# taz.de -- Zu leicht für den Schreibstuhl: Man muss ein Mann sein
       
       > Schreibtischstühle funktionieren erst ab einem Gewicht von 70 Kilo –
       > vorher geht die Federung nicht. Stellt sich die Frage: Was tun, wenn man
       > leichter ist?
       
 (IMG) Bild: Schreibtische und -stühle des Grauens (hier im Pressezentrum bei einer Fußball-WM anno dazumal)
       
       Schon mein ganzes Leben lang wird mir gesagt, was falsch an mir ist. Ich
       bin zu dünn, zu laut, zu anstrengend. Zu egozentrisch.
       
       Ich habe [1][Infantile Cerebralparase, kurz ICP], das ist ein Schaden des
       Nervensystems, ausgelöst vermutlich durch Sauerstoffmangel bei der Geburt.
       Andere sitzen deswegen im Rollstuhl, ich habe ein Bein, das etwas kürzer,
       dünner und schwächer ist als das andere. Das scheint von außen nicht so
       schlimm. Ich hinke eben ein wenig beim Gehen, jedoch folgt aus dem
       scheinbar kleinen Gehfehler ein ganzer Rattenschwanz an Problemen: Ich
       brauche spezielle Schuhe, bin weniger belastbar und schmerzempfindlicher
       als andere, habe trotz Sport häufig Rückenschmerzen und wenn ich müde bin,
       stolpere ich und stürze. „Na und?“, sagen die Schlauberger, „Aufstehen,
       Krönchen richten, weiter geht’s!“
       
       Ich bin aber nicht zwei, sondern 42 Jahre alt. Ich möchte nicht hinfallen,
       sondern Hilfsmittel haben, die sicherstellen, dass ich mit dem Körper, den
       ich nun mal habe und immer hatte, den ich mittlerweile mag und in dem ich
       mich wohlfühle, meinen Alltag, meine Arbeit und mein Leben selbständig
       organisiert kriege.
       
       ## Alles auf Sächsisch
       
       Letzten Dienstag sitze ich in meiner Küche und lausche zwei Handwerkern,
       die im Arbeitszimmer die neuen Beine meines Schreibtisches montieren.
       
       „Gib mir mal den Flachwinkel!“ ruft der, der unter dem Tisch liegt. „Die
       Pladde is dodal vazogn.“ Einer macht die Ansagen. Der andere arbeitet.
       Alles auf Sächsisch.
       
       Ich hab eine Tischplatte, Massivholz, unbehandelt, 25 Jahre alt. Bisher lag
       sie auf Böcken. Doch dann bekam ich solche Rückenschmerzen, dass ich echt
       nicht mehr weiterwusste. Ich musste aber einen Roman fertig schreiben.
       Meinen dritten.
       
       „Kauf dir einen neuen Schreibtischstuhl“, riet mir meine Lektorin.
       
       Ich rief einen Händler an. Wir unterhielten uns eine Weile. Ich erzählte
       ihm, ich hätte eine Gehbehinderung, sei Schriftstellerin und müsse wirklich
       viel am Schreibtisch sitzen.
       
       „Entschuldigen Sie“, unterbrach er mich plötzlich. „Darf ich mal fragen,
       wie schwer Sie sind.“
       
       „Keine Ahnung“, erwiderte ich und schätzte: „Irgendwas unter 60 Kilo.“
       
       „Ha“, rief er, „dann können wir gleich aufhören zu reden. Unsere Stühle
       funktionieren überhaupt erst ab einem Gewicht von 70 Kilo. Vorher aktiviert
       sich die Federung nicht.“
       
       ## Der Klamottenindustrie gefällt das
       
       Ich bin zugegeben nicht besonders schwer. Das ist vor allem genetisch
       bedingt. Die Streisands sind entweder lang und schmal oder klein und
       kräftig. Ich gehöre zur ersten Sorte.
       
       Der Klamottenindustrie gefällt das. Mit Konfektionsgröße 36 kann ich in
       jeden Laden gehen und alles anziehen. Die Mehrheit der Frauen in
       Deutschland kann das nicht. Die häufigste Kleidergröße ist nämlich 42 und
       das wird von der Modeindustrie schon als XL bezeichnet: zu groß. Nun könnte
       man denken, vielleicht ist die Industrie abseits der Mode einfach weniger
       sexistisch und nur behindertenfeindlich. Aber ich befürchte, es ist einfach
       wie überall: Man muss ein Mann sein. Ohne Behinderung. Männer können sich
       auf jeden Stuhl setzen und alles anziehen.
       
       Ich habe dann statt des Schreibtischstuhls die Tischbeine genommen. Wenn
       ich schon selbst keine neuen kriegen kann, soll mein Tisch welche haben.
       Elektrische. Zum Hoch- und Runterfahren. Per Knopfdruck.
       
       „Und wieviel darf ich da draufstellen?“, wollte ich wissen. Ich brauche die
       Fläche nämlich hauptsächlich, um Wände aus Büchertürmen zu stapeln.
       
       „Achtzig Kilo“, sagte der nette Verkäufer. „Da können Sie mit ihrem
       Computer und all ihren Büchern Fahrstuhl fahren.“ Das hat mich überzeugt.
       
       Der Roman ist längst abgegeben, aber der nächste kommt bestimmt. Vielleicht
       schreib ich was über eine Frau mit Behinderung. Obwohl meine Lektorin schon
       meinte, sowas verkaufe sich nicht.
       
       21 Nov 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Infantile_Zerebralparese
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lea Streisand
       
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