# taz.de -- Neue ansteckendere Coronavariante: Vietnam kämpft gegen Mutation
       
       > In Vietnam, Musterland des Kampfs gegen die Pandemie, steigen die
       > Infektionen steil. Ein Ausgangspunkt soll eine evangelikale Sekte sein.
       
 (IMG) Bild: Der tägliche Wahnsinn in Ho-Chi-Minh-Stadt
       
       Berlin taz | Das südostasiatische Vietnam hatte die Coronapandemie bis vor
       Kurzem [1][weitgehend unter Kontrolle]. Verantwortlich dafür waren rigorose
       Lockdowns betroffener Kommunen, strenge Isolierungen Infizierter,
       konsequente Kontaktnachverfolgungen und überwachte Quarantänemaßnahmen bei
       einer insgesamt recht disziplinierten Bevölkerung.
       
       Bis Anfang Mai hatte das autoritär regierte Land nur 3.500 Infektionsfälle
       gezählt. Doch seit Ende April kamen plötzlich mehr Neuinfektionen hinzu,
       als Vietnam seit Beginn der Pandemie insgesamt verzeichnet hatte. Bis
       Montag zählte die amerikanische Johns-Hopkins-Universität seit
       Pandemiebeginn jetzt 7.236 registrierte Fälle und insgesamt 47 Tote.
       
       Vietnams Behörden vermuten, dass eine neue, ansteckendere Virenmutation für
       den raschen Anstieg mitverantwortlich ist. Dabei soll es sich um einen
       Hybrid handeln aus den Virusvarianten, die zuerst in Indien (B.1.617.2) und
       Großbritannien (B 1.1.7) entdeckt wurden, erklärte Gesundheitsminister
       Nguyen Thanh Long laut [2][Reuters] am Samstag in Hanoi. Diese Mischform
       sei „sehr gefährlich“, denn sie sei ansteckender und breite sich womöglich
       rascher aus.
       
       Die Behörden in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem ehemaligen Saigon, machen eine
       protestantische Sekte im Stadtteil Go Vap für die Verbreitung der
       Infektionskrankheit mitverantwortlich. 142 Fälle würden mit ihr in
       Verbindung stehen, schreibt die staatliche Zeitung [3][Tuoi Tre].
       
       ## Religiöse Veranstaltungen verboten
       
       Anhänger der religiösen Gruppe seien laut Vietnam News in einem viel zu
       kleinen Raum ohne Abstand und Masken zum Singen zusammengekommen. Die
       kommunistische Regierung hat inzwischen landesweit alle religiösen
       Veranstaltungen verboten.
       
       Doch gab es eine hohe Zahl an Infektionen auch in Industriegebieten in den
       nördlichen Provinzen Bac Nin und Bac Giang bei Hanoi. Dort produzieren
       riesige Elektronikfabriken für den Weltmarkt. Allein bei einer Firma in Bac
       Giang infizierte sich ein Fünftel der 4.800 Arbeiter:innen. Dortige
       Fabrikschließungen kosten laut der Nachrichtenwebseite [4][VNExpress]
       umgerechnet 86 Millionen US-Dollar am Tag.
       
       Die Behörden reagierten mit bekannten drastischen Maßnahmen der Kontakt-
       und Reisebeschränkungen. In Ho-Chi-Minh-Stadt wurden Treffen von mehr als
       zehn Personen verboten, Häuser und Wohnungen dürfen nur noch in dringenden
       Fällen verlassen werden. Menschen über 60 Jahre sollten ganz zu Hause
       bleiben. Geschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, wurden
       geschlossen.
       
       Schon seit Donnerstag dürfen in Vietnams größter Stadt keine
       internationalen Flüge mehr landen, ab Dienstag verbietet auch Hanoi für
       eine Woche die Ankunft internationaler Flüge.
       
       ## Alle in Ho-Chi-Minh-Stadt testen
       
       Einreisende Vietnames:innen mussten bisher schon für drei Wochen in
       überwachte [5][staatliche Quarantäneeinrichtungen]. Ho-Chi-Minh-Stadt will
       sogar alle Einwohner:innen der 9-Millionen-Einwohner-Metropole testen
       lassen, verkündete Bürgermeister Nguyen Than Phong laut VNExpress. Die
       Testkapazität soll allerdings nur 100.000 pro Tag betragen.
       
       Schon von Freitagabend bis Samstag früh waren 50.000 Bewohner:innen in
       Go Vap, wo die beschuldigte Sekte agierte, in sechs Zentren getestet
       worden, berichtete [6][Tuoi Tre].
       
       Vietnam zahlt jetzt den Preis dafür, dass mangels verfügbarem Impfstoff nur
       sehr wenige Menschen geimpft werden konnten. Für die 98 Millionen Einwohner
       gab es bisher erst 2,9 Millionen Dosen des Impfstoffes von AstraZeneca.
       
       Die Regierung bemüht sich, aus dem Covax-Programm der
       Weltgesundheitsorganisation (WHO) weitere 10 Millionen Dosen zu erhalten.
       Außerdem will sie 20 Millionen Dosen des Vakzins von BiontechPfizer und 40
       Millionen des russischen Sputnik V kaufen und hofft bis Jahresende auf 150
       Millionen Dosen. Ein lokal produzierter Impfstoff soll Anfang Juni mit der
       dritten Testphase beginnen.
       
       1 Jun 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Corona-in-Vietnam/!5703935
 (DIR) [2] https://www.reuters.com/world/asia-pacific/vietnam-detects-hybrid-indian-uk-covid-19-variant-2021-05-29/
 (DIR) [3] https://tuoitrenews.vn/news/society/20210531/religious-mission-probed-for-spreading-covid19-in-ho-chi-minh-city/61231.html
 (DIR) [4] https://e.vnexpress.net/news/business/economy/industrial-park-closures-cost-epicenter-bac-giang-86-million-a-day-4286892.html
 (DIR) [5] /Von-Vietnam-nach-Deutschland-und-zurueck/!5668962
 (DIR) [6] https://tuoitrenews.vn/news/society/20210529/ho-chi-minh-city-takes-samples-from-50000-residents-in-virushit-ward-overnight-for-coronavirus-testing/61207.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Hansen
       
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