# taz.de -- Eltern und ihr Verhältnis zum Zucker: Sehr widersprüchliche Menschen
       
       > Ostern stopfen wir die Nester mit Schokolade voll, danach wird wieder
       > Verzicht gepredigt. Zum Glück durchschauen uns die Kinder.
       
 (IMG) Bild: Leider lecker: Schokolade
       
       Ich weiß nicht, ob das von der Süßwarenindustrie mit Absicht gemacht wird,
       aber Schokonikoläuse haben ein Verfallsdatum bis ungefähr Ostern. Bis Ende
       März sind sie angeblich haltbar, dann muss man sie aufgegessen haben,
       vermutlich damit man auch ganz sicher ausreichend in Hasenschokolade und
       Nougateier investieren will. Ansonsten soll mir mal jemand erklären, warum
       Vollmilchschokolade in eine öde Tafelform gepresst länger essbar sein soll
       als dieselbe Schokolade in eine Form (Nikolaus, Lamm, Hase) gebracht, die
       sich einer kapitalistischen Verwertungslogik zuführen lässt.
       
       Jedenfalls weiß ich das mit dem Verfallsdatum deshalb so genau, weil mein
       elfjähriger Sohn über die ganz erstaunliche Fähigkeit verfügt, seine
       Schokolade nicht zu essen, sondern aufzuheben. Er hat eine rote Dose mit
       Süßigkeiten auf dem Küchenregal stehen, und in dieser Dose ist garantiert
       immer etwas drin, das den Rest der Familie mal mehr (Kinderriegel) und mal
       weniger (trocken gewordene Kaubonbons von seinem Geburtstag im Sommer
       letztes Jahr) auf eine harte Probe stellt.
       
       Woher nimmt das Kind diese Selbstbeherrschung? Von mir hat er’s jedenfalls
       nicht, und vor allem: Wäre ein Nougatei da nicht gesünder? Aber darf man
       sein Kind denn zum Schokolade-Essen nötigen? Und ist es überhaupt okay, im
       Lockdown Nummer 702 oder so über Kinderschokolade nachzudenken, hab ich
       etwa sonst keine Probleme?
       
       Denke ich und esse diesen leckeren Schokoriegel mit Milchcreme aus dem
       Vorrat meines kleinen Sohns auf, den ich schon ungefähr dreimal wieder
       durch neue Ware ersetzt habe, bisher noch ohne entdeckt worden zu sein. Von
       dem Kleinen jedenfalls, der große Bruder weiß Bescheid.
       
       ## „Entspann dich doch mal!“
       
       „Kauft euch doch selbst Schokolade“, sagt der Große, wenn er die
       Erwachsenen abends in der Küche vor dem Regal erwischt. Aber natürlich weiß
       er auch schon längst um dieses leicht gestörte elterliche Verhältnis zum
       Zucker. Macht einerseits die Zähne kaputt („da kriegst du gleich noch ein
       Loch!“) und Pickel im Gesicht und wahrscheinlich auch noch dumm (warum denn
       nicht, kann ja sein). Und dann stopfen sie doch wieder das Osternest voll
       und raten dem Kind, sich jetzt aber wirklich mal ganz entspannt („Entspann
       dich doch mal, du kannst dir auch mal ein bisschen was gönnen!“) dem
       Schokonikolaus zu widmen („Und krieg ich was ab?“).
       
       Eltern sind, über ihr Schokoproblem hinaus, überhaupt einfach sehr
       widersprüchliche Menschen. Sie wollen zum Beispiel wahnsinnig gerne
       Brettspiele machen, aber komischerweise nur, bis die Kinder im Bett sind.
       Dann vergessen sie, wie gerne sie angeblich Memory spielen wollen, und
       gucken Netflix.
       
       Eltern haben auch ein Recht darauf, immer genervt zu sein von irgendetwas,
       und wenn das Kind dann zurückgenervt ist, ist das aber nicht okay: „Wie
       redest du denn mit mir?!“ – „Ich schimpf zurück, solange ich will!“, hat
       der Kleine neulich gekreischt, sodass es auch die Nachbarin zwei Stockwerke
       drüber garantiert gehört haben dürfte. Und eigentlich hat er ja recht, was
       will ich denn: Da erzieht man die Kinder dazu, nicht so schnell klein
       beizugeben, und dann ist es auch wieder nicht recht.
       
       Neulich war der Große nachmittags relativ viel alleine zu Hause. Er hat
       sich Netflix angemacht, erst „Iron Man 2“ geguckt und, weil wir nichts
       gemerkt haben, am nächsten Tag auch noch die Hälfte von „Iron Man 3“. Dann
       ist er aufgeflogen, weil ich mich über die Filme gewundert habe, die
       Netflix mir unter „Mein Programm“ neuerdings vorschlug.
       
       Das Kind gab alles zu, war angemessen zerknirscht und holte bei der
       Gelegenheit auch gleich die leere Chipstüte hinterm Kleiderschrank hervor,
       die offenbar immerhin zwei Filme gehalten hatte („Ich hab die auch nicht
       alle auf einmal gegessen!“).
       
       Ich hab natürlich ein bisschen geschimpft, ich dachte, das sei angemessen.
       Und gedacht: Wie schön, das Kind fängt langsam ernsthaft an, nicht das zu
       machen, was man ihm sagt. Also entspann dich.
       
       5 Apr 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Klöpper
       
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