# taz.de -- Krieg in Äthiopien: Addis Abeba im Visier der Rebellen
       
       > Äthiopiens Regierung verhängt Ausnahmezustand, Addis Abebas Bevölkerung
       > ist zur Verteidigung aufgerufen. Tigrays Rebellen drohen mit Einmarsch.
       
 (IMG) Bild: Der zentrale Platz Meskel Square in Addis Abeba in friedlichen Zeiten
       
       Berlin taz | Nach dem Vormarsch der Rebellenarmee TPLF
       (Tigray-Volksbefreiungsfront) im Norden [1][Äthiopien]s in den vergangenen
       Tagen greift die Sorge um sich, der Krieg könne die Hauptstadt Addis Abeba
       erreichen. Die äthiopische Regierung verhängte am Dienstag nachmittag den
       landesweiten Ausnahmezustand.
       
       Zuvor hatten die Behörden von Addis Abeba die fünf Millionen Einwohner der
       Stadt dazu aufgefordert, sich auf die Verteidigung der Hauptstadt
       vorzubereiten. Alle Bewohner sollten innerhalb von zwei Tagen ihre Waffen
       registrieren und sich dann „in ihrem Quartier versammeln und ihre Umgebung
       sichern“, so eine von äthiopischen Medien verbreitete [2][Bekanntmachung
       der Stadtverwaltung]. In ganz Addis Abeba würden Straßensperren errichtet.
       
       Eine von der Stadt eingerichtete „Joint Task Force“ warnte in einer
       weiteren [3][Erklärung], „Terrorunterstützer und Fanatiker“ würden sich
       zusammenschließen und Häuser mieten; sie würden außerdem planen, sich in
       Uniformen der staatlichen Sicherheitskräfte zu verkleiden, um „die
       Öffentlichkeit zu verwirren und kriminelle Aktivitäten zu begehen“. Die
       Bevölkerung solle solche „Fanatiker“ melden.
       
       Tigrayer in der Hauptstadt sind nach Angaben von Menschenrechtsgruppen in
       großer Zahl verhaftet und verschleppt worden, als mutmaßliche fünfte
       Kolonne des Feindes. Unbestätigten Berichten zufolge erarbeiten
       ausländische Botschaften in Addis Abeba bereits Evakuierungspläne. Die
       Stadt beherbergt unter anderem den Sitz der Afrikanischen Union (AU).
       
       ## Teile von Amhara und Afar erobert
       
       Seit einem Jahr herrscht in Äthiopien Krieg zwischen der Zentralregierung
       und der in Tigray regierenden TPLF (Tigray-Volksbefreiungsfront). Die war
       seit 1991 jahrzehntelang in Äthiopien die dominante Regierungspartnerin,
       aber der 2018 eingesetzte Reformpremier Abiy Ahmed brach mit ihr und
       bekämpft sie seit November 2020 als „terroristische Organisation“.
       Anfängliche Erfolge waren aber von kurzer Dauer, denn ohne TPLF ist
       Äthiopiens Armee kaum kampffähig.
       
       Bis zum Bruch stellte die TPLF den Großteil der Führungsebene von
       Äthiopiens Armee und kontrollierte die wichtigsten Rüstungsbestände des
       äthiopischen Militärs – damit kämpft sie nun auf eigene Faust. Sie genießt
       auch offenbar die Unterstützung ihrer Heimatregion, die einer Blockade der
       Zentralregierung unterworfen ist.
       
       Die Tigray-Rebellen haben in den vergangenen Wochen von Tigray aus Teile
       der Nachbarregionen Amhara und Afar erobert und sich mit einer weiteren
       historischen Rebellenbewegung verbündet, der OLF (Oromo-Befreiungsfront),
       deren bewaffneter Arm OLA (Oromo-Befreiungsarmee) Teile der
       zentraläthiopischen Region Oromia rings um Addis Abeba kontrolliert.
       
       Am vergangenen Wochenende rückte die TPLF in die strategisch wichtigen
       Großstädte Dessie und Kombolcha ein, deren Kontrolle ihnen den Weg nach
       Addis Abeba knapp 400 Kilometer weiter südlich öffnen würde. Die Städte
       bleiben umkämpft, aber die Rebellen meldeten am Montag und Dienstag weitere
       Geländegewinne.
       
       ## Abiy Ahmed schwört Bevölkerung auf Krieg ein
       
       Am Montag [4][sagte TPLF-Sprecher Getachew Reda] gegenüber Reuters: „Wenn
       unsere Ziele es erfordern, dass wir nach Addis Abeba marschieren, werden
       wir das tun.“ [5][OLA-Kommandeur Jaal Marroo sagte] in einem BBC-Interview,
       der Krieg sei fast vorbei und der Einmarsch in Addis Abeba sei „eine Sache
       von Tagen oder Wochen“.
       
       Der bedrängte äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed schwor die
       Bevölkerung am Montagabend auf Krieg ein. „Die Herausforderungen sind
       zahlreich, aber ich kann euch mit Sicherheit sagen, dass wir einen totalen
       Sieg davontragen werden“, gab die Nachrichtenagentur AFP seine Rede wieder.
       Die äthiopische Zeitung Addis Standard [6][zitierte ihn] mit der
       Behauptung, die TPLF bekomme Unterstützung von „schwarzen und weißen“
       Ausländern und „die Regierung war nicht auf die menschliche Welle
       vorbereitet“.
       
       Bereits am Sonntag hatte Abiy Ahmed als Reaktion auf die jüngsten
       Niederlagen an der Kriegsfront die Bevölkerung [7][dazu aufgerufen], sich
       „mit allen legalen Mitteln und mit allen Waffen und Fähigkeiten“ zu
       organisieren, um „die terroristische TPLF abzuwehren, zurückzuschlagen und
       zu begraben“.
       
       2 Nov 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Aethiopien/!t5009706
 (DIR) [2] https://addisstandard.com/news-addis-abeba-city-administration-cautions-residents-to-register-weapons-in-two-days/
 (DIR) [3] https://addisstandard.com/news-alert-addis-abeba-joint-peace-and-security-task-force-announces-taking-strident-measures-on-supporters-tplf-nostalgic-individuals/
 (DIR) [4] https://www.reuters.com/article/ethiopia-conflict-link-idAFL8N2RS5NL
 (DIR) [5] https://www.bbc.com/news/av/world-africa-59095778
 (DIR) [6] https://addisstandard.com/news-alert-pm-abiy-says-non-ethiopian-nationals-joined-tplf-forces-in-wello/
 (DIR) [7] https://addisstandard.com/update-pm-abiy-calls-on-our-people-to-temporarily-hold-occasional-affairs-organize-march-via-legal-manner-toprevent-reverse-bury-terrorist-tplf/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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