# taz.de -- Chinas Drohgebärden gegen Taiwan: Heute Kabul, morgen Taipeh?
       
       > Peking hofft, dass der US-Abzug aus Afghanistan der „abtrünnigen Provinz“
       > Taiwan Angst einflößt. In Taipeh reagiert man gelassen.
       
 (IMG) Bild: Auftritt einer Militärband anlässlich des 100. Geburtstages der KP im Juli
       
       Peking taz | Chinas Propagandamedien hatten ihre sichtliche Freude am
       Straucheln der US-Amerikaner. Vor allem versuchten sie nach dem Abzug des
       US-Militärs aus Kabul krampfhaft, eine Parallele zu einem weiteren
       Bündnispartner Washingtons zu ziehen: „Heute Afghanistan, morgen Taiwan?“,
       lautete die Überschrift eines [1][Artikels der nationalistischen Global
       Times]. Und darin stellte der Autor die rhetorische Frage, ob die jüngsten
       Ereignisse in Afghanistan „ein Omen für das zukünftige Schicksal“ des
       Inselstaates Taiwan seien.
       
       Der Vergleich der Staatspresse hinkt natürlich, zu wenig lässt sich die
       Situation eines krisengeschüttelten „failed state“ mit einer wirtschaftlich
       hocherfolgreichen Demokratie vergleichen. Und doch stellt sich für die
       Regierung in Taipeh immer dringlicher die Frage, wie sie mit den
       jahrzehntealten Schreckensdrohungen aus China umgehen sollen. Denn unter Xi
       Jinping wird das Szenario einer militärischen Zwangsvereinigung zunehmend
       real.
       
       Am Dienstag hat die chinesische Volksarmee erneut vor der Küste Taiwans
       Militärübungen abgehalten. Dabei wurden unter anderem Kriegsschiffe und
       Kampfflugzeuge entsandt. Das Verteidigungsministerium in Taipei reagierte
       gelassen mit einer Routine-Stellungnahme: Man habe die Situation
       „vollständig im Griff“ und sei „auf verschiedene Antworten vorbereitet“.
       
       Und tatsächlich sind die ständigen Militärprovokationen des großen Nachbarn
       für die 23 Millionen Taiwaner mittlerweile längst nur mehr lästige
       Störgeräusche, die seit Jahrzehnten zur Normalität gehören.
       
       ## Mehr Militärmanöver
       
       Doch jene Abgestumpftheit könnte sich als trügerisch herausstellen. Denn
       unter Xi Jinping haben sich nicht nur die rhetorischen Drohungen verschärft
       und [2][die Militärmanöver gehäuft]. Der 68-Jährige scheint fest
       entschlossen, seinen Traum von der „nationalen Wiederbelebung“ Chinas in
       die Tat umzusetzen. Und dazu gehört als wesentlicher Eckpfeiler die
       Eingliederung der „abtrünnigen Provinz“ Taiwan.
       
       Wer sich mit westlichen Diplomaten in Peking unterhält, hört oft die
       Einschätzung, dass Xis rasantes Tempo vor allem dem Umstand geschuldet ist,
       dass er seine Vision noch zu Lebzeiten erreichen möchte. Für Taiwan also
       dürfte der Zeithorizont bis etwa 2035 entscheidend sein.
       
       Taiwans Premier Su Tseng-chang gab sich am Dienstag demonstrativ
       kampfbereit, als er von einem Journalisten auf die Aufgabe der afghanischen
       Regierung angesprochen wurde. „Wir haben weder Angst, getötet, noch
       inhaftiert zu werden“, sagte Su: „Wir müssen dieses Land beschützen.“ Ein
       Beispiel für die Einigkeit der Bevölkerung sei nicht zuletzt der
       erfolgreiche Kampf gegen die Pandemie.
       
       Wer sich mit den Bewohnern der Insel unterhält, wird praktisch niemanden
       mehr finden, der sich eine Angliederung an Festlandchina wünscht. Das
       Misstrauen gegen Peking ist zwar unterschiedlich schattiert, jedoch
       spätestens seit der Niederschlagung der Hongkonger Opposition
       flächendeckend verbreitet.
       
       ## Hoffnung auf Kompromiss
       
       Die Konservativen und Senioren wünschen sich trotz allem ein harmonisches
       Verhältnis und haben Hoffnung auf einen Kompromiss mit China. Die Jüngeren
       hingegen identifizieren sich zu großen Teilen nicht mehr als Chinesen und
       sehen den großen Nachbarn schlicht als Ausland.
       
       Doch China nutzt seine Macht zunehmend, um Taiwan international keinen
       Zentimeter Anerkennung zukommen zu lassen. Erst kürzlich hatten die USA dem
       Inselstaat eine größere Waffenlieferung genehmigt und [3][mit Litauen
       vereinbart, jeweils gegenseitig diplomatische Vertretungsbüros
       einzurichten].
       
       Beide Maßnahmen erregten die Wut Chinas: Peking verwies letztlich Litauens
       Botschafter des Landes. Doch die chinesischen Parteikader reagieren auch
       auf scheinbare Lappalien ebenso harsch: Etwa, wenn Flugzeugfirmen für ihre
       Routen die Bezeichnung „Taiwan“ verwenden (anstatt „Chinesisch Taipeh“).
       Jenen Kompromiss, den sich einige ältere Taiwaner wünschen, wird China
       unter Xi Jinping niemals eingehen.
       
       19 Aug 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.globaltimes.cn/page/202108/1231635.shtml
 (DIR) [2] /Chinesische-Jets-in-Taiwans-Luftraum/!5743134
 (DIR) [3] /Diplomatischer-Streit-eskaliert/!5788284
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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