# taz.de -- tazđŸthema: Flocke kann auch Kugel
> Vom Armeleuteessen zum hippen Superfood: Hafer feiert ein kulinarisches
> Comeback, mit NĂŒssen und FrĂŒchten, als Riegel und GetrĂ€nk, als Kuchen,
> Keks und Energiekugel
(IMG) Bild: 2021 wurden 814.300 Tonnen Hafer geerntet, 57Â Prozent mehr als im Jahr 2019
Von Katja-Barbara Heine
Wer âvom Hafer gestochenâ ist, verhĂ€lt sich aufgekratzt und sprĂŒht vor
Ăbermut. UrsprĂŒnglich stach der Hafer vor allem Pferde, möglicherweise,
weil er frĂŒher ungeschĂ€lt verfĂŒttert wurde und schwer verdaulich war. Doch
das Getreide soll auch eine aufputschende Wirkung auf die Tiere haben,
seine vielen ungesĂ€ttigten FettsĂ€uren sorgen fĂŒr einen regelrechten
Energieschub.
Auch fĂŒr den Menschen ist Hafer ein wahres Superfood, das so ziemlich jedem
Anspruch gerecht wird, den man an ein Lebensmittel heute haben kann: Hafer
ist gesund, sÀttigend, laktosefrei, glutenarm oder sogar glutenfrei,
preiswert, regional, nachhaltig und natĂŒrlich vegan. Kein Wunder, dass das
Korn boomt: âDer Konsum von Haferflocken und anderen Lebensmitteln aus
Hafer ist in den letzten zehn bis zwölf Jahren stark gestiegenâ, sagt
Richeza Reisinger von der Initiative âHafer â Die Alleskörnerâ des Verbands
der Getreide-, MĂŒhlen- und StĂ€rkewirtschaft. âDer Hafer-Hype ist auf das
gestiegene Bewusstsein fĂŒr ErnĂ€hrung und daraus resultierende verĂ€nderte
Essgewohnheiten zurĂŒckzufĂŒhren.â Mit dem Haferbrei, der einst die
Arbeiterklasse gĂŒnstig satt machte, hat das Comeback wenig zu tun. Heute
genieĂt man Hafer mit FrĂŒchten und NĂŒssen verfeinert als Porridge, als
Overnight Oats (siehe Infokasten), als knuspriges Granola oder im Smoothie.
Hafergerichte lassen sich schnell und ohne groĂen Aufwand zu Hause
zubereiten, dĂŒrfen aber auch in der Gastronomie auf der FrĂŒhstĂŒckskarte
nicht mehr fehlen.
Die Café-Kette Haferkater hat sich sogar komplett dem Hafer verschrieben.
Das Berliner Start-up zeigt in landesweit zehn Filialen, was sich aus Hafer
alles zaubern lÀsst: Morgens bietet cremiger Porridge mit verschiedenen
Toppings eine gesunde Alternative zum FrĂŒhstĂŒcksbrötchen. Mittags kommt der
fast vergessene Haferreis auf den Teller, fĂŒr den roher Hafer zu
reisartigen Körnern geschliffen wird. Und zum Kaffee gibtâs Kuchen, Kekse
oder Energiekugeln â selbstverstĂ€ndlich aus Hafer. Die gesundheitsfördernde
Wirkung des traditionsreichen Getreides ist wissenschaftlich gut
erforscht: Das Haferkorn ist eine NĂ€hrstoffbombe mit komplexen,
langkettigen Kohlenhydraten, pflanzlichem EiweiĂ, ungesĂ€ttigten FettsĂ€uren,
Vitaminen und Mineralstoffen. Es enthÀlt reichlich Eisen, Zink und Vitamin
B und ergÀnzt somit auch eine vegane ErnÀhrung auf ideale Weise. Hafer
senkt den Cholesterinspiegel, lÀsst den Blutzuckerspiegel nur langsam
ansteigen und kann Stoffwechselstörungen entgegenwirken.
Vermutlich wurde Hafer bereits in der Bronzezeit kultiviert und hatte
spÀter auf dem Speiseplan der Germanen seinen festen Platz. Im 17.
Jahrhundert verdrÀngte ihn die Kartoffel, lange spielte Hafer nur noch eine
kleine Nebenrolle. Doch seit einiger Zeit steigt das Interesse wieder â und
neue Produkte erobern den Markt.
Klassiker ist immer noch die Haferflocke: FĂŒr die kernige Variante mit Biss
werden ganze Haferkerne zu Flocken ausgewalzt. FĂŒr zarte Flocken
zerkleinert man die Kerne vor dem Auswalzen. Lösliche Haferflocken werden
aus gemahlenen Haferkernen hergestellt. AuĂerdem gibt es Haferkleie,
-grĂŒtze, knusprige Hafercerealien, Porridge-Mischungen und Haferriegel. Und
natĂŒrlich den Haferdrink. âHier ist eine völlig neue Produktkategorie
entstandenâ, so Richeza Reisinger. âHaferdrink ist inzwischen die
beliebteste Sorte unter den Pflanzendrinks. Und zunehmend wird Hafer auch
in anderen Milchersatzprodukten eingesetzt.â
So erweitert etwa der schwedische Hersteller Oatly seine Produktpalette
kontinuierlich: Neben zehn verschiedenen Haferdrinks â von aufschĂ€umbarem
Barista-Milchersatz bis hin zum fruchtigen Mango-Drink â stellt Oatly
âOatgurtsâ, Eiskrem, Brotaufstriche und Ersatzprodukte fĂŒr Kochsahne,
Schlagsahne, CrĂšme fraiche und Vanillecreme auf Haferbasis her.
Im Vergleich zu anderen Milchersatz-Quellen hat Hafer viele Vorteile: Er
ist unkompliziert, mag ein gemĂ€Ăigtes Klima und fĂŒhlt sich in unseren
Breiten wohl. FĂŒr Hafer wird kein Regenwald abgeholzt, wie das bei Soja
hÀufig der Fall ist. Er verbraucht auch nicht Unmengen von Wasser, wie die
riesigen Mandel-Monokulturen in Kalifornien. Und er muss nicht um die halbe
Welt transportiert werden, bis er hierzulande im Supermarktregal landet.
AuĂerdem schont und regeneriert er die Ackerböden: Hafer gilt als
âGesundungsfruchtâ. Seine starken Wurzeln kommen mit fast jedem Boden
zurecht, er lÀsst Unkraut wenig Platz zum Wachsen, ist nicht
krankheitsanfĂ€llig und muss nur wenig gedĂŒngt werden. Derzeit deckt die
hiesige Ernte nur einen Bruchteil des Haferbedarfs deutscher MĂŒhlen, der
GroĂteil muss aus Skandinavien oder Polen importiert werden. Doch die
AnbauflÀche in Deutschland wird ausgedehnt: In den letzten zwei Jahren sind
gut 50.000 Hektar hinzugekommen, ein Plus von 40 Prozent. Auf rund einem
Drittel davon wĂ€chst Biohafer. 2021 wurden 814.300 Tonnen Hafer geerntet â
57 Prozent mehr als in 2019.
Der Klimawandel und neue Gesetze, etwa die DĂŒngeverordnung, stellen die
Landwirtschaft vor groĂe Herausforderungen. Hafer könnte hier ein
sinnvoller und auch wirtschaftlich interessanter Lösungsbaustein sein. Und
eine blĂŒhende Zukunft haben.
30 Oct 2021
## AUTOREN
(DIR) Katja-Barbara Heine
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