# taz.de -- Geflüchtete in Hamburger Unterkünften: Senat verschweigt Suizidversuche
       
       > In Hamburger Unterkünften haben viele Geflüchtete versucht, sich das
       > Leben zu nehmen. Wie viele genau, will die rot-grüne Landesregierung
       > nicht sagen.
       
 (IMG) Bild: Oft viel Blaulicht: Corona-Einsatz in der Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Rahlstedt im Oktober 2020
       
       Hamburg taz | Mindestens 56-mal wurde im letzten Jahr die Polizei wegen
       eines Suizidversuchs in eine Hamburger Unterkunft für Geflüchtete gerufen.
       Dies geht aus einer Anfrage der Linksfraktion an den Hamburger Senat
       hervor. Dennoch spricht der Senat von nur sieben Fällen, die als
       Suizidversuch oder selbstverletzendes Verhalten gewertet werden können.
       
       Regelmäßig fragt die flüchtlingspolitische Sprecherin der Linken Carola
       Ensslen den Senat, wie viele Menschen in der öffentlichen Unterbringung für
       Geflüchtete Suizidversuche oder Suizide unternommen haben. Doch seit
       letztem Jahr verweist der Senat auf die Datenschutzgrundverordnung.
       Informationen über Suizide und Suizidversuche seien „besonders geschützte
       Gesundheitsdaten“, weshalb keine detaillierten Angaben gemacht werden
       könnten.
       
       Im Juli fragte Ensslen daraufhin alle Einsätze der Polizei und Feuerwehr in
       den Flüchtlingsheimen ab. Der Senat antwortete mit einer Liste der Einsätze
       im Jahr 2020 in der Zentralen Erstaufnahmestelle in Rahlstedt, weiteren
       dezentralen Erstaufnahmen und einigen Folgeunterkünften. Nicht alle
       Unterkünfte sind darin erfasst. In Summe finden sich dort 56 Einsätze wegen
       eines „Selbsttötungsversuches“.
       
       Diese Zahl taucht allerdings nicht in der Antwort des Senats auf.
       Stattdessen heißt es dort, dass es in dem Ankunftszentrum und in den
       Erstaufnahmen sieben Vorfälle gegeben habe, „die als Suizidversuch oder
       selbstverletzendes Verhalten gewertet werden“. Außerdem habe es zehn
       „Suizidandrohungen“ gegeben.
       
       ## Unterkunftsbetreiber bestimmt die Zahlen
       
       „Ich konnte mir diesen Widerspruch nicht erklären“, sagt die Abgeordnete
       Ensslen. Sie stellte daher eine Nachfrage, die nun vom Senat beantwortet
       wurde und der taz vorliegt. Hier heißt es, dass das Leitsystem von Polizei
       und Feuerwehr, das die Einsätze dokumentiert, nicht aussagekräftig genug
       sei. Es sei kein System, „das für statistische Auswertungen geeignet ist“.
       
       Mögliche Suizide und Suizidversuche würden daher von Fördern und Wohnen,
       der Betreiberin der Heime, und dem Amt für Migration, das bei der
       Innenbehörde angesiedelt und für die Koordination der Erstaufnahmen
       zuständig ist, bewertet. „Da zu diesem Zeitpunkt mehr Informationen
       vorliegen, als bei Anruf in der Einsatzleitstelle, kann das Geschehen
       besser bewertet und eingeordnet werden“, heißt es in der Antwort.
       
       Dies bedeutet, dass das Sozialmanagement in den Unterkünften die Vorfälle
       unabhängig von Polizei und Feuerwehr auswertet und das Ergebnis der Sozial-
       und der Innenbehörde mitteilt. „So kann sich der Senat die Lage zurecht
       schustern, wie er gerade will“, kritisiert Ensslen.
       
       Sie findet, dass „eine um das circa Achtfache höhere Zahl im
       Einsatzleitsystem der Polizei“ nicht mit fehlerhaften Meldungen zu erklären
       sei. Dies könne dazu führen, dass die Prävention von Suiziden
       vernachlässigt werde. „Der Senat muss mit offenen Karten spielen“, sagt sie
       und fordert ein Präventionsprogramm und mehr Sozialarbeit in den
       Unterkünften.
       
       Die Sozialbehörde teilte nur mit, dass allen Bewohner:innen interne und
       externe Hilfsangebote zur Verfügung stünden, „sodass präventive Maßnahmen
       im Vorfeld eines Suizides getroffen werden können“. Mitarbeiter:innen
       unterstützten eine Vermittlung an entsprechende Stellen.
       
       ## Hohe Dunkelziffer
       
       Im Vergleich zu den vergangenen Jahren dürfte ein Wert von 56
       Selbsttötungsversuchen in 2020 eine Zunahme bedeuten. „Ob die Pandemie
       damit zusammenhängt, kann nur spekuliert werden“, sagt Ensslen dazu. Umso
       wichtiger sei es, dass der Senat sich damit befasse. Anfragen der
       Linksfraktion zufolge wurden von April 2014 bis Ende 2017 insgesamt 69
       Suizidversuche und zwei Suizide begangen. 2018 habe der Senat 34
       Suizidversuche angegeben, 2019 seien es 30 gewesen.
       
       In Deutschland werden nach Schätzungen etwa 10.000 Suizidversuche jährlich
       begangen. Die Organisation „Antirassistische Initiative“ dokumentiert
       Suizide und Suizidversuche von Geflüchteten in Deutschland. Nach ihren
       Zählungen sind von 2016 bis einschließlich 2020 jeden Monat
       durchschnittlich zwei bis drei Geflüchtete durch Suizid ums Leben gekommen
       – insgesamt 159 Menschen. 2.466 Personen hätten Suizidversuche oder
       Selbstverletzungen unternommen. Die Dunkelziffer sei hoch.
       
       ## Posttraumatische Belastungsstörungen
       
       Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,
       Psychosomatik und Nervenheilkunde wird bei Geflüchteten zehnmal so häufig
       eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wie bei der übrigen
       Bevölkerung. Sie erleben in ihrem Heimatland und auf der Flucht häufig
       Schreckliches, doch auch ein langes Asylverfahren könne die
       Wahrscheinlichkeit für eine psychische Störung erhöhen. Im Vergleich zur
       Allgemeinbevölkerung begingen Geflüchtete auch mehr Suizidversuche.
       
       2018 wurde [1][der Fall des Afghanen Jamal Nasser M.] bekannt, der sich
       nach seiner Abschiebung nach Afghanistan das Leben nahm. Er war einer der
       Asylbewerber:innen, die an Horst Seehofers Geburtstag abgeschoben wurden.
       Über diese hohe Zahl hatte sich der Innenminister zuvor gefreut.
       Verantwortlich für die Abschiebung von Jamal Nasser M. waren die Behörden
       in Hamburg, wo der Afghane seinen Asylantrag gestellt und gelebt hatte.
       
       Wenn Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie darüber mit jemandem. Sie
       können sich rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden (0800/111 0 111,
       [2][www.telefonseelsorge.de])
       
       3 Aug 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Protest-nach-Suizid-eines-Abgeschobenen/!5522067
 (DIR) [2] https://www.telefonseelsorge.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sarah Zaheer
       
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