# taz.de -- Chinas Staatschef zu Besuch in Tibet: Xis heikle Charmeoffensive
       
       > Chinas Führung zeichnet von Tibet ein Bild der wirtschaftlichen
       > Entwicklung. Dabei herrscht Peking in der Unruheregion mit eiserner Hand.
       
 (IMG) Bild: Szenen, die an nordkoreanische Propaganda erinnern: Chinas Führer Xi Jingping am 22. Juli in Tibet
       
       Peking taz | Der [1][Besuch] war derart heikel, dass die Ankunft Xi
       Jinpings erst zwei Tage später von den Staatsmedien publiziert wurde. Am
       Freitag schließlich verbreitete die Nachrichtenagentur Xinhua Videos von
       Chinas Staatspräsidenten in Tibet, am Flughafen von Nyingchi: Xi wird dort
       von erratisch jubelnden Massen in traditioneller Volkstracht begrüßt. Die
       Szenen erinnern auf befremdliche Weise an nordkoreanische Propaganda.
       
       Historisch ist die Visite in die Unruheregion allemal: Seit 1990 ist kein
       chinesischer Staatschef mehr nach Tibet gereist. Der Zeitpunkt ist kein
       Zufall: Vor 70 Jahren hat die chinesische Volksbefreiungsarmee Tibet
       „friedlich befreit“, wie es in der offiziellen Geschichtsschreibung des
       Landes heißt.
       
       Damals unterschrieb der junge Dalai Lama das sogenannte 17-Punkte-Abkommen,
       in dem China die Souveränität der Region im Austausch für Autonomie
       zugesichert wurde. Doch genau wie der Übergabevertrag der einst britischen
       Kronkolonie Hongkongs hatte Chinas Staatsführung auch das
       Autonomieversprechen an Tibet schon bald gebrochen.
       
       1959 schlug die Armee den ersten Volksaufstand blutig nieder und
       verschärfte seither seine Präsenz. Immer wieder machen Mönche mit
       Selbstverbrennungen auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam,
       Exilorganisationen prangern Verhaftungswellen an. Bis heute ist die Region
       für ausländische Journalisten nicht zugänglich.
       
       Das ist die eine Seite der Medaille. Zhang Yun, einer der führenden
       Tibetologen Chinas, hält die letzten Jahrzehnte in Tibet dagegen für ein
       erfolgreiches Beispiel wirtschaftlicher Entwicklung: Die Partei führte
       erstmals ein flächendeckendes Gesundheitssystem ein, Schulen, moderne
       Infrastruktur und Behausungen. Die ökonomischen Errungenschaften haben auch
       die Staatsmedien beim jetzigen Besuch Xi Jinpings propagiert, allen voran
       die erste Schnellbahnstrecke in die Provinzhauptstadt Lhasa.
       
       Die Schattenseiten werden im offiziellen Narrativ verschwiegen. So wurde
       wenig Rücksicht auf kulturelle Befindlichkeiten und Bedürfnisse des
       Individuums genommen. Ganze Bergdörfer wurden in tiefer gelegene Städte
       umgesiedelt, auch gegen Widerstand. „Wir wollen nur, dass sie neue
       Möglichkeiten bekommen, reich zu werden“, sagt Zhang – und wiederholt
       mantraartig: Reich werden, darum ginge es den Leuten.
       
       ## Überall prangt in Tibet das Konterfei Xi Jinpings
       
       Daran zeigt sich die marxistische Weltsicht der chinesischen Staatsführung,
       auch wenn ihr staatlich gelenkter Kapitalismus mittlerweile nur mehr wenig
       mit dem Kommunismus des ideologischen Gründervaters zu tun hat. Doch sie
       sieht den Menschen vornehmlich durch seine ökonomischen Verhältnisse
       determiniert, während die ethnische und kulturelle Identität geradezu
       negiert wird. Die Leute sollen wohlhabend werden – und wenn die Religion
       dabei hinderlich ist, wird sie für rückständig erklärt und mit Repressalien
       belegt.
       
       Die Ziele der [2][Unterdrückungsmaßnahmen]: absolute Loyalität zur
       Volksrepublik unter der KP herzustellen und die Kultur und Religion
       weitestgehend chinesisch zu formen. Sprich: Der tibetische Buddhismus wird
       auf dem Papier geduldet, doch ist wenig mehr als eine folkloristische
       Fassade.
       
       Zhang sagt in seiner euphemistischen Sprache: „Es ist wichtig, mit der Zeit
       zu gehen. Der Buddhismus wurde lokal integriert und an das System
       angepasst: China ist ein sozialistisches System. Manche Aspekte des
       Buddhismus passen nicht in das sozialistische System.“
       
       Wie dies ausschaut, zeigte sich bei einer jüngst von der Regierung
       organisierten Pressereise. Überall prangt in Tibet nun das Konterfei Xi
       Jinpings auf Plakaten und Propagandabannern: in den Klassenzimmern, über
       religiösen Stätten und selbst im Schlafzimmer eines tibetischen Mönchs.
       Gegenüber einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters sagte damals ein
       Mönch: „Xi Jinping ist mein spiritueller Führer.“
       
       28 Jul 2021
       
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