# taz.de -- Osman Kavala seit vier Jahren in Haft: Türkischer Sponsor von Dialog
       
       > Für Staatschef Erdoğan ist er ein Aufrührer, der ins Gefängnis gehört.
       > Doch Kulturmäzen Osman Kavala ist vor allem ein guter Zuhörer.
       
 (IMG) Bild: Osman Kavala, aufgenommen 2014 während einer Pressekonferenz im EU-Parlament
       
       Istanbul taz | Der heute 64-jährige [1][Osman Kavala] ist ein sanfter Mann.
       Er spricht meist leise, stattdessen ist er ein empathischer Zuhörer, der
       sich in der Regel wirklich dafür interessiert, was sein Gegenüber zu sagen
       hat. Er glaubt an den Dialog.
       
       Seit er 1982 einen großen Mischkonzern von seinem Vater übernahm, ist er
       ein reicher Mann. Um sich dem Dialog als Problemlösung für die vielen
       Konflikte der Türkei widmen zu können, zog er sich aus der operativen
       Leitung seines Konzerns zurück und geht seitdem hauptsächlich seinen
       kulturellen Projekten nach.
       
       Kavala, einer der wichtigsten Sponsoren der türkischen Zivilgesellschaft,
       gründete den Verein „Anadolu Kültür“, der sich der Verständigung von
       Armeniern und Türken und von Kurden und Türken widmet. Er ließ ein
       Kulturzentrum in der heimlichen kurdischen Hauptstadt Diyarbakir
       einrichten, wo er Veranstaltungen zur friedlichen Lösung der Kurdenfrage
       sponserte, er finanzierte ein kurdisches Archiv, ein armenisch-türkisches
       Jugendorchester und vieles mehr.
       
       „Noch“, sagte die Geschäftsführerin von Anadolu-Kültür, Asena Günal, vor
       zwei Tagen zur taz, könnten die meisten Projekte fortgeführt werden, doch
       es werde immer enger. Denn anders als viele westliche Institutionen sieht
       Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Kavala keinen Kulturmäzen, sondern einen
       Terroristen, Spion und Aufrührer, der mit Unterstützung westlicher Mächte
       seine Regierung stürzen will.
       
       ## Mit Hilfe vom Westen
       
       „Um diesem Narrativ nicht noch Nahrung zu geben, haben wir in den ersten
       Jahren, nachdem Osman verhaftet wurde, nicht so sehr auf Unterstützung aus
       dem Westen gedrängt“, so Günal der taz. Doch nach nun vier Jahren in
       Untersuchungshaft „sind wir jetzt froh über jede Unterstützung“.
       
       Osman Kavala wird derzeit [2][zum zweiten Mal angeklagt], jetzt wegen
       Spionage, nachdem man ihm weder seine angebliche Finanzierung der
       Gezi-Proteste noch eine Beteiligung am Putschversuch gegen Erdoğan
       nachweisen konnte. [3][Bereits im Dezember 2019] hatte der europäische
       Menschenrechtsgerichtshof EGMR seine Freilassung aus der Untersuchungshaft
       gefordert, seitdem hat auch der Ministerrat des Europarates diese Forderung
       unterstützt und bei weiterer Nichtbeachtung des Urteils aus Straßburg mit
       dem [4][Rauswurf der Türkei aus dem Europarat] gedroht.
       
       Der Brief der westlichen BotschafterInnen zum vierten Jahrestag der
       Verhaftung von Osman Kavala am letzten Montag, war denn eigentlich auch
       nicht mehr als eine Bekräftigung der Forderung nach Umsetzung des Urteils.
       In einem Interview mit der Nachrichtenagentur afp sagte Kavala kürzlich:
       „Der Grund für meine fortgesetzte Inhaftierung ist das Bedürfnis der
       Regierung, die Fiktion am Leben zu erhalten, die Gezi-Proteste wären eine
       ausländische Verschwörung gewesen.“
       
       Kavala selbst ist von der jahrelangen juristischen Farce gegen ihn völlig
       zermürbt. „Es geht ihm nicht gut“, sagte Asena Günal, die ihn gelegentlich
       besuchen darf. Kavala hat am Wochenende angekündigt, dass er sich zukünftig
       vor Gericht nicht mehr verteidigen wird. „Es gibt einfach keinen fairen
       Prozess“, schrieb er an seine Unterstützer.
       
       24 Oct 2021
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jürgen Gottschlich
       
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