# taz.de -- Die Wahrheit: Meine finnischen Aktien
       
       > Auf einer Finnland-Tour ist die Stimmung der sonst so schweigsamen
       > Nordmenschen angesichts der russischen Bedrohung deutlich zu vernehmen.
       
 (IMG) Bild: Mevlut Cavusoglu (l.) erklärt dem US-Kollegen Antony Blinken in New York den Preis für den Natobeitritt
       
       Meine Nokian-Reifen-Aktien sind gefallen! Ich besitze 15 Stück, als private
       Altersvorsorge. Mir wurde gesagt, man soll ein emotionales Verhältnis zu
       seinen Aktien haben. Emotion – das ist bei mir Finnland. Finnland ist mein
       ganz persönlicher Blutdrucksenker. Ich liebe zum Beispiel die Mumins, diese
       nilpferdartigen Trollwesen, weil ihre Rundlichkeit an meine erinnert. Und
       ich liebe Nokian. Ich fahre nur Reifen von Nokian. Auch weil ich
       Anteilseigner bin.
       
       Was ich nicht wusste, ist, dass 80 Prozent der finnischen Reifenproduktion
       in Russland stattfindet. Ich hatte die Aktien gekauft für 29,51 Euro und
       war sehr stolz, als sie auf 35,08 Euro stiegen. Dann fielen sie um 56
       Prozent auf 12,42 Euro. Dann sogar auf 11,22 Euro. Putin kostet also auch
       mich echtes Geld.
       
       Ich war gerade wieder in Finnland, im April. Zu einer Auftrittsreise an
       neun Orten im ganzen Land: Rovaniemi, Oulu, Salo, Turku, Tampere,
       Seinäjoki, Savonlinna, Joenssu und Helsinki. Es war noch kalt. Schneereste
       lagen auf den Straßen, über die ich mit meinen finnischen Reifen sanft
       dahinrauschte. Der Saimaa-See wie der Kemijoki waren noch zugefroren wie
       Putins Hirn.
       
       Als Ostwestfale fällt es mir leicht, mit den Finnen ins Gespräch zu kommen,
       auch ohne die Sprache zu können. Man muss schweigen können. Da erfährt man
       viel, ohne ein Wort zu sagen. Auf dieser Reise allerdings war wenig Zeit
       für Schweigen. Der Krieg in der Ukraine war jeden Tag neu das Hauptthema,
       die Bedrohung, mindestens die Unsicherheiten für Finnland durch die 1.340
       Kilometer lange gemeinsame Grenze.
       
       Ich erfuhr von subtilen Störaktionen im öffentlichen Leben, von gezielten,
       strategisch anmutenden Land- und Grundstückskäufen durch Russen entlang
       wichtiger Wasserwege, dem untypischen Einzäunen, von Sichtschutzbauten und
       Durchfahrverboten, dem Abschotten russischer Liegenschaften. Dem stark
       gestiegenen Wunsch, sich der Nato anzuschließen.
       
       Sie sagten auch: „Wir wissen, Putin wird uns dafür bestrafen!“ Russland
       stoppte letzten Samstag seine Stromlieferungen an Finnland. Aber kein
       Problem für die Finnen: „Notfalls setzt sich die ganze Nation auf
       Heimtrainer und erzeugt Strom. Gib uns zwei Wochen, und wir wandeln selbst
       den Anlauf im Skisprung in Energie um.“
       
       Uns Deutschen sind die Finnen technologisch absolut überlegen.
       Handy-Empfang hast du an der letzten Birke in Lappland. In Seinäjoki zum
       Beispiel musste ich die Bahnhofstoilette mit QR-Code und Smartphone
       entsperren. Die Nutzungsgebühr kommt auf meine nächste Handyrechnung. Meine
       Eltern hätten keine Chance gehabt. Die haben kein Handy!
       
       Nun haben Finnland und Schweden beschlossen, der Nato beizutreten. Ich
       finde das super. Auch meine Nokian-Aktie stieg sofort auf 13,15 Euro. Ich
       hoffe, sie wird sich bis zu meiner Rente erholen. Schade, dass es keine
       Mumin-Aktien gibt. Aktien für die glücklichste und pazifistischste
       Gesellschaft der Welt.
       
       19 May 2022
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Gieseking
       
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