# taz.de -- Rote Fahnen gestern, heute und morgen: Revolution und Rückzug
       
       > Red Flags gibt es inzwischen in Massen. Früher standen sie für Hoffnung,
       > heute sind sie eher Warnsymbol. Wichtig bleibt, das richtige Lied zu
       > singen.
       
 (IMG) Bild: Wer schwimmen geht, wird zurückgepfiffen
       
       Das erste Mal, dass mir [1][das Konzept der Roten Fahne] erläutert wurde,
       war, als die Mauer fiel. Nicht etwa wegen Perestroika oder Glasnost und
       auch nicht wegen der hupenden Trabbis, die wenige Meter von unserer
       Kreuzberger Wohnung entfernt über die Grenze fuhren; und ganz bestimmt
       nicht wegen der Massen an Menschen, die mit Hammer und Meißel bewaffnet vor
       meinem Kinderzimmerfenster standen und sich die letzten Reste der Mauer
       sicherten. All das realisierte ich zwar, aber verstand es natürlich nicht.
       
       Und genauso wenig verstand ich die Szene dieses Charlie-Chaplin-Films, den
       ich zur gleichen Zeit schauen durfte: Chaplin läuft durch das Hafenviertel
       einer typisch amerikanischen Arbeiterstadt während der
       Weltwirtschaftskrise. Eine rote Warnflagge fällt von der Ladefläche eines
       Lastwagens, der grundehrliche Tramp hebt sie auf und rennt, die Fahne wild
       schwenkend hinter dem LKW her, um die Flagge ihrem rechtmäßigen Besitzer zu
       übergeben.
       
       Die streikende Arbeiterschaft erkennt in Chaplin daraufhin einen
       potenziellen Revolutionsführer, folgt ihm randalierend durch die Straßen,
       und der Mann mit der Melone und dem Spazierstock wird als Aufwiegler
       festgenommen und ins Gefängnis verfrachtet. Es dauerte einige Zeit und
       viele historische Exkurse meines Vaters, bis ich in diesem jungen Alter
       verstand, warum alle um mich herum bei dieser Szene so herzhaft lachten.
       
       Seitdem ist viel passiert. Mit mir und mit der roten Fahne. Ursprünglich
       angelehnt an die roten Mützen der Jakobiner während der französischen
       Revolution, hat es die Fahne im 20. Jahrhundert zu einer gewissen
       Allgemeingültigkeit geschafft. Ob in der Formel 1 als Signal für die
       Rennunterbrechung, als Badeverbotszeichen an den Stränden der Weltmeere und
       natürlich als vergöttertes Symbol der revolutionären Linken.
       
       ## Tagtäglicher Sprachgebrauch
       
       Doch mittlerweile hat die sogenannte „Red Flag“ auch noch eine ganz andere
       Ebene bekommen. Sie ist längst in den tagtäglichen Sprachgebrauch der
       Millennials und Gen Z eingeflossen und gilt als Warnzeichen, die man etwa
       beim Dating und auch in einer Beziehung auf keinen Fall ignorieren sollte.
       Ein einseitiges Gespräch beim ersten Treffen etwa deutet auf Egoismus hin.
       Red Flag. Extreme Eifersucht in der Beziehung? Eindeutige Red Flag.
       
       Nicht nur auf dem Kurznachrichtendienst Twitter wird dieser Begriff
       mittlerweile – teils ironisch, teils ernst gemeint – ins Endlose ausgedehnt
       und angewandt. Es ist quasi ein Sport geworden, Red Flags zu ermitteln.
       
       Beim Candle Light Dinner will sie über Bitcoins reden? Red Flag! Er gibt
       sich als Erneuerer der CDU, dabei ist er ein verkalktes Fossil, das bereits
       1997 gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe stimmte? Uuuuh,
       you better run! Beim Abendessen erzählt er dir, dass er das neue Buch von
       Sahra Wagenknecht nur gelesen habe, um dem „verengten Meinungskorridor in
       unserem Land zu entfliehen“? Nix wie weg.
       
       Deine neue Flamme ist ‚linker‘ Journalist und schreibt gerade einen
       konservativen Langweilertext (der von Franz Josef Wagner verfasst niemanden
       hinter dem Ofen hervorlocken würde), um seinen Übertritt zur
       Springer-Presse vorzubereiten? Reeed Flaaaag!
       
       Es gibt Unmassen an Red Flags, na klar. Aber manchmal ist man vielleicht
       auch einfach selber das Problem. Vielleicht sollte man seine eigenen Muster
       und Gewohnheiten hinterfragen, wenn man dazu neigt, sich ständig mit jedem
       um sich herum zu streiten und in allem toxisches Verhalten zu erkennen.
       Nicht, dass es davon nicht viel zu viel geben würde oder es keine
       Errungenschaft wäre, dass wir endlich über Warnzeichen reden.
       
       Aber um es auf den Punkt zu bringen: Own your Bullshit! Speak out! Und vor
       allem: „Avanti o popolo, alla riscossa / Bandiera rossa, bandiera rossa!“
       
       29 Jan 2022
       
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