# taz.de -- Wege aus der Krise: Werden wir zynisch, Leute?
       
       > Wut- und Schimpfkonformismus gibt es angesichts der schwierigen
       > Coronalage genug, und zwar auf allen Kanälen. Jetzt braucht es etwas
       > anderes.
       
 (IMG) Bild: Eine antikapitalstische Fahrraddemo zum globalen Klimastreik in Berlin
       
       An einem Freitag im März fand ich mich beim globalen Klimastreik auf der
       Oberbaumbrücke wieder, die die Berliner Stadtteile Kreuzberg und
       Friedrichshain verbindet. Maske, Abstand, bitterkalt. Mir blieb nichts, als
       mich an einer Rede von Frau Neubauer zu wärmen. Die Klimapolitikaktivistin
       stand in der Mitte der abgesperrten Brücke und steigerte sich nach sanftem
       Beginn in ein herausgedonnertes Gebet hinein, das sich als Umkehrung von
       Allen Ginsbergs „[1][Howl]“ herausstellte.
       
       Während Ginsberg die besten Köpfe seiner (Beat-)Generation als soziale
       Außenseiter und vom Irrsinn um sie herum zerstört sah, nahm Neubauer sie
       nach anfänglicher Anerkennung der schwierigen Lage und der eigenen
       Müdigkeit mit der integrativen Anrede „Leute!“ in die
       gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die Sache zu drehen und „die
       Parteien zu Höchstleistungen zu treiben in Sachen Klimagerechtigkeit“.
       
       Das Wort „Höchstleistungen“ im Zusammenhang mit Regierungsparteien scheint
       manchem in diesen Tagen ein Widerspruch in sich, die
       mediengesellschaftliche Stimmung ist angesichts der jüngsten
       Coronapolitikversuche der Bundesregierung düster, verärgert, wütend. Was
       wir gerade erleben, individuell und gesellschaftlich, ist ein „Crashkurs in
       Desillusionierung“, wie ein Journalistenkollege sagt.
       
       ## Die Welt von gestern
       
       Die Welt, wie wir sie zu haben glaubten, gab es schon länger nicht mehr,
       aber im Alltag ja irgendwie doch, weshalb wir uns seit Längerem an
       Haltepfosten aus Luft klammern. Nun gibt es diese Welt auch im täglichen
       Leben für viele nicht mehr, und die große Frage ist: Wird
       wirklichkeitsorientierte Politik auf Höhe der Problemlagen durch die
       Pandemie und den Vertrauensverlust der Idee, dass Union und SPD „ordentlich
       regieren“, gestärkt oder weiter geschwächt?
       
       Die drängendste, da imminente Bedrohung, die wir erleben, ist das Virus.
       Die Lösung heißt Impfung, aber das dauert hier sehr lange. Das und der
       tastende Hü-hott-Rest macht zunehmend Leute kirre. Die grundsätzliche
       Bedrohung dahinter ist, vom nicht zukunftsfähigen business as usual, vom
       „Wird schon werden“ weiter abzurutschen in eine zynische
       Larmoyanzgesellschaft des „Alles Scheiße“, die sich von interessierten
       Strategen zur Waffe gegen die offene Gesellschaft formen lässt.
       
       Ein dauerhafter Vertrauensverlust der Union wäre wohl auch ein
       Vertrauensverlust der liberalen Demokratie, weil diese ohne eine starke
       moderat-gesellschaftskonservativ bindende Kraft erodiert. Zunächst könnte
       aber eine Ampel profitieren. Die neuerdings ja für das Ganze verantwortlich
       sein wollenden Grünen müssen nach dieser Woche auf alles gefasst sein, auch
       auf das Kanzleramt.
       
       ## Selbstwirksamkeit statt Zynismus
       
       Aber die Frage ist ja für alle Leute, die eine wirklichkeitsnähere Politik
       wollen – durch eine neue und den Krisen angemessene Politikmethode: Was
       kann ich tun?
       
       Bitte: Es geht vielen dreckig, Kritik ist essenziell für eine
       liberaldemokratische Gesellschaft, aber Wut- und Schimpfkonformismus nicht.
       Und auch nicht „zynische Vernunft“, wie wir dank Peter Sloterdjik wissen,
       sondern nur aktive. Es braucht jetzt wache, gut gelaunte, vorwärts denkende
       und an ihrer Selbstwirksamkeit arbeitende Köpfe. Die Besten müssen ihr
       Bestes einbringen.
       
       Das ist eine echte Aufgabe, denn bequemer, als Selbstwirksamkeit
       hinzukriegen, ist es allemal, sie auf Twitter oder sonst wo zu simulieren
       und selbst zynisch zu werden.
       
       Leider neige ich auch manchmal zu Letzterem, weshalb ich reflexhaft
       grinste, als Luisa [2][Neubauer] auf der Oberbaumbrücke ihr Gegen-Howl in
       den Peptalk-Satz münden ließ: „Another World is possible, Leute!“ Aber dann
       spürte ich plötzlich einen salzigen Geschmack auf der Lippe und dachte:
       Fuck. Sieh mal besser zu, dass sie am Ende recht behält.
       
       28 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=x-P2fILsLH8
 (DIR) [2] https://twitter.com/Luisamneubauer/status/1372877001112059906
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
       
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