# taz.de -- Long Covid ist nicht schnell vorbei: „Alles gut?“ Nein, genauso scheiße!
       
       > Die Tochter der Kolumnistin ist seit Monaten so krank, dass sie nur
       > liegen kann. Das wollen viele Leute nicht hören und erwarten Besserung
       > von ihr.
       
 (IMG) Bild: Olivia in ihrem Liegerollstuhl
       
       Die Frage, die unsere Tochter Olivia am häufigsten gehört und am meisten
       frustriert hat, [1][seitdem sie an Long Covid] erkrankt ist, ist die nach
       ihrem Befinden. Die fleißigste „Geht es Dir heute endlich etwas
       besser?“-Fragerin war zuallererst ich. Jeden Morgen hoffte ich, sie könnte
       bald wieder in die Schule und ich also arbeiten. Doch Olivia konnte nicht
       liefern.
       
       Bald mochte ich „Geht es Olivia denn jetzt langsam mal besser?“ selber
       nicht mehr hören. Und als ich in den Reaktionen der anderen meine eigene
       Fassungslosigkeit der vergangenen Monate wieder erkannte, bekam ich eine
       leise Ahnung, wie belastend es für Olivia sein musste, dauerhaft die
       Erwartungen ihres Umfeldes zu enttäuschen.
       
       [2][Es soll ja immer „Alles gut“ sein.] Was für eine ätzende Floskel! Ob
       zur Begrüßung oder wenn jemand heulend auf dem Schulhof im Dreck liegt –
       „Alles gut?“ geht anscheinend immer. Auch mein Mann und ich benutzen es
       regelmäßig in Situationen, in denen offensichtlich nicht alles gut ist.
       Wenn mein Mann Heimwerkertourette hat und ich Hilfe anbiete, bedeutet
       „Alles gut“: Geh’ mir nicht auf den Sack!
       
       Wenn ich demonstrativ mit viel zu vielen Sachen in der Hand durchs Haus
       hetze, dabei mein Telefon noch unterm Kinn, weil endlich die Krankenkasse
       zurückgerufen hat und Matthias fragt: „Alles gut?“, patze ich auch: „Alles
       gut“ zurück. Bei mir bedeutet es dann, dass ich kaum glauben kann, dass man
       echt kein Kinderkrankengeld für ein Kind über 12 Jahre bekommt, egal wie
       schwer oder lange es krank ist und dass sich Matthias bitte schuldig fühlen
       soll, weil ich aufräume.
       
       Was fühlt eine 13-Jährige, wenn die Freundinnen am Telefon ständig „Na, wie
       geht’s? Alles gut?“ fragen, obwohl sie seit Monaten nicht aufstehen kann?
       
       ## Ihr Bruder stellt keine blöden Fragen
       
       Bei Olivias zweitem längeren Krankenhausaufenthalt ist dann auf jeden Fall
       ihr „Wie geht es Dir heute?“-Fass übergelaufen. Jeden Tag wurde es ihr von
       der Früh-, Spät- und der Nachtschicht entgegen geschrien. Olivia antwortete
       bald nur noch „schlecht wie immer“. Ein Fakt, den aber anscheinend selbst
       Profis schwer akzeptieren können. Olivia musste erleben, wie man ihr Leid
       systematisch ignorierte oder zu relativieren versuchte.
       
       Jede dritte Krankenschwester hatte angeblich selbst Long Covid und wusste
       genau, wie Olivia sich fühlte – bettlägerig war allerdings keine von
       ihnen. Wenn Olivia dann zum tausendsten Mal ihre Erschöpfung beschrieb oder
       auf einer Skala von 1-10 einordnete, bekam sie zu hören, sich schlapp zu
       fühlen sei immerhin besser, als keinen Geruchs- oder Geschmackssinn zu
       haben oder dass es sicher bald vorbeigehen würde. Dabei waren wir ja nun
       gerade im Krankenhaus, weil es nicht vorbeiging. Es war eine schreckliche
       Erfahrung, an einem Ort, von dem wir uns verzweifelt Hilfe erhofft hatten,
       weder ernst genommen noch behandelt zu werden.
       
       Olivias Bruder Willi stellt zum Glück nie blöde Fragen. Wenn er darf, legt
       er sich einfach zu ihr ins Pflegebett und nimmt sie in den Arm. Und für
       alle anderen ist die „Wie geht es Dir?“-Frage bei uns Zuhause verboten. Von
       Olivias Freundinnen sind ihr diejenigen tollen Mädels geblieben, die es
       aushalten auf „Alles gut?“ dauerhaft die Antwort „Nee, alles immer noch
       scheiße“ zu hören.
       
       Und ganz unter uns: Ein bisschen besser geht es Olivia mittlerweile.
       Gestern konnten wir zum ersten Mal mit ihr im Liegerollstuhl zum Eiswagen
       vor der Tür und sie hat das Eis selbst gehalten! Mit enormem Einsatz vieler
       guter Menschen hat uns ein Arzt gefunden, der bereit war, Olivia zu
       behandeln. Doch selbst mit ihm will Olivia keinesfalls darüber sprechen,
       wie es ihr geht. Zu groß ist ihre Angst, die Welt könnte meinen, es sei
       wieder „Alles gut“ – denn das ist es nicht. Und sie muss auch gar nichts
       sagen. Es reicht, sie lächeln zu sehen.
       
       8 Jul 2022
       
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