# taz.de -- Spanische Fußball-Meisterschaft: Finale in der Hitchcock-Liga
       
       > Im spannendsten spanischen Meisterschaftskampf seit Menschengedenken
       > hadert ausgerechnet Real Madrid mit den Unparteiischen.
       
 (IMG) Bild: Erregte Debatte: Zinedine Zidane überzeugen die Argumente des Schiedsrichters nicht
       
       Wenn Schiedsrichter nachts von Albträumen geplagt werden, müssen diese
       ziemlich genau so aussehen: In einer Schlüsselpartie für die Meisterschaft
       gibt es beim Stand von Unentschieden eine Viertelstunde vor Schluss ein
       Handspiel im Strafraum, doch der Ball läuft erst mal weiter und im Gegenzug
       kommt es zu einem Foulspiel im anderen Strafraum.
       
       Der Videoassistent ruft den Schiedsrichter an den Monitor und der muss nun
       bestimmen, wer den Elfmeter kriegt. Zu allem Überfluss ist eines der
       beteiligten Teams auch noch Real Madrid, dessen mächtige Medienlautsprecher
       jedes Unparteiischendasein auf Jahre zur Hölle machen können. Spätestens
       angesichts dieses Szenarios würde jeder Schiedsrichter schweißgebadet
       aufwachen.
       
       Juan Martínez Munuera allerdings befand sich weiterhin vor dem Monitor, er
       hatte das am Sonntagabend wirklich zu entscheiden – und tat es tollkühn: Er
       ahndete das Handspiel von Reals Militão, was den von Sevillas Torwart Bono
       an Karim Benzema verursachten Foulelfmeter annullierte und Ivan Rakitić
       die 2:1-Führung für die Gäste ermöglichte.
       
       Zwar glich Madrid mit einem durch Eden Hazard abgefälschten [1][Fernschuss
       von Toni Kroos] noch aus, doch das war allenfalls ein Trostpreis für einen
       insgesamt überlegenen Auftritt und vor allem mathematisch zu wenig: Mit
       einem Sieg hätte Real die Tabellenspitze übernommen und sie wegen des
       gewonnen direkten Vergleichs gegen Stadtrivale Atlético auch aus eigener
       Kraft verteidigen können. Nun bleibt es mit 75 Punkten hintendran, obwohl
       Atlético (77) im anderen Spitzenspiel bei Barcelona (75) auch nur Remis
       (0:0) gespielt hatte. Drei Runden vor Schluss eliminierte der späte
       Ausgleich allerdings wohl schon mal Sevilla (71) aus Spaniens spannendstem
       Meisterkampf seit Menschengedenken.
       
       ## Folklore der Verschwörungstheorie
       
       In dem geht es nicht immer hochkarätig zu, alle Teams wirken
       coronaüberspielt, und befinden sich größtenteils ohnehin im Umbruch. Das
       sorgt andererseits für mehr Unvorhersehbarkeit und wird nun also auch durch
       jenen Mix aus Dauerdebatte und Verschwörungstheorie garniert, der in
       Spanien schon aus Folklore dazugehört. „Beunruhigt“ sei er, erklärte
       Real-Klubdirektor Emilio Butragueño angesichts fehlenden
       Schiedsrichterglücks in den letzten Wochen und erging sich somit in
       ebenjenen düsteren Andeutungen, die das Heer klubnaher Journalisten
       sogleich zu einer Anklage gegen eine vermeintlich systematische
       Benachteiligung Reals ausschmückte. Womit der sonst auf Gegnerseite übliche
       Diskurs umgedreht wird, nachdem die Madrilenen stets systematisch bevorzugt
       werden.
       
       Über den Vorfall an sich – unabsichtliches Handspiel bei allerdings weit
       ausgefahrenem Arm – streiten Gelehrte wie Fußvolk seit Jahrzehnten, ob mit
       oder ohne Var und trotz diverser Regelüberarbeitungen. „Es ist Hand und
       ändert die Richtung des Balles, so was ist immer Elfmeter“, schlug Rakitić
       als Kriterium vor, während Real-Trainer Zinédine Zidane noch mal Munuera
       zum Zwiegespräch aufsuchte. „Mit Reden versteht man sich“, twitterte dazu
       spöttisch Gerard Piqué aus Barcelona, der Auftritt des Barça-Verteidigers
       darf im klassischen Polemik-Skript von La Liga nie fehlen. Doch Zidane,
       einer der wenigen, die sonst ihre Beteuerungen der guten Tage („Rede
       grundsätzlich nicht über den Schiedsrichter“) auch an den schlechten Tagen
       ehren, erklärte sich später für „überhaupt nicht überzeugt“ und beharrte:
       „Ich bin sauer.“
       
       Fortsetzung folgt bestimmt in der „Hitchcock-Liga“ („El País“), Barcelona
       spielt wieder am Dienstag, am Donnerstag Real und zwischendrin
       Spitzenreiter Atlético. Die Nerven sind angespannt, überall, [2][weshalb
       sich Barça-Trainer Ronald Koeman] am Sonntag lieber einen Maulkorb zum
       alten, doch immer jungen Thema verpasste: „Wenn einer besser nicht über die
       Referees spricht, dann ich.“ Koeman kommt gerade von einer
       Zwei-Spiele-Sperre zurück. Wegen Schiedsrichterbeleidigung.
       
       10 May 2021
       
       ## LINKS
       
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