# taz.de -- Entschuldigung von Politiker:innen: Die politische Nonpology
       
       > Karl Lauterbach und Frank-Walter Steinmeier wurden dafür gelobt, dass sie
       > Fehler eingestanden haben. Dabei ist das selbstverständlich.
       
 (IMG) Bild: Karl Lauterbachs Latenight-Rückzieher dürfte bei Risikogruppen für Erleichterung gesorgt haben
       
       Es gibt diese Ideen, die imstande wären, zu einer progressiveren
       Gesellschaft beizutragen – würden sie nicht in Windeseile von der Corporate
       Welt geschluckt werden. Übrig bleibt von diesen Ideen dann meist nur noch
       ein verdünnter Stoff, der allein zur Imagepolitur dient. [1][Fehlerkultur]
       ist so ein Beispiel. Während Unternehmen früher Pannen eher totgeschwiegen
       und verschleiert hätten, setzen moderne Konzerne inzwischen auf eine
       „positive Fehlerkultur“. Konkret bedeutet das: Fehler werden als solche
       benannt und aufgearbeitet. Im Gegenzug darf man sich die Reputation einer
       innovativen und lernfähigen Unternehmenskultur erhoffen.
       
       Dass sich dieser Trend nun auch in der Politik abzeichnet, ist wenig
       überraschend. Letztlich gibt es nicht viel, was politische und
       wirtschaftliche Interessen der Bundesregierung trennt, gerade beim Thema
       Pandemie, aber auch viel zu lange schon beim Thema Russland. In beiden
       Fällen gab es diese Woche Eingeständnisse von Politikern, die öffentlich
       Fehler zugaben und sich dafür entschuldigten – wohlgemerkt, nachdem sie in
       der Öffentlichkeit bereits scharf kritisiert worden waren.
       
       Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier räumte ein, sein Festhalten an der
       Gaspipeline Nord Stream 2 sei eindeutig ein Fehler gewesen. Dass Steinmeier
       besonders in seinem früheren Amt als Außenminister unter Merkel eine stark
       wirtschaftlich orientierte und sehr russlandfreundliche Politik mitgeprägt
       hat, wurde seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine immer wieder
       Thema. Nun erklärt Steinmeier, er habe sich in Putin „geirrt“.
       
       Und wird für seine Selbstkritik [2][gefeiert], weil ein solches Verhalten
       im Politbetrieb für ungewöhnlich erachtet wird. Doch wirkt dieser Irrtum
       sehr naiv für jemanden, der bereits verschiedene Regierungsämter innehatte.
       Wir erfahren nicht, was aus Steinmeiers Sicht genau zu diesem Irrtum
       führte, und warum die Warnungen von unterschiedlichster Seite vor Putins
       imperialem Machtbestreben Steinmeier Jahre und Jahrzehnte lang kalt
       gelassen haben.
       
       ## Erklärung war überfällig
       
       Im Angesicht von [3][Meldungen russischer Kriegsverbrechen] in der Ukraine
       erscheint eine Erklärung Steinmeiers längst überfällig. Doch ist sie auch
       angemessen oder gar glaubwürdig? Oder handelt es sich hier vielmehr um eine
       „Nonpology“? Eine Entschuldigung, die keine ist, weil sie das eigene
       Handeln rechtfertigt („Wir haben an Brücken festgehalten“), anstatt die
       Quelle des Irrtums ehrlich zu benennen (Profite).
       
       Bei Karl Lauterbach fällt die Entschuldigung grammatikalisch deutlich
       komplizierter aus: „Die Beendigung der Anordnung der Isolation nach
       Coronainfektion durch die Gesundheitsämter zugunsten von Freiwilligkeit
       wäre falsch und wird nicht kommen. Hier habe ich einen Fehler gemacht“,
       twitterte der Gesundheitsminister mitten in der Nacht, nachdem es an den
       Plänen, die Isolationspflicht aufzuheben, massive Kritik gegeben hatte.
       Natürlich ist es besser, eine falsche Entscheidung zurückzunehmen, als sie
       stur durchzudrücken.
       
       ## Weder vertrauenswürdig noch volksnah
       
       Lauterbachs Latenight-Rückzieher dürfte gerade [4][bei Risikogruppen und
       deren Angehörigen] für große Erleichterung gesorgt haben. Aber nach zwei
       Jahren Pandemie Entscheidungen von solcher Tragweite in den Raum zu werfen
       und je nach öffentlicher Stimmungslage kurzfristig zu reagieren und zu
       revidieren, wirkt weder vertrauenswürdig noch volksnah. Es wirkt flakey.
       Unzuverlässig. Und es ist genau ein solches Verhalten, das das Misstrauen
       von Corona-Leugner_innen weiter befeuert und frustrierte Arbeitnehmer_innen
       verunsichert.
       
       Das bedeutet nicht, dass Fehlerkultur in der Pandemie keinen Platz hat.
       Sondern, dass die Pandemie nicht wie ein Geschäft gemanaged werden sollte.
       Das Eingestehen schwerwiegender Irrtümer ist selbstverständlich – und eben
       nichts Lobenswertes.
       
       9 Apr 2022
       
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