# taz.de -- Athletinnen mit psychischen Belastungen: Die Sache mit dem Druck
       
       > Simone Biles und Naomi Osaka machen bei Olympia ihre psychischen Probleme
       > publik. Sie sind Botschafterinnen für einen Sport mit menschlichem
       > Antlitz.
       
 (IMG) Bild: Abgang der Größten: Simone Biles verlässt die olympische Bühne
       
       Es war eine schier herzzerreißende Nachricht, die Simone Biles via Twitter
       in die Welt gesendet hat. Ein Herz, grau auf weißem Hintergrund, das war’s.
       Der traurige Kommentar der besten Turnerin der Gegenwart zu ihrem Abgang
       von der olympischen Bühne am Dienstagabend hatte binnen weniger Stunden
       Hunderttausende Likes. Dies ist vielleicht der Hoffnung spendende Aspekt an
       der traurigen Nachricht des Tages aus Tokio.
       
       Biles hatte das Teamfinale mitten im Sprung abgebrochen, hatte ihren
       Kolleginnen vom Team USA gesagt, sie mögen alleine weiterturnen. Wegen
       psychischer Probleme könne sie auch am Mehrkampffinale am Donnerstag nicht
       teilnehmen, ließ sie dann mitteilen.
       
       Es war ein Schock, der die Sportwelt aufgerüttelt hat. Was folgte, war ein
       Lovestorm für Biles in den sozialen Medien. Ihr Abgang von den Spielen
       könnte dereinst als großer Sieg gefeiert werden. Als Erfolg im Kampf von
       Sportlern und Sportlerinnen dafür, dass sie als Menschen mit all ihren auch
       psychischen Problemen ernst genommen werden. Und vielleicht ermutigt Biles’
       Offenheit auch Menschen in anderen gesellschaftlichen Bereichen, in denen
       normalerweise nur Erfolge zählen, sich ihren mentalen Problemen zu stellen.
       Im besten Falle treffen sie dann auf offene Ohren bei Chefs,
       Mitarbeiterinnen und Angehörigen.
       
       Auch [1][Naomi Osaka], Japans beste Tennisspielerin, hat viel Zuspruch
       erfahren, als sie [2][im Juni öffentlich über ihre Ängste und Depressionen]
       gesprochen hat. Dennoch hat sie ihre Rolle als Sportbotschafterin für die
       Spiele in Japan weitergespielt. Wie nach einen Drehbuch für eine
       Hollywood-Schmonzette war ihr Sportjahr auf den Höhepunkt Olympia
       ausgerichtet. Sie entzündete das olympische Feuer bei der Eröffnungsfeier.
       
       Als Tochter einer Japanerin und eines Haitianers füllte sie die Rolle als
       Botschafterin einer diversen Gesellschaft für Japan aus. Was sie über sich
       preiszugeben bereit war, konnten sich Interessierte in einer kurz vor den
       Spielen veröffentlichten Netflix-Serie anschauen. Zu viel? Nach ihrer
       überraschenden Drittrundenniederlage gegen die Nummer 42 der Welt Marketa
       Vondrousova hatte sie gesagt: „Ich sollte den Druck gewohnt sein.“ Und:
       „Vielleicht war es alles einfach ein bisschen zu viel für mich.“
       
       Osaka ist eine der besten Tennisspielerinnen der Welt. Doch sie ist mehr,
       sie ist Stilikone und politische Botschafterin für eine Welt ohne
       Rassismus. Keine Sportlerin der Welt verdient mehr als sie. 37 Millionen
       US-Dollar hat sie im Vorjahr eingenommen. Sie musste ganz nach oben kommen,
       um öffentlich über ihre psychischen Probleme sprechen zu können.
       
       ## Mehr als nur Sportlerinnen
       
       Auch Simone Biles ist mehr als eine gute Turnerin. Von Twitter ist sie vor
       den Spielen zur Greatest Of All Times, zur Größten aller Zeiten ausgerufen
       und [3][mit einem eigenen Emoji ausgezeichnet] worden. Sie repräsentiert
       eine amerikanische Aufsteigerstory, hat die Geschichte ihrer alkohol- und
       drogenabhängigen Mutter hinter sich gelassen. Sie ist die 1,42 kleine,
       schwarze Frau, die die Sportwelt erobert hat. Sie war es, die mit dazu
       beigetragen hat, [4][das Missbrauchsregime im US-Turnverband]
       anzuprangern. Sie war ein Opfer, das zur Superheldin wurde. Biles ist
       vierfache Olympiasiegerin, hat unzählige Weltmeisterschaften gewonnen. Am
       Ende war sie stark und großartig genug, ihre Probleme anzusprechen. Biles
       und Osaka waren gut genug, um sagen zu können, dass es ihnen nicht gut
       geht.
       
       Für die Gesellschaft sind sie wirkmächtige Botschafterinnen beim Thema
       psychische Gesundheit. Welche Botschaft aber senden sie in den
       Leistungssport? Der Druck, der auf den ganz Großen des Sports lastet, ist
       viel höher als der, dem andere ausgesetzt sind, von denen nicht ganz so
       viel erwartet wird. Doch der Leistungssport lebt auf allen Ebenen auch vom
       Druck, von der Unterwerfung unter ein strenges Trainingsregime, von den
       Erwartungen der Trainer, von den Erwartungen der Athletinnen selbst.
       
       Das kann im besten Falle motivierend sein, es kann aber ebenso gut
       Versagensängste auslösen. Derartige Drucksituationen können einen Sportler
       schier zerreißen, auch wenn es nur um das Podium einer regionalen
       Meisterschaft geht. Beim Kampf um das Erreichen der Olympianorm steht die
       Trainingsarbeit von mehreren Jahren auf dem Prüfstand.
       
       Biles und Osaka werden zu Recht für ihre Offenheit gefeiert. Wenn ihr
       Vorbild dazu beitragen kann, dass Leistungssportlerinnen zu ihren Trainern,
       Mitstreiterinnen, Eltern gehen können und sagen: „Ich kann nicht mehr“,
       wenn sie dann statt Kritik Zuspruch erhalten, wenn sie statt aus dem Kader
       geworfen zu werden, eine zweite, dritte, vierte Chance bekommen, dann kann
       es eine Zukunft geben für so etwas wie einen Leistungssport mit
       menschlichem Antlitz.
       
       28 Jul 2021
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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