Taiwan besuchte und damit die
       Volksrepublik China erzürnte, schreibt [5][Parteichef Tino Chrupalla] auf
       Twitter, Pelosi provoziere China „in seinem Vorhof“. Auch Baerbock mache
       mit und garantiere Taiwan Beistand. Das seien „Kriegsspielereien der
       Grünen“, „größenwahnsinnig“ und „brandgefährlich“.
       
       Aber zu den Militärmanövern, die die Weltmacht China jetzt vor Taiwan
       veranstaltet, schweigt er. Wo auch immer in der Welt Feinde der Demokratie
       am Werk sind, ist die „AfD“ nicht weit. So viel ehrliche, unanständige Nähe
       zu Diktaturen ist selten.
       
       5 Aug 2022
       
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