# taz.de -- Türkei stoppt Khashoggi-Prozess: Bitte nicht stören
       
       > Erdogan nutzte den Mord an Jamal Khashoggi von Anfang für eigene Zwecke.
       > Nun wurde er eingestellt – um das saudische Königshaus zu befrieden.
       
 (IMG) Bild: Das war's: Die Verlobte von Khashoggi verlässt am Donnerstag das Istanbuler Gericht
       
       Ein Istanbuler Gericht hat am Donnerstag den Prozess wegen der Ermordung
       des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi eingestellt. Auch wenn dafür
       prozesstechnische Gründe angeführt wurden: Tatsächlich folgt diese
       Entscheidung wohl politischen Anweisungen aus Ankara. So wie die Eröffnung
       des Prozesses vor zwei Jahren vor allem eine politische Demonstration war,
       ist auch die Einstellung nun nichts anderes als ein [1][Signal an den
       saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman].
       
       So unfassbar die Ermordung von Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul
       im Oktober 2018 war, der türkische Präsident Erdoğan sah in dem Mord von
       Beginn an nicht nur ein Verbrechen an einem politischen Verbündeten,
       sondern auch eine Gelegenheit, den von ihm politisch aufs Schärfste
       bekämpften saudischen Kronprinzen an den Pranger zu stellen. Dabei ging es
       nie um Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit, es ging und geht
       um die Vormachtstellung im Nahen Osten. Erdoğan hatte mit dem
       [2][saudischen Königshaus] gebrochen, nachdem dieses den Putsch des
       ägyptischen Generals al-Sisi gegen [3][den damaligen ägyptischen
       Präsidenten Mursi finanziert hatte].
       
       Mursi war nach dem Sturz des Langzeitpräsidenten Mubarak als Vertreter der
       politisch mächtigsten Oppositionsgruppe, der Moslembrüder, zum Präsidenten
       Ägyptens gewählt worden. Für Erdoğan, der Mursi tatkräftig unterstützt
       hatte, war es sein größter außenpolitischer Erfolg – und der Sturz Mursis
       seine größte Niederlage. Zwischen der Türkei und Saudi-Arabien begann eine
       Eiszeit, in der Erdoğan den Mord an Khashoggi für sich nutzen konnte.
       
       Mittlerweile hat sich die politische Großwetterlage wieder gedreht. Die
       Türkei schickt gerade wieder einen Botschafter nach Ägypten, hat sich mit
       den Golfstaaten ausgesöhnt und will nun auch mit den Saudis wieder ins
       Geschäft kommen. Erdoğan will in absehbarer Zeit nach Riad reisen, da würde
       die „alte Sache“ mit Khashoggi nur noch stören.
       
       7 Apr 2022
       
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