# taz.de -- Priorisierung bei der Corona-Impfung: Eltern kommen ganz zum Schluss
       
       > Obwohl Politiker:innen viel von Kindern sprechen, tragen Familien
       > die Hauptlast der Pandemie. Könnte es helfen, Eltern bevorzugt zu impfen?
       
 (IMG) Bild: Eltern mit Kind leisten im Privaten systemrelevante Arbeit
       
       Mein sechsjähriges Kind hat bald einen Impftermin. Der Hausarzt hat sich
       gemeldet, jetzt soll es schnell gehen. Am Frühstückstisch rutscht es
       aufgeregt auf der Bank hin und her wie sonst nur, wenn es um den Besuch auf
       dem Reiterhof geht. „Wann denn, wann werde ich geimpft?“
       
       Es geht um eine Tetanus-Auffrischung. Bis zu einer Corona-Impfung für
       Vorschüler:innen müssen wir wahrscheinlich [1][bis zum kommenden Jahr]
       warten. Aber die zappelnde Vorfreude auf eine Spritze macht mir klar, dass
       mein Kind verstanden hat: Eine Impfung, das ist so etwas Ähnliches wie ein
       Schokokuss. Etwas, das man unbedingt haben möchte.
       
       Weil das zum Glück die Mehrheit der Menschen so sieht, diskutieren wir zu
       Recht darüber, wer zuerst geimpft wird. Personen, die besonders gefährdet
       sind. Personen, die besonders wichtig dafür sind, dass der Laden läuft.
       [2][Als letztes dann: Der Rest.]
       
       Dieser Tage ist in der Frankfurter Rundschau ein [3][sehr kluger
       Gastbeitrag] der Soziologin Michaela Mahler erschienen, die erklärt, warum
       es unfair ist, Eltern, die keiner Risikogruppe angehören, einfach in die
       Schublade „Rest“ zu stecken. Schließlich leisten sie, wenn sie Kinder
       haben, die betreut werden müssen, im Privaten systemrelevante Arbeit.
       
       ## Eltern, eine Sicherheitshülle für Kinder
       
       Die Grünen-Bundestagskandidatin Laura Sophie Dornheim [4][argumentiert],
       Eltern können – ähnlich wie geimpfte Kontaktpersonen von Schwangeren – mit
       ihrem Schutz einen Kokon bilden. Eine Sicherheitshülle für Kinder, die
       nicht selbst geimpft werden können. Mit der Zunahme der Mutation B.1.1.7
       stecken sich Minderjährige stärker an und dabei treten zwar [5][sehr
       seltene, aber zum Teil gravierende Spätfolgen] auf.
       
       Ich habe drei Kinder, sie sind drei, sechs und acht Jahre alt, und ich
       teile fast alle Gefühle und politischen Positionen, die hinter dem Hashtag
       [6][#Elternimpfen] stehen. Die Enttäuschung über die vielen Male, in denen
       Politiker:innen wie
       Scholz/Söder/Merkel/Kretschmann/Spahn/Laschet/Giffey darüber gesprochen
       haben, [7][Kinder hätten oberste Priorität], ohne dass sich politische
       Taten daran messen ließen. Die Wut darüber, dass fehlende Wertschätzung für
       Care-Arbeit [8][nur] [9][eine] [10][von] [11][vielen] gesellschaftlichen
       Ungerechtigkeiten ist, die uns durch die Pandemie wie durch ein Brennglas
       vor Augen geführt werden.
       
       Auch ich habe keine Kraft mehr. Dabei bin ich wahnsinnig privilegiert. Mit
       einem Job, der Homeoffice zulässt und zwei Erziehungsberechtigten im
       Haushalt. Aber ich will nie wieder zwei Arbeitstage zwischen 6.30 und 22
       Uhr in einen viel zu langen Tag quetschen müssen. Ich will keine Kinder
       mehr trösten, die auf dem Teppich liegen und weinen, weil sie ihre
       Freund:innen vermissen.
       
       ## Viele Kontakte heißt viel Quarantäne
       
       Wenn wir Menschen, die besonders viele Kontakte haben, frühzeitig impfen,
       kann das Übertragungen verringern. Besonders Haushalte mit mehreren Kindern
       haben dementsprechend besonders viele Kontakte. Kita, Schule, Hort. Bei uns
       hieß das in der zweiten Welle: Erzieherin positiv, Hortkind positiv, wieder
       Erzieherin positiv, Nachbar positiv. Mit anderen Worten: Quarantäne,
       Quarantäne, Quarantäne.
       
       Die Eltern als Überträger:innen zwischen Betrieben und Betreuungs-Orten
       aus den Infektionsketten zu nehmen, klingt nach einer guten Idee. Und es
       wäre in meinen Augen ein guter Schritt, wenn wir noch auf längere Sicht zu
       wenig Impfstoff hätten.
       
       Aber so verlockend sich das anhört, so gerne man eine klare Forderung
       daraus ableiten möchte, so sind Diskussionen um Impfpriorisierungen kühl
       betrachtet momentan nicht der richtige Ansatzpunkt für einen politischen
       Kampf.
       
       ## Alle dürfen sich anstellen
       
       Am 7. April wurden [12][656.357 Impfdosen gespritzt], das sind fast doppelt
       so viele wie am Tag davor und an jedem anderen Tag bisher. Die Liefermenge
       nimmt zu und die Hausärzte helfen, sie auch zu nutzen. Deswegen hoffe ich,
       dass die [13][Berechnungen kluger Menschen] wahr werden und bald alles ganz
       schnell gehen kann. Das Wichtigste ist also: Tempo machen.
       
       Es gibt in Deutschland [14][11,6 Millionen Familien] mit Kindern. Zum
       Vergleich: Es gibt etwa [15][200.000 Grundschullehrer:innen], die
       nachträglich priorisiert wurden. Wenn man Eltern vorziehen möchte ohne
       andere nach hinten zu schieben, müsste man sie innerhalb der letzten Gruppe
       besser stellen. Zu dem Zeitpunkt, an dem wir diese Gruppe erreichen, wird
       es aber voraussichtlich bereits genügend Impfstoff geben, um allen
       Erwachsenen ein Impfangebot machen zu können. Wenn alles gut geht, erhalten
       im Frühsommer alle, die wollen und können, ihre erste Impfung.
       
       Natürlich: Eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen früher oder später kann für
       Eltern mit Kleinkindern den Unterschied zwischen Überforderung und
       Nervenzusammenbruch machen. Aber es könnte das Prozedere für alle
       verzögern, wenn zu einer Zeit, zu der man vielleicht schon ohne Termin und
       Berechtigungsbescheinigungen ins Impfzentrum gehen könnte, noch
       millionenfach Bedarf dokumentiert und geprüft werden muss. US-Präsident Joe
       Biden hat gerade verkündet, dass sich in den USA schon [16][ab dem 19.
       April] alle Erwachsenen in die Schlangen stellen können.
       
       ## Keine Politik für AfD-Wähler:innen
       
       Das Bedenken, jemand könnte vor der Zeit geimpft werden, hat schon in den
       letzten Wochen einige Prozesse [17][undurchsichtig und kompliziert
       gemacht]. Statt in mehr Detailregelungen, wer geimpft und nicht geimpft
       werden darf und wie das am sichersten kontrolliert wird, sollten wir Kraft
       in aufsuchende Arbeit stecken.
       
       Damit kann am besten vermieden werden, dass nur die Informiertesten und
       Mobilsten drankommen. Gezielte Anrufe von Risikopersonen durch ihre
       Ärzt:innen. Impfaktionen an besonderen Orten (und damit meine ich nicht
       [18][bayerische Unternehmenszentralen] und auch nicht die Wohnungen
       [19][unter 60-jähriger Abgeordneter], Herr Söder).
       
       Der beste Schutz von Familien wäre gewesen, die Inzidenzen zu senken. Wenn
       die Entscheider:innen nicht gegen den Rat fast aller
       Wissenschaftler:innen in die dritte Welle hinein geöffnet hätten. Eine
       viel zu späte aber nötige Erkenntnis wäre es jetzt, nicht weiter Politik
       für AfD-Wähler:innen zu machen. [20][Laut ARD-Deutschlandtrend] sind sie
       die einzige Gruppe, die einen härteren Lockdown für falsch halten.
       
       ## Der tote Mensch auf dem Kinderbild
       
       Mein 6-jähriges Kind hat ein Bild gemalt. Eine Liste von Themen, mit denen
       es sich auskennt. Jahreszeiten, Pflanzen, Tiere. Und Corona. Zu jedem Thema
       reihen sich Kästchen mit kleinen Bildern aneinander. Pferd, Wolf, Giraffe.
       Baum, Blume, Moos. Frühling, Sommer, Herbst. Bei Corona gibt es sieben
       Kästchen, mein Kind erklärt sie so beiläufig wir die Schneeflocke und die
       fallenden Blätter. „Eine Maske. Dann Menschen, die keinen Abstand halten –
       deswegen ist da ein Kreuz. Ein Coronavirus. Ein kranker Mensch. Ein toter
       Mensch. Und eine Fledermaus, weil Corona von den Fledermäusen kommt.“
       
       Der kranke Mensch liegt auf einem Bett. Der tote Mensch liegt auf dem
       Boden.
       
       In einer Nacht tapste das Kind auf die Toilette. Durch die halboffene
       Badezimmertür könnte ich hören, wie es lange die Hände wusch und dabei im
       Halbschlaf zweimal Happy Birthday summte. Es klang nicht traurig, es klang
       nicht fröhlich – es klang einfach herzzerreißend selbstverständlich.
       
       9 Apr 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Moegliche-Covid-19-Impfung-fuer-Kinder/!5758554
 (DIR) [2] https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/corona-informationen-impfung/corona-impfverordnung-1829940
 (DIR) [3] https://www.fr.de/wissen/corona-impfung-priorisierung-pandemie-eltern-kinder-coronavirus-gesundheit-impfstoff-90317494.html
 (DIR) [4] https://twitter.com/schwarzblond/status/1380050886748164096
 (DIR) [5] /Moegliche-Covid-19-Impfung-fuer-Kinder/!5758554
 (DIR) [6] https://twitter.com/hashtag/Elternimpfen
 (DIR) [7] https://twitter.com/vorsamer/status/1377704184590520320
 (DIR) [8] /Impfungen-gegen-Corona/!5741498
 (DIR) [9] /Streit-um-Priorisierungen-beim-Impfen/!5744815
 (DIR) [10] /Die-Psyche-in-der-Pandemie/!5747207
 (DIR) [11] /Impfungen-fuer-Fluechtlinge/!5759081
 (DIR) [12] https://impfdashboard.de/
 (DIR) [13] /Zeitplan-fuer-Corona-Impfungen/!5752713
 (DIR) [14] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Haushalte-Familien/_inhalt.html
 (DIR) [15] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Schulen/Tabellen/allgemeinbildende-beruflicheschulen-lehrkraefte.html
 (DIR) [16] https://www.zeit.de/news/2021-04/07/biden-usa-mit-unglaublichen-fortschritten-beim-impfen
 (DIR) [17] https://twitter.com/JuernKruse/status/1367187441535320064
 (DIR) [18] https://twitter.com/Markus_Soeder/status/1379792141996732419
 (DIR) [19] https://www.handelsblatt.com/dpa/politik-soeder-plaediert-dafuer-juengere-politiker-zu-impfen/27075188.html?share=twitter
 (DIR) [20] https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-2575.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luise Strothmann
       
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