# taz.de -- Einfühlung in Blindheit: Wenn man nur Schwarz sieht
       
       > Sich nicht auf den Sehsinn verlassen zu können, ist anstrengend. In einer
       > Hamburger Ausstellung lässt sich Blindheit probeweise spüren. Ein Besuch.
       
 (IMG) Bild: Wenn eigentlich nichts zu sehen ist – wie hier bei einer partiellen Mondfinsternis 2021
       
       Erschrocken zucke ich zusammen, doch dann tritt schnell Erleichterung ein:
       Es ist nur ein Vorhang. Alles andere in diesem Raum besteht aus härterem
       Material, ich habe nicht damit gerechnet, ein Stück Stoff zu berühren. Ich
       taste mich weiter mit meinen Händen an der Wand entlang vor, eine andere
       Option bleibt mir eh nicht: Ich bin vollkommen auf diesen Sinn angewiesen.
       
       Meine Augen, die mich durch meinen Alltag begleiten, sind hier nutzlos.
       Hier, das ist der vollkommen verdunkelte Raum des Hamburger
       Ausstellungsortes [1][„Dialog im Dunkeln“]. Zusammen mit einer weiteren
       Besucherin werde ich durch Räume geführt, die jeweils eine Szene der
       Außenwelt nachstellen: Park, Wohnung, Stadtverkehr.
       
       Im Park ist Vogelgezwitscher zu hören, der Baum ist aus Kunststoff, das
       fließende Wasser ist echt. In der Wohnung ertaste ich mit Mühe eine
       Kaffeemaschine und lasse mich irgendwann erschöpft auf ein Sofa fallen.
       Sich nicht auf den Sehsinn verlassen zu können, ist anstrengend.
       
       Während der gesamten Ausstellungstour werden wir begleitet von unserem
       Guide. Sie heißt Jasmin Kahraman und ist sehbehindert. Bereits als
       Kleinkind wurde bei ihr eine Netzhauterkrankung festgestellt, durch die
       ihre Sehzellen nach und nach abstarben. Aus ihren Augenwinkeln könne sie
       noch leichte Umrisse erkennen, im Alltag ist sie aber auf den Blindenstock
       angewiesen.
       
       ## Der erste Schreck ist überwunden
       
       In der Ausstellung sind unsere Rollen vertauscht – hier benötigt Kahraman
       keinen Blindenstock, sie kennt die Räume auswendig. Ich hingegen klammere
       mich an meinem Stock fest. Mit der Zeit werde ich entspannter und wechsle
       hin und wieder die Hand, mit der ich ihn halte.
       
       Die Panik, die ich zu Beginn empfunden habe, ist für einen Moment weg – und
       kommt wieder, als ich im stockfinsteren Raum an der Ampel stehe. Um mich
       herum höre ich Straßenlärm. Mir ist bewusst, dass der Verkehr nicht real
       existiert. Dennoch schüchtern mich die auditiven Signale rasender Pkws ein.
       Als die Ampel das Signal für Grün gibt, stresst mich der hetzende Ton. Ich
       schaffe es noch rechtzeitig auf die andere Straßenseite, mein Herz rast vor
       Adrenalin.
       
       Später gibt es die Möglichkeit, mit unserem Guide ein Gespräch zu führen.
       Ich frage Kahraman, inwiefern sie von Corona betroffen ist. Die Pandemie
       trifft Sehbehinderte etwas härter, erklärt sie mir. Zu Beginn habe sie
       nicht alleine das Haus verlassen können, da sie es nicht selbst in der Hand
       hat, ob jemand genügend Sicherheitsabstand hält. Ihre Mutter habe sie auch
       anfangs mit ausreichend Desinfektionsmitteln versorgt, da sie außer Haus
       überall auf ihren Tastsinn angewiesen ist – von den Türen des ÖPNV bis zum
       Knopf an der Ampel.
       
       Als ich den Ausstellungsort wieder verlasse, scheint draußen die Sonne und
       es ist grell. An der Ampel höre ich das Signal für Rot, als sie aber auf
       Grün umspringt, bleibt der hektische Ton aus. Ich mache einen Bogen um
       einen E-Roller, der auf dem Fußweg an der Bordsteinkante liegt, und
       überquere die Straße. Ich sehe die Autos bereits anfahren und beschleunige
       meine letzten Schritte.
       
       11 Jul 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://dialog-in-hamburg.de/erlebnisausstellungen/dialog-im-dunkeln/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Shoko Bethke
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Blinde Menschen
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Kolumne Großraumdisco
 (DIR) Menschen mit Behinderung
 (DIR) Leben mit Behinderung
 (DIR) Fußball
 (DIR) Kolumne Berlin viral
 (DIR) Blinde Menschen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Blinde Fußballerin Thoya Küster: Durch Fußball freier geworden
       
       Mit 16 Jahren hat Thoya Küster die deutschen Frauen zum Europameistertitel
       geschossen. In der Bundesliga kickt sie gegen erwachsene Männer.
       
 (DIR) Museumsführung per Telefon: Die Versuchung auf der Couch
       
       Die Staatlichen Museen Berlin bieten nun auch Telefonführungen an. Unsere
       Autorin besuchte „das Museum an der Strippe“ im Bademantel.
       
 (DIR) Nach Unfall mit E-Scootern in Bremen: Ein Hindernis zum Mieten
       
       Im Sommer stürzte Klaus Bopp über herumliegende E-Scooter und verletzte
       sich schwer. Der Bremer ist blind und fordert nun, die Roller zu verbannen.