# taz.de -- Identitätspolitik mal anders​: Wir können alle Blumen sein
       
       > Lieber dasselbe Parfüm bis zum Lebensende als dieselbe romantische
       > Zweierbeziehung? Bei der Duftauswahl entstehen jedenfalls diverse
       > Gedanken.
       
 (IMG) Bild: Blumige, holzige, fruchtige oder orientalische Düfte: Wer will ich sein und wie will ich wirken?
       
       Mit überreizten Nasenschleimhäuten und pochenden Schläfen greife ich nach
       einem Flakon, schiebe mir den Zerstäuber unter die Maske und inhaliere die
       aromatisierte Luft unter meiner FFP2. Dann stelle ich die Flasche zurück
       [1][und lasse den Sinneseindruck auf mich einwirken.]
       
       Seit 20 Minuten geht das so. Kein Plan, ob das Corona-konform ist.
       Zumindest ist es nicht verboten, denn die Verkäuferin wirft mir bei jedem
       Blickkontakt ein Smize zu, während sie durch die Kaufhausgänge flaniert.
       
       Was sich an meinen Gehirnzellen so zu schaffen macht, sind keine Poppers,
       [2][sondern Parfüm]. Ich brauche ein neues. Naja, „brauchen“. An meinem
       aktuellen ist alles in Ordnung, ich liebe es und bekomme ständig
       Komplimente dafür. Nur nähert sich die Flasche nach fünf Jahren Loyalität
       ihrem Ende. Zeit für einen Imagewechsel?
       
       Mir gefällt der Gedanke, einen Signature-Scent zu haben. Eher dasselbe
       Parfüm bis zum Lebensende als dieselbe romantische Zweierbeziehung, denke
       ich. Andererseits bin ich Skorpion und strebe stets nach Veränderung.
       
       ## Wenn die Identitätskrise kickt
       
       Doch sobald ich mich mit einem Duft aus der engeren Auswahl einsprühe,
       kickt die Identitätskrise. Bis zur nächsten Dusche frage ich mich non-stop,
       ob dieser unsichtbare Mantel wirklich Ich ist. In der Hoffnung, dass sie
       mir bei der Entscheidung helfen können, bitte ich meine Freund_innen um
       Feedback. Sie mögen den Duft, doch sie können nicht beantworten, wie viel
       Prozent Hengameh darin steckt. Am Ende kaufe ich nichts.
       
       Der Parfümsektor ist der geläufigste Ort, an dem auch die durchschnittliche
       cis Hete eine genderbezogene Identitätskrise erfährt. Wo Gestik,
       Körperhaltung, Kleidung oder Sprechart zufällig gewählt und nicht
       sorgfältig einstudiert scheinen, ist Parfüm eine bewusste Entscheidung. So
       mannigfaltig die Düfte, so verschieden sind sie in ihrem Ausdruck. Nicht
       jede_r trägt Parfüm, manche sind sogar allergisch, doch auseinandersetzen
       tun sich so gut wie alle damit.
       
       Viele Faktoren spielen eine Rolle, neben dem Preis ein ganzer
       Fragenkatalog: Wie dezent möchte ich riechen? Und die Note, eher süß?
       Pudrig? Blumig? Herb? Botanisch? Holzig? Ledrig? Kühl? Warm? Sportlich?
       Schwer? Leicht?
       
       Soll es ein Unisex-Parfüm sein oder doch etwas Eindeutigeres – und wenn ja,
       auf welche Seite der Binarität will ich? Möchte ich wie die Ex meiner
       Mitbewohnerin riechen? Oder überhaupt wie irgendwer? Bin ich ein Bouquet
       oder eine verrauchte KfZ-Werkstatt? Unterm Strich geht es doch darum: Wer
       bin ich und wie möchte ich wahrgenommen werden?
       
       Am Ende ist es nicht nur das Parfüm, sondern eine Melange aus Düften, die
       eine Person ausmacht. Ich begehe mit einem Wechsel also keinen Verrat an
       mir selbst. Online finde ich mein altes für den halben Preis. Ich bestelle
       eine große Flasche und kaufe noch die beiden anderen Favoriten aus der
       Odeur-Recherche. Vielleicht trage ich sie einfach alle drei Übereinander.
       Eine Re-Invention muss die Kern-Identität ja nicht gleich über Bord werfen.
       
       9 Sep 2021
       
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