# taz.de -- Fastnacht in Mainz: Helau again!
       
       > Wir Mainzer sind hochbegabt, aber nicht tiefgründig. Weltoffen, aber erst
       > nach dem Essen. Und die Fastnacht ist heute viel sozialdemokratischer.
       
 (IMG) Bild: Das Publikum ist begeistert – Aufzeichnung der Sendung „Mainz bleibt Mainz“ im Februar 2000
       
       Ich will es liebevoll ausdrücken: Mainz ist eine Stadt mit geringem
       Ehrgeiz. Ein echter Mainzer weiß genau, wie wichtig das Verhältnis ist
       zwischen Arbeit und Belohnung. Die Kunst liegt für uns darin, gerade genau
       so viel zu tun, dass es für ein genügsames und gutgelauntes Leben reicht.
       Wir singen gerne, wir tanzen, soweit das medizinisch noch angezeigt ist,
       wir sind Profis im Feiern.
       
       Fast schon von südländischer Leichtigkeit ist das rheinhessische
       Temperament, wenngleich wir wegen der meist fetten „deutschen“ Speisen
       (Fleischwurst, Spundekäs und viel Laugengebäck) und kalorienhaltigen
       Getränke zur Adipositas neigen. Meine Mutter geht sogar so weit in ihren
       Empfindungen, dass sie Männer mit Bäuchen jenen ohne Gewichtsprobleme
       zeitlebens vorgezogen hat. Das hat auch bei mir zu einer sehr kompakten
       Figur geführt – ich wollte sie nicht enttäuschen.
       
       Aber was ist schon eine gewisse Antrittsschwäche gegen die unschlagbar
       originelle Idee der Rheinhessen, der Mainzer, die mental anfällige Phase
       zwischen Neujahr und Fastenbeginn mit [1][einem rauschenden
       Verkleidungsfest und Massenbesäufnis] zu verkürzen? Einfach zu den
       anerkannten vier Jahreszeiten noch eine fünfte dranhängen! Die Fastnacht
       als Sprungbrett in den Frühling! Immer vorausgesetzt, dass man die
       närrischen Tage, insbesondere die in der Schlussphase aufreibenden
       Straßen-Einsätze, unverletzt, ohne Klinikaufenthalt überlebt.
       
       Fest steht, der gute und routinierte Fastnachter ist ein Mensch, der auch
       einen Sinn hat für Humor, Paarreime und Gerechtigkeit. Die erfolgreichsten
       Büttenredner – es gibt bis heute keine Frau, die sich im politischen
       Vortrag einen Namen machen konnte – waren immer Männer, die sehr
       bodenständige, lustige Typen waren und dabei dem Volk exzellent aufs Maul
       schauen konnten. Frauen waren akzeptiert als Funkenmariechen, Prinzessin
       oder Balletttänzerinnen. Von einer Trendumkehr kann man noch nicht
       sprechen.
       
       Die Ursprünge der Mainzer Fastnacht reichen, wenn ich richtig informiert
       bin, zurück bis ins 15. Jahrhundert. Hier wird erstmals berichtet von einem
       „unorganisierten Volksfest mit Maskerade, Essen, Trinken, Tanzen an Tag und
       Nacht“. Daran hat sich bis heute wenig geändert, wenn man von diesem
       verunglückten Jahr absieht.
       
       Die politische, gesellschaftssatirische Fastnacht hat sich im Laufe der
       letzten sieben Jahrzehnte verändert. Sie ist heute „linker“, sie ist
       sozialdemokratischer, mindestens aber mittiger geworden, als sie es noch zu
       Zeiten von Rolf Braun und seinem Dienstherrn in der Staatskanzlei, Helmut
       Kohl, war. Diese Entwicklung ging aber nicht zwingend von den Rednern aus,
       sondern mindestens genauso stark vom närrischen Volk.
       
       ## Witze über Randgruppen bringen Buhrufe
       
       [2][Witze auf Kosten von Randgruppen], homophoben Stumpfsinn gibt es sicher
       noch vereinzelt in Vorortssitzungen, aber in der Fernsehfastnacht, vor
       einem bürgerlich-aufgeklärten „Mainz bleibt Mainz“-Publikum wird der Redner
       dafür durch Buhrufe gestraft. Vermutlich ist es der Länge und Breite des
       Rheins und einem gewissen Hang zum Pragmatismus zu verdanken, dass Mainz
       sich diese Offenheit und Toleranz leisten kann.
       
       Die Mainzer*innen wissen genau, wie das mit dem Pluralismus geht, aber
       sie verlieren schnell die Lust daran. Wenn etwas zu kompliziert wird, dann
       setzen sich ein paar Männer (!) zusammen und „wurschteln“ – sie handeln
       einen Deal aus, mit dem alle mehr oder weniger gut leben können.
       („Handkäs-Mafia“)
       
       Wir Mainzer leben für den Moment, die Zukunft kann kommen, aber sie darf
       uns auch nicht zu viel abfordern, sonst bleiben wir stur und geben
       Widerworte. Am Beispiel des Gutenberg-Museums, der unendlichen Geschichte
       der Rathaus-Sanierung und diverser Großbaustellen geriet diese
       Verschleppungs- und Verzögerungshaltung zu einer jahrzehntelangen
       städtebaulichen Groteske, die – im worst case (fast hätte ich „Wurst Käs“
       geschrieben) – zu einem geschmacklichen und finanzpolitischen Desaster
       geführt hat.
       
       Um es noch mal klar zu sagen: Wir Mainzer sind hochbegabt, aber nicht
       tiefgründig. Wir sind weltoffen, aber erst nach dem Essen, wir sind
       empathisch und so nah am Wasser gebaut wie die US-Senatoren in Washington,
       aber was uns wirklich zu etwas Besonderem macht: Wir sind nach ein paar
       Schlückchen Wein wahnsinnig begeisterungsfähig, und wer unsere Liebe,
       unsere Leidenschaft spürt, der muss auch sofort weinen und Wein trinken.
       
       ## Gegen Hetze war immer Verlass auf diese Stadt
       
       Das kann man spüren bei jedem kabarettistischen Auftritt im „Unterhaus“,
       aber vor allem, wenn man als Redner in die Bütt geht [3][in der „Mainz
       bleibt Mainz“-TV-Sitzung].
       
       Immer wenn es wichtig war, sei es die Flüchtlingspolitik 2015, die
       Unappetitlichkeiten der AfD oder die rechtsextremistischen Terroranschläge
       auf Mitbürger*innen 2020, wenn ich Sätze gesprochen habe voller Wut,
       über Dinge, die mir wichtig waren, gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung und
       Hetze, da war immer Verlass auf diese Stadt, da ging ein Ruck durch das
       Schloss, da stehen die Mainzer wie eine Wand gegen das Unrecht.
       
       Die fast vollständige Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg ist uns bis
       heute eine bittere Lehre geblieben. Nie wieder Faschismus – Fastnacht für
       immer!
       
       7 Mar 2021
       
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