# taz.de -- Tücken der Energiewende: Ökostrom für die Tonne
       
       > Das Vattenfall-Pumpspeicherwerk an der Elbe bei Geesthacht könnte die
       > Erzeugung von grünem Strom von dessen Nutzung entkoppeln, aber es
       > arbeitet kaum.
       
 (IMG) Bild: Könnte einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten: Pumpspeicherwerk Geesthacht
       
       Osnabrück taz | Eines der großen Probleme bei der Energiewende besteht
       darin, das schwankende Angebot an Wind- und Sonnenstrom mit dem
       Energiebedarf abzugleichen. Um Erzeugung und Nutzung zeitlich entkoppeln zu
       können, braucht es Speicher. Und die sind rar.
       
       Auch Hamburg sucht dafür nach Lösungen: Eine Pilotanlage im Hafen etwa kann
       130 MWh durch die Erhitzung von Vulkangestein speichern und bei Bedarf
       wieder in Strom verwandeln. Doch eigentlich muss die Technologie dafür gar
       keine Weltpremiere sein, wie beim ETES. Manchmal hilft es, sich auf
       Altbewährtes zu besinnen.
       
       Hier kommt das Vattenfall-[1][Pumpspeicherwerk (PSW) in Geesthacht] ins
       Spiel, ein paar Kilometer elbaufwärts. 1958 in Betrieb genommen, beträgt
       die Maximalleistung seiner drei Turbinen zusammen 120 MW. Lässt man das
       Becken leer laufen, können bis zu 600 MWh Strom erzeugt werden.
       
       Das Prinzip: Überschüssiger Strom hebt Wasser aus einem Unter- in ein
       Oberbecken; bei Strombedarf treibt das Wasser umgekehrt Turbinen an. Das
       PSW-Unterbecken ist die Elbe, das Oberbecken ein künstlicher See, der bis
       zu 3,6 Millionen Kubikmeter Wasser fasst.
       
       ## Doppeltes Netzentgelt
       
       Nur: Das PSW arbeitet kaum, wie Jens Heidorn, Stellvertretender
       Vorsitzender des Landesverbands Hamburg des Bundesverbands Windenergie
       sagt: [2][„Alle Welt schreit nach Speichern]. Aber das PSW wird in den
       letzten Jahren kaum noch genutzt.“
       
       Ein Problem sind hohe Abgaben. Doppelte Netzentgelte, für die Ein- wie für
       die Ausspeicherung, fressen an der Wirtschaftlichkeit. Ein anderes:
       Sanierungsbedarf. Im Becken gibt es belastete Sedimentablagerungen. Die
       Folge: temporäre Stilllegung.
       
       Geht es nach Heidorn, ist der Weiterbetrieb des PSW „auf jeden Fall zu
       sichern“. Vor allem gelte es, neue energiewirtschaftliche Rahmenbedingungen
       zu schaffen. „Wir haben das oft mit der Politik besprochen, quer durch alle
       Parteien“, sagt Heidorn frustriert. „Aber da tut sich bisher leider nicht
       viel.“
       
       Das stört auch Stephan Jersch von der Fraktion Die Linke in der Hamburger
       Bürgerschaft. Anfang 2022 hat er in seiner Kleinen Anfrage den Senat
       gefragt, ob das PSW in die Energiewende „konzeptionell oder praktisch
       eingebunden gewesen“ sei oder das noch geschehe.
       
       ## Keiner wagt sich ran
       
       „Dazu hat der Betreiber der zuständigen Behörde keine Informationen
       zugeliefert“, beschied der Senat knapp. Zwar sei das PSW „von
       energiewirtschaftlichem Interesse“. 2019 habe Hamburg ausführlich über eine
       Übernahme der vorhandenen Leistung verhandelt. „Bisher konnte keine
       Einigung erzielt werden“, teilte der Senat mit. Ein möglicher Verkauf der
       Anlage an die Stadt oder ihre Energieunternehmen stand damals nicht zur
       Debatte.
       
       „Das PSW könnte einen großen [3][Beitrag zur Energiewende] leisten“, findet
       Jersch. Aber geschehen ist nichts. Und das, obwohl das in die Tage
       gekommene PSW mehr als viermal soviel Speichervolumen wie der brandneue
       ETES hat. Niemand wagt sich dran – auch die Hamburger Energiewerke nicht,
       zumindest nicht mit einem Kauf.
       
       Es gebe „aktuell keine Pläne, das Pumpspeicherwerk Geesthacht zu
       übernehmen“, sagt deren Sprecherin Karen Kristina Hillmer.
       Pumpspeicherwerke seien der einzige Stromspeicher in Deutschland, der in
       einem nennenswerten Volumen zur Verfügung stehe. Aber: „Diese Bedeutung
       besteht unabhängig von der Eigentümerfrage.“
       
       Könnte Vattenfall es sich vorstellen, das PSW an Hamburg Energie abzugeben?
       „Vattenfall wurde mit einer derartigen Anfrage bislang nicht kontaktiert“,
       sagt Sprecher Stefan Müller. Ob das PSW derzeit Strom erzeugt, durchgängig
       oder sporadisch, wie viel das ist, wie er genutzt wird? Müller schweigt
       dazu.
       
       ## Blogger vermutet Zockerei
       
       Das PSW Geesthacht befinde sich nach wie vor im 'Übergangsbetrieb, teilt
       Müller lediglich mit. Dieser stelle die Reaktion auf das technische Alter
       der Anlage in Verbindung mit der technischen Verfügbarkeit dar. „In diesem
       Betriebszustand werden weiterhin alle wasserwirtschaftlichen Aufgaben und
       Verpflichtungen wahrgenommen und die Anlage regelmäßig in verschiedenen
       Betriebsarten eingesetzt“, versichert Müller.
       
       Dirk Seifert, Blogger unter „umweltfairaendern“ und einst im Vorstand des
       BUND-Hamburg, wundert das nicht: „Seit einiger Zeit behandelt Vattenfall
       alle Zahlen als Betriebsgeheimnis“, sagt er. „Das Werk läuft nur noch
       homöopathisch, damit nichts reinrostet.“ Vattenfall zocke bei den
       Verhandlungen, vermutet er. „Ich denke, die warten jetzt auf ein gutes
       Angebot, und solange passiert halt nichts.“
       
       Nicht allein wegen der Energiewende findet Seifert das fatal. Gerade vor
       dem Hintergrund der Krise um Russlands Gaslieferungen müsse man alle
       Handlungsräume nutzen, fordert er. „Da müssen dringend Puffer ins System.“
       Seifert regt solche Untätigkeit auf. Da würden auch in Hamburg
       Windkraftanlagen abgeregelt, wenn sie überschüssigen Strom produzieren, und
       zeitgleich liege ein großer Speicher brach. „Das ist doch widersinnig“,
       ärgert sich Seifert.
       
       14 Mar 2022
       
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