# taz.de -- taz🐾thema: Draußen ist das neue Drinnen
       
       > Angesichts der Umstände bespielen Kunstschaffende und Galerien
       > Schaufenster, Parks oder Plätze statt Innenräume. Das ist ein Trend, der
       > sich in den kommenden Sommermonaten noch einmal verstärken dürfte
       
 (IMG) Bild: Mit Blick in den Sternenhimmel im Metzlerpark Frankfurt am Main: Auch in Christian Jankowskis Skulptur „Bodybuilding (Mies van der Rohe)“, 2021, kann im Rahmen der internationalen Ausstellung „tinyBE“ eine Nacht verbracht werden
       
       Von Jana Janika Bach
       
       Hand aufs Herz: Wer hätte vor zwei Jahren mit seinen Freunden einen mit
       Bronze-Krokodil und -Jungfrauen gespickten Springbrunnen aus rotem Granit
       und in Form einer Erdkugel umrundet – im Berliner Volksmund liebevoll
       „Wasserklops“ genannt –, und dabei entzückt „Ah“ und „Oh, da sieh!“
       ausgerufen?
       
       Angesichts der Pandemie rückte in den vergangenen Monaten die dauerhaft im
       öffentlichen Raum platzierte Kunst in den Fokus der Öffentlichkeit. Mehr
       noch: Kunstschaffende und Galerien bespielen seither zunehmend
       Schaufenster, Parks oder Plätze statt Innenräume. Ein Trend, der sich in
       der Sommersaison noch einmal verstärken dürfte. Das Gute daran: Zwar wurde
       das meiste aus der Not heraus geboren, doch mittlerweile geht das Angebot
       beileibe über Behelfskunst hinaus.
       
       Aus dem Schaufenster der Heinrich-Böll-Bibliothek in Berlin-Pankow blicken
       einem etwa seltsame kleine Gesichter entgegen. Mit seiner Installation
       „Gespenster“ im Kunstraum Korn, die ganz im Sinne von
       die-Geister-die-ich-rief funktioniert, referiert Roland Boden auf das
       Ernst-Thälmann-Denkmal; unweit der Bibliothek wurde es zu Ehren des
       KPD-Politikers noch zu DDR-Zeiten gesetzt. So erinnern die auf eine
       Perlenschnur aufgezogenen Ton-Köpfe an die in den 30er Jahren im
       sowjetischen Exil ermordeten deutschen Kommunisten und Linksliberalen.
       
       In Berlin-Moabit gibt es dagegen gleich mehrere Orte, an denen sich Kunst
       an der frischen Luft begutachten lässt: Über der Galerie Nord leuchten zum
       Beispiel ein ganzes Jahr lang Buchstaben in Ozeanblau und in wechselnden
       Wortfolgen: Täglich, ab Einbruch der Dämmerung, kann in der Turmstraße
       beobachtet werden, wie Penelope Wehrlis schöpferisches Sprach- und
       Dada-Spiel „15 Buchstaben – 101 Wörter“ den Schriftzug „Brüder-Grimm-Haus“
       neu zusammensetzt.
       
       Um die Ecke im Schaufenster des Kurt-Kurt an der Lübecker Straße, im
       Geburtshaus von Kurt Tucholsky, wo Simone Zaugg und Pfelder einen Kunstraum
       betreiben, wird indes für die „Pause“ demonstriert. Pfelders gleichnamige
       Foto- und Performance-Serie entstand an 22 verschiedenen Orten und fasst
       das süße Nichtstun als essentiellen Akt.
       
       Als habe man Cumuluswolken hinter Glas gezwungen, so wirkt von außen
       wiederum, was sich in der benachbarten Galerie Baeckerei wölbt. „Amygdala“
       hat die polnische Künstlerin Lila Karbowska ihre Installation nach einem
       Teil des limbischen Systems im Gehirn benannt. Zusammen mit dem Hippocampus
       reguliert es Emotionen, vor allem Furcht und ihre Konditionierung.
       
       Auch im Berliner Prenzlauer Berg muss kein Gebäude betreten werden, um die
       Ausstellungsreihe „Focus on Abstraction“ im Pavillon am Milchhof zu
       besichtigen. Konzipiert wurde das Programm, das Abstraktion in ihrer
       Vielschichtigkeit abbilden will, von George Barber, Alexander Klenz und
       Carlos Silva.
       
       In anderen Städten setzt sich fort, dass weder ein Termin noch Test oder
       Ticket benötigt werden, um sich Kunst zu nähern – etwa Skulpturen der
       Künstlerin Alicja Kwade in München. Ihre Plastik „Bavaria“ wurde an der
       Isar aufgestellt. Diese ist eben keine reine Kopie der monumentalen
       Bronzestatue Ludwig Schwanthalers auf der Theresienwiese. Sie ist vielmehr
       auf ein menschlichem Maß zurechtgestutzt, und ihr fehlen die
       Machtinsignien. In ihrer Arbeit für das am Münchner Lenbachplatz
       aufgestellte Billboard befragt die im Kosovo geborene Künstlerin Flaka
       Haliti dagegen gesellschaftliche Werte, die zur Maxime erhoben werden.
       
       Denkbar ist, dass mit dem sich anbahnenden Wegfall von Timeslot-Buchungen
       und anderer Vorsichtsmaßnahmen im Sommer ein Weg zurück zur Normalität
       gefunden wird. Es kann aber auch Gegenteiliges eintreten. Dass Planungen
       für Kulturevents weiter schwierig sind, zeigt sich am Beispiel von „Ruhr
       Ding: Klima“. Im Mai 2020 wurde das Ausstellungsprojekt, dessen
       Künstler*innen-Liste es in sich hat und das in seiner zweiten Ausgabe
       wieder vier Städte des Ruhrgebiets umspannt, notgedrungen um ein Jahr
       verschoben.
       
       Nun beschloss Britta Peters, die Künstlerische Leiterin von Urbane Künste
       Ruhr, kurz vor der Eröffnung abermals einen Aufschub. Ein neuer Termin
       wurde noch nicht verkündet, doch wird gemunkelt, dass das Publikum zeitnah
       die futuristischen Dimensionen einer global erwärmten Welt in Herne,
       Recklinghausen, Haltern am See und Marl ausloten können soll. Dann erwartet
       sie etwa ein schwimmender Pavillon, Performances, eine botanisch künstliche
       Landschaft, eine Holz-Insel im Silbersee, Videoinstallationen in einem
       Penthouse oder in einer still gelegten Zeche.
       
       Falls wider Erwarten alle Stricke reißen und die Ferien ins Wasser zu
       fallen drohen, bietet es sich an, im utopischen oder dystopischen Wohntraum
       von „tinyBE“ Urlaub zu machen. Nicht bloß tagsüber lädt der in Darmstadt,
       Wiesbaden und Frankfurt aufgebaute Skulpturenpark der gemeinnützigen
       Gesellschaft in den Sommermonaten zum Verweilen und Nachdenken über
       bezahlbaren Wohnraum, ökologisches Bauen oder das zur Neige gehen
       natürlicher Ressourcen ein.
       
       In den neun Livable Sculptures einer Crème de la Crème internationaler
       Künstler darf überdies übernachtet werden, kein Witz. Wer sein Haupt etwa
       im sandfarbenen „House of Dust“ von Alison Knowles bettet, das an Luke
       Skywalkers Heim auf Tatooine erinnert, oder im visualisierten
       „Bodybuilding“ von Mies van der Rohe, eine Art Iglu-Klotz, muss nicht auf
       Komfort verzichten. 
       
       Denn alle Kunstwerke werden vom Projekt-Partnerhotel Steigenberger für eine
       unvergessliche Nacht ausgestattet.Danach lässt sich noch ein Stopp bei den
       Frankfurter Wallanlagen einlegen. Umringt von Denkmälern und gegenüber der
       Adresse Taunusanlage 12 hat Cyprien Gaillard temporär in einem
       Lüftungsschacht eine Skulptur installiert. Wem die im Berliner KW
       hochgestapelte Bierpyramide des französischen Künstlers im Gedächtnis
       geblieben ist, dürfte gespannt sein auf diese Arbeit, die zwischen Bank-
       und Bahnhofsviertel inmitten der Öffentlichkeit eine Insel der Intimität
       schaffen soll.
       
       Apropos Eiland, im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal ehrt eine unter
       anderem von Tony Cragg kuratierte Schau Heinz Mack zum 90. Geburtstag. Hier
       lässt es sich (ab 4. Juli) lustwandeln, in gefühlter Stille ins
       bildhauerische Werk des ZERO-Künstlers vertiefen – fast so wie in
       postpandemischen Zeiten.
       
       22 May 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jana Janika Bach
       
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