# taz.de -- tazđŸŸthema: Nicht ohne mein Notizbuch
       
       > Immer mehr Menschen nehmen wieder das Heft in die Hand: Schreiben kann
       > das Leben strukturieren, Probleme lösen und sogar heilen. Was steckt
       > hinter dem Journaling-Trend?
       
 (IMG) Bild: Schreiben mit der Hand trainiert das Gehirn
       
       Von Katja-Barbara Heine
       
       Langsam schreiben, auch wenn die Gedanken vorauseilen. Die Buchstaben groß
       und rund schwingen. Und Linien auf dem Papier, falls vorhanden,
       geflissentlich ignorieren: Das sind Tipps, die Schreibtherapeutin Silke
       Heimes ihren Seminarteilnehmern gibt, wenn diese wieder einmal merken, wie
       eingerostet ihre Handschrift ist und dass die Finger verkrampfen, weil sie
       das Schreiben nicht mehr gewohnt sind. Ihre Kurse ausschließlich per
       Computer durchzufĂŒhren wĂ€re dennoch keine Option: „Es ist wissenschaftlich
       bewiesen, dass Schreiben mit der Hand das Gehirn ganzheitlicher trainiert
       als Tippen. Wir mĂŒssen uns stĂ€rker konzentrieren, merken uns Dinge besser
       und sind kreativer.“
       
       Trotz Digitalisierung hat die Handschrift keineswegs ausgedient. Derzeit
       lÀsst sich sogar ein regelrechter Schreibboom beobachten: Viele Menschen
       schreiben wieder regelmĂ€ĂŸig – statt „Tagebuch“ spricht man heute von
       „Journaling“ – und haben, neben dem elektronischen Notebook auch dessen
       Oldschool-Version aus Papier stets dabei.
       
       Notizbuchhersteller Moleskine konnte seinen Umsatz in den letzten zehn
       Jahren mehr als vervierfachen. Mit einer Neuauflage der klassischen
       schwarzen Kladde, wie sie schon Picasso, Hemingway oder Van Gogh genutzt
       haben sollen, verspricht das MailĂ€nder Unternehmen „Raum fĂŒr
       kontinuierliche KreativitĂ€t“ – schließlich sei die Handschrift „ein
       kraftvoller Akt, um das menschliche Genie freizusetzen“. Der deutsche
       Konkurrent Leuchtturm1917 wirbt mit dem Slogan „Denken mit der Hand“, fĂŒgte
       dem klassischen Notizbuch mit LesebÀndchen und Verschlussgummi Seitenzahlen
       hinzu und brachte es in 16 verschiedenen Farben heraus. Heute werden
       jĂ€hrlich weltweit mehr als vier Millionen Leuchtturm1917-NotizbĂŒcher
       verkauft.
       
       Was man in sein Notizbuch schreibt, bleibt natĂŒrlich jedem selbst
       ĂŒberlassen. AnsĂ€tze, wie regelmĂ€ĂŸiges Journaling das Leben verbessern kann,
       gibt es viele: Das 6-Minuten-Tagebuch etwa, bei dem man tÀglich morgens und
       abends positive Gedanken notiert, zum Beispiel Dinge, fĂŒr die man dankbar
       ist oder die gut gelungen sind. Eine weitere Journaling-Methode sind die
       Morgenseiten: Die amerikanische KĂŒnstlerin Julia Cameron empfiehlt, jeden
       Morgen ungefiltert drei Seiten vollzuschreiben und dadurch die KreativitÀt
       zu entfachen.
       
       Sehr beliebt ist auch Bullet Journaling: In einem selbst gestalteten,
       personalisierten Kalender trÀgt man Termine, Aufgaben und Ziele ein, aber
       auch Selbstreflexion und Inspiration haben darin Platz. Dem an ADHS
       leidenden Erfinder Ryder Carroll gelang es damit, Klarheit und Fokus in
       sein eigenes Leben zu bringen. Mittlerweile hilft die Methode vielen
       weiteren Menschen dabei, den Überblick zu behalten.
       
       Silke Heimes sieht in der neuen Lust am Schreiben vor allem eine Sehnsucht
       nach VerlĂ€sslichkeit in unsicheren Zeiten: „Schreiben ist eine
       RĂŒckbesinnung auf sich selbst in einer Welt, die uns hĂ€ufig ĂŒberfordert.
       Ich. Mein Stift. Mein Buch. Das ist eine neue Schlichtheit, die Menschen
       heute guttut. Die ihnen zeigt: Ich bin nicht abhÀngig von digitalen
       Produkten, ich genĂŒge mir selbst, und ich mache etwas nur fĂŒr mich.“
       
       Den aus Amerika herĂŒbergeschwappten Journaling-Trend sieht die seit drei
       Jahrzehnten als Schreibtherapeutin tĂ€tige Ärztin vor allem als
       Modeerscheinung und mit sehr gemischten GefĂŒhlen. Mit drei positiven
       Gedanken am Tag oder To-do-Listen sei es nicht getan, so Heimes. „Schreiben
       kann so viel mehr. Ähnlich wie andere Formen der Ausdruckstherapie – etwa
       Tanz, Musik oder Malen – kann es bei fast allen Problemen helfen und sogar
       Krankheiten heilen.“ Diese Bandbreite illustrieren auch ihre neuesten
       Buchtitel „Ich schreibe mich gesund“ und „Ich schreibe mich schlank“.
       Allerdings brauche es eine tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst, damit
       man seinen GefĂŒhlen auf die Spur kommt und Erkenntnis erlangt, so die
       Expertin. 15 Minuten tÀglich sollte man mindestens mit Papier und Stift
       verbringen, das Schreiben sollte so selbstverstÀndlich werden wie das
       ZĂ€hneputzen.
       
       Doch wie lÀsst sich die heilende Kraft des Schreibens eigentlich erklÀren?
       Heimes: „ZunĂ€chst einmal hilft Schreiben dabei, Ordnung in die Gedanken zu
       bringen, sich zu strukturieren, aufzurĂ€umen. Es sorgt fĂŒr Bewusstheit und
       Selbsterkenntnis: Wo stehe ich? Wie fĂŒhle ich mich? Wo möchte ich hin? Und:
       Ist etwas erst mal aufgeschrieben, wiegt es nicht mehr so schwer. Man hat
       es sich quasi von der Seele geschrieben, ist das Problem los.“ Ein ganz
       wichtiger Aspekt sei auch die Selbstwirksamkeit: „Ich kann mir, indem ich
       schreibe, selbst helfen. Ich brauche keinen Therapeuten.“
       
       Einsteigern empfiehlt sie, einfache HalbsÀtze zu vervollstÀndigen: Als ich
       heute Morgen erwachte, 
 Was mich heute belastet ist, 
 Als ich heute Abend
       nach Hause kam, 
 Auch Zeichnen oder Malen könne helfen – Formen wie Kreise
       und Dreiecke reichen dabei vollkommen aus. Viele Schreibexperten raten
       deshalb zu glattem Papier oder Punktraster, wie es auch Leuchtturm und
       Moleskine anbieten: Die dezenten hellgrauen PĂŒnktchen bieten ein Minimum an
       Orientierung, lassen aber genĂŒgend Platz fĂŒr individuelle Exkursionen.
       
       Auch wenn sie durchaus Gefallen an den schönen neuen BĂŒchern findet – Silke
       Heimes schreibt am liebsten in einfache Schulhefte. „Von einem edlen
       Notizbuch kann auch ein Druck ausgehen“, sagt sie. „Es kann uns hemmen,
       etwas Stammeliges, Unausgegorenes aufzuschreiben, und das kann
       kontraproduktiv sein.“ Ihr Tipp: Egal wie schön es ist und wie teuer es
       war: Notizbuch aufklappen und einfach drauflosschreiben.
       
       27 Nov 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja-Barbara Heine
       
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