# taz.de -- Frauenbewegung in Deutschland: Schlendernd zum Protest
       
       > Wenn Frauen in anderen Ländern für ihre Rechte auf die Straße gehen,
       > finden das viele bewundernswert. Doch hier passiert – ziemlich wenig.
       > Warum nur?
       
 (IMG) Bild: Gründe, auf die Straße zu gehen, gibt's genug: Zwei Demonstrantinnen am Frauentag 2019 in Berlin
       
       Vor einem Jahr gingen zum Internationalen Frauentag am 8. März in Berlin
       Tausende auf die Straße, um klarzumachen: „Frauen*rechte sind
       Menschenrechte“. Es gab starke Reden, Glitzer, gute Musik und viele
       energetisierende Mitstreikende. 20.000 Demonstrant*innen sollten
       kommen. Es erschienen 12.000.
       
       Das ist zwar mehr als in den Vorjahren – so richtig viel aber ist es nicht.
       Warum blieb auch ich eigentlich zu Hause? Das frage ich mich, als ich den
       Tag in Gedanken Revue passieren lasse. Ich rief vermutlich meine Schwester,
       Mutter und einige Freundinnen an und wünschte ihnen einen guten Frauentag.
       Wahrscheinlich war es ein stinknormaler Sonntag in einer beginnenden
       Pandemie.
       
       Dabei war ich eine der fehlenden 8.000 Frauen, die sich die
       Organisator*innen des Frauenkampftags auf den Berliner Straßen
       gewünscht hätten, die es sich dafür aber lieber auf dem Sofa gemütlich
       machten.
       
       So geht es wohl vielen: Gefühlt posten weitaus mehr Menschen am
       Frauenkampftag „The Future is female“ auf Instagram, als auf die Straße zu
       gehen. Das massentaugliche Etikett Feminismus bringt zwar die Oberfläche
       zum Glänzen – aber die gesellschaftlichen Strukturen, in denen wir leben,
       müffeln noch immer nach Patriarchat.
       
       Dabei gibt es einiges zu beklagen. Gut, in Deutschland ist keine
       nationalistische Staatsmacht am Ruder wie etwa in der Türkei – deren
       Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan machte schon 2012 klar, [1][dass er
       Abtreibung für Mord hält]. Heute ist es übrigens für einen Großteil der
       Frauen in der Türkei faktisch unmöglich, Abbrüche zu bekommen.
       
       [2][Sedef Erkmen], Autorin eines Buchs über Abtreibungen in der Türkei,
       schreibt, dass sich die meisten Ärzt*innen in öffentlichen Krankenhäusern
       weigern, den Abbruch vorzunehmen, auch wenn Abtreibungen bis zur zehnten
       Woche legal sind. Damit werden Frauen in die Illegalität getrieben, und nur
       wohlhabende Frauen können sich überhaupt Abtreibungen in Privatkliniken
       leisten.
       
       ## Drei Kinder mindestens
       
       In der Türkei gehört es ebenfalls zur staatlichen Linie, Frauen in ein
       konservatives Familienmodell (drei Kinder mindestens, bitte, und der
       Ehemann ist das Oberhaupt der Familie) zu zwängen. Wenn am Frauentag seit
       Jahren mehrere zehntausend Frauen auf die Straßen gehen und riskieren,
       verhaftet und mit Tränengas beschossen zu werden, ist ihre bloße Präsenz
       ein geschrienes Nein gegen die Regierung und deren konservatives
       Frauenbild.
       
       Genau wie die jüngsten Proteste in Polen. Die wochenlangen politischen
       Demonstrationen unzähliger wütender und entschlossener Frauen konnten die
       Verschärfung des Abtreibungsverbots zwar nicht verhindern. In Erinnerung
       bleiben die starken Bilder der Demonstrant*innen dennoch.
       
       Dass hierzulande viele leicht anhimmelnd auf die Frauenproteste im Ausland
       schauen, ist verständlich. Sie berühren auch mich: Ich will wissen, wie es
       den Frauen in anderen Ländern geht, was ihre Probleme sind, was sie
       schmerzt. Und dann mache ich weiter in meinem Alltag, weil es hier schon
       nicht so schlimm ist.
       
       ## Alles eine Frage der Entscheidung
       
       Zumindest nicht schlimm genug, wie es mir die Mittelschichtsversion meines
       Selbst vorgaukelt: Ich bin eine Frau, die im Berufsleben steht, ein
       florierendes Sexualleben und Kinder haben könnte – oder auch nicht. Alles
       eine Frage der Entscheidung, kein Politikum.
       
       Das glänzende Feministinnen-Etikett lässt mich glauben, dass ich es wie
       viele Zeitgenossinnen geschafft habe. Ich muss nicht mehr ständig auf die
       Straße gehen, um für meine und die Rechte meiner Geschlechtsgenossinnen zu
       kämpfen – es geht ja auch so irgendwie.
       
       Das ist auch so, weil ein Abtreibungsrecht, wie jüngst in Polen
       verabschiedet, in Deutschland derzeit kaum möglich scheint – eine
       grundlegende Verbesserung hin zu mehr reproduktiven Rechten gibt es aber
       auch nicht. Frauenärzt*innen dürfen Infos über Schwangerschaftsabbrüche
       nicht auf ihren Webseiten teilen. Aber ohne ausreichende Infos ist es für
       viele Frauen schwer, die ihnen zustehende medizinische Versorgung zu
       bekommen.
       
       ## Mich wird es schon nicht treffen
       
       Eine Hebamme zu finden, eine frauenärztliche Untersuchung zu bekommen oder
       ohne Umschweife einen Abtreibungstermin zu kriegen, kann echt kompliziert
       sein. Erst recht, wenn ich als geflüchtete Frau in einer Unterkunft lebte
       oder wenig Deutsch spräche oder auch, ganz banal, auf dem Land wohnte.
       
       Tue ich aber nicht – wie viele Frauen in diesem Land. So wie viele denke
       ich, mich trifft es schon nicht. Dass medizinische Versorgung auch an
       finanzielle Ressourcen gebunden ist, ist klar. Nicht nur als junge oder
       mittelalte Frau will ich gut versorgt sein, sondern auch im Alter.
       
       Da kommen die Einschläge schon näher: laut dem Armutsbericht 2020 des
       Paritätischen Wohlfahrtsverbands sind mehr als die Hälfte der Menschen im
       Rentenalter bitterarm. Die Armut bei Rentner*innen hat seit 2006 um 66
       Prozent zugenommen, Frauen sind viel häufiger als Männer davon betroffen
       oder werden es sein – ich auch übrigens.
       
       ## Wir dümpeln vor uns hin
       
       Ich habe das lange nicht wahrhaben wollen. In meinem Freundinnenkreis gibt
       es keine Spitzenverdienerinnen, wir dümpeln so vor uns hin. Ist auch okay –
       erst mal. Ich wusste lange gar nicht, dass geringfügige Beschäftigung eine
       „Frauendomäne“ ist. Und seit einem Jahr werden Frauen in eine absurde Form
       der Aufopferung ohne Gegenleistung gezwungen: Homeschooling, Hausarbeit und
       Homeoffice, alles zusammen. Geht gar nicht, ohne zu sagen: Ich krieg die
       Krise.
       
       Für mich jedenfalls war der Gang auf die Straße zum Frauenkampftag am 8.
       März bisher ein kraftloser Akt. Wie ein Händedruck, der ohne konkretes
       Versprechen für die einzelne Frau bleibt. Das galt, solange die
       Mittelschichtsblase für Frauen bequem war. Ich glaube, spätestens mit der
       Pandemie ist sie geplatzt.
       
       8 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gesetzentwurf-in-der-Tuerkei/!5092546
 (DIR) [2] https://www.duvarenglish.com/women/2020/08/16/abortion-practically-banned-in-turkey
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ebru Tasdemir
       
       ## TAGS
       
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