# taz.de -- tazđŸŸthema: Besser genau hingucken:Wie vegan ist das denn?
       
       > Zum Beispiel Apfelsaft und Senf: In Lebensmitteln, bei denen man es nicht
       > vermuten wĂŒrde, verstecken sich manchmal tierische Inhaltsstoffe
       
       Auf der Packung steht „100 % Frucht“. Der darin enthaltene Apfelsaft ist
       aber nicht unbedingt vegan. Viele ObstsÀfte werden mit Gelatine geklÀrt:
       Die aus Knochenmark, Knorpeln oder Haut von Rindern oder Schweinen
       gewonnene Substanz bindet TrĂŒbstoffe und macht das GetrĂ€nk schön klar. Da
       die Gelatine danach wieder herausgefiltert wird, gilt sie als
       Verarbeitungshilfsstoff und muss in den Zutaten nicht gelistet werden.
       Selbst das aufmerksamste Studieren der Inhaltsstoffe nĂŒtzt also nichts.
       Wein und Bier können ebenfalls mit Gelatine, HĂŒhnereiweiß oder Fischblase
       geschönt sein, und auch bei Essig werden in der Regel tierische KlÀrmittel
       eingesetzt. Da Essig wiederum in Produkten wie Senf, Ketchup oder
       GewĂŒrzgurken enthalten ist, sind auch diese nicht vegan.
       
       Als Binde- und Geliermittel kommt Gelatine etwa in Fruchtgummi,
       Marshmallows, Tortenguss und auch in FrĂŒhstĂŒckscerealien vor, etwa in den
       Toppas von Kellogg’s. Dort taucht sie in der Zutatenliste auf.
       
       Wenn man sich konsequent vegan ernĂ€hren möchte, genĂŒgt es also nicht, Eier,
       Milchprodukte und Honig wegzulassen, man muss beim Einkauf schon ganz genau
       hinsehen. Tierprodukte tauchen auch in Form von Molkenpulver, Laktose oder
       Farbstoffen auf. So können etwa rote Produkte Karmin enthalten: Der
       Zusatzstoff wird durch das Auskochen weiblicher SchildlÀuse gewonnen und
       fĂ€rbt zum Beispiel die roten M&Ms, Marmelade, Zahnpasta und Lippenstifte –
       ĂŒbrigens auch Naturkosmetik, denn es handelt sich bei den zerquetschten
       LĂ€usen um ein „natĂŒrliches Produkt“. Auf Zutatenlisten tarnt sich Karmin
       als E120 (Lebensmittel) oder CI 16255 (Kosmetik) und ist fĂŒr Laien kaum
       erkennbar. Auch Campari und Aperol wurden frĂŒher mit Karmin gefĂ€rbt,
       mittlerweile sind die Hersteller auf synthetische Farbstoffe umgestiegen.
       
       Eine verlÀssliche Einkaufshilfe ist das V-Label, ein international
       anerkanntes und geschĂŒtztes Siegel, das in Deutschland von der Organisation
       ProVeg vergeben wird. Das grĂŒne, mit einem Blatt versehene V-Signet im
       gelben Kreis gibt es in den Kategorien „vegan“ sowie „vegetarisch“. Als
       „vegan“ gekennzeichnete Produkte enthalten keine Zutaten, Komponenten oder
       Verarbeitungshilfsstoffe tierischen Ursprungs. Die eingangs beschriebenen
       mit Gelatine geklÀrten GetrÀnke bekÀmen das Siegel also nicht. Auch die
       Veganblume der Vegan Society ist hierzulande auf zahlreichen Produkten zu
       finden, etwas seltener ist noch das hellgrĂŒne Eco-Veg-Siegel fĂŒr vegane
       Produkte in BioqualitÀt.
       
       Kaum zu glauben, doch selbst FrĂŒchte sind nicht immer vegan: Äpfel,
       Pfirsiche, Kaffeebohnen und NĂŒsse können mit Schellack aus
       Schildlaus-Sekret oder Bienenwachs ĂŒberzogen sein, damit sie glĂ€nzen und
       lÀnger halten. Vor einiger Zeit ging zudem durch die Medien, dass Avocados
       nicht vegan seien, da beim Anbau fĂŒr die BestĂ€ubung Bienen, auf
       unnatĂŒrliche Weise gehalten, ĂŒber weite Strecken transportiert werden. Die
       „Wanderimkerei“ ist auch bei anderen Obst- und GemĂŒsesorten wie Brokkoli,
       Kirschen oder Gurken ĂŒblich.
       
       Wo beginnt und wo endet „vegan“? Wie sieht es mit Feigen und Datteln aus,
       bei deren BestÀubung in jeder Frucht eine Wespe verendet, die man mitisst?
       Wie vegan ist Demeter-GemĂŒse, das mit HornmistprĂ€paraten gedĂŒngt wird? Das
       V-Label greift hier nicht: Es berĂŒcksichtigt Produkte erst ab dem Zeitpunkt
       der Ernte und stellt keine Anforderungen an BestĂ€ubung oder DĂŒngung. Wo die
       Grenze gezogen wird, entscheiden Veganer ganz individuell.
       
       Einige verarbeitete Produkte sind „zufĂ€llig“ Tierprodukt-frei: etwa die
       Pringles Original Chips in der roten Packung, die Schokoladensorten
       Marzipan und Halbbitter von Ritter Sport, Croissants zum Aufbacken von
       Knack und Back oder die Neapolitaner-Schnitten von Manner. Auch nach dem
       deutschen Reinheitsgebot gebrautes Bier darf nicht mit Tierprodukten
       geklÀrt werden.
       
       Katja-Barbara Heine
       
       30 Oct 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja-Barbara Heine
       
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