# taz.de -- Unerträgliches Nichtstun: Ein Plädoyer für Langeweile
       
       > Langeweile ist ein unangenehmes Gefühl, dem wir entkommen wollen. Dabei
       > kann Nichtstun auch kreative Prozesse in Gang setzen.
       
 (IMG) Bild: Als es noch Langeweile gab: kurz vor der Verbreitung des Smartphones, Berlin 2007
       
       Die Uhr tickt. Sehr langsam. Jeder Schritt des Minutenzeigers scheint eine
       Ewigkeit zu dauern. Es gibt nichts zu tun, außer wie hypnotisiert den
       Zeiger zu beobachten …
       
       Es ist ein Phänomen der [1][Langeweile,] dass die Zeit stillzustehen
       scheint. Je mehr wir darüber nachdenken, desto intensiver wird das Gefühl.
       Kein Wunder, dass wir einen Ausweg suchen – irgendetwas, womit wir uns
       beschäftigen können. Instinktiv blicken wir uns nach Ablenkung um, manchmal
       finden wir sie sogar.
       
       Doch dabei übersehen wir, dass die Langeweile auch hilfreich sein kann.
       Etwa als Signal und als Motivation, etwas an unserer Situation zu ändern.
       Sind wir mit unserer Arbeit andauernd gelangweilt, sollten wir uns
       vielleicht neue Herausforderungen suchen. Das muss nicht gleich ein neuer
       Arbeitsplatz oder ein ganz neuer Beruf sein. Möglicherweise genügt es
       schon, mit dem Chef neue Ziele zu setzen oder zusätzliche Verantwortung zu
       übernehmen. Aber: Um den Antrieb zu einer Veränderung zu finden, sollten
       wir auf unsere Langeweile hören.
       
       Dass das nicht leicht ist, zeigt auch eine Studie, die von einem
       Forscherteam um den Sozialpsychologen Timothy D. Wilson von der University
       of Virginia, Charlottesville, durchgeführt wurde. Testpersonen mussten 15
       Minuten lang in einem leeren Raum aushalten. Sie sollten ihren Gedanken
       nachgehen und sonst nichts tun. Das klingt eigentlich gar nicht so schlimm,
       immerhin ist es eine vergleichsweise kurze Zeit.
       
       Doch offenbar war das schon zu lange für einige der Testpersonen. Denn in
       einem zweiten Durchgang hatten sie die Möglichkeit, sich per Knopfdruck
       einen elektrischen Schock zuzufügen. Und tatsächlich machten viele davon
       Gebrauch: Etwa zwei Drittel der Männer und immerhin ein Viertel der Frauen
       verabreichten sich lieber einen schmerzhaften Schock, als ohne
       Beschäftigung herumzusitzen. Noch beeindruckender war, dass alle
       Teilnehmenden der zweiten Runde zuvor angegeben hatten, sie würden sogar
       Geld bezahlen, um einen Schock zu vermeiden. Wie unangenehm dieses Gefühl
       der Langeweile doch sein musste!
       
       ## Reales Leben vs. Laborsituation
       
       Das Ergebnis dieser Studie sollte man allerdings relativ sehen, sagt
       Sabrina Krauss, Professorin für Psychologie an der SRH Hochschule Hamm. „In
       reizarmen Räumen zu sitzen, ist nicht unsere Normalität. Solche Situationen
       mögen wir nicht.“ Zu Hause im Garten zu sitzen sei eine vollkommen andere
       Sache. Wie so oft ist es schwierig, die recht sterilen Laborergebnisse auf
       das reale Leben zu übertragen.
       
       Schaffen wir es, in unserem Alltag ab und zu Langeweile zuzulassen, kann
       uns das helfen, zur Ruhe zu kommen, so Sabrina Krauss. „Wir brauchen
       Momente, in denen sich unsere Gedanken sortieren. Das kommt aber zu kurz,
       wenn wir uns bei der kleinsten Langeweile sofort ablenken.“
       
       Ein allgemein gültiges Konzept, das für jede*n passt, gibt es freilich
       nicht. Manche Menschen können besser mit Langeweile umgehen und sie
       sinnvoller umsetzen als andere. Was für eine Person unerträglich scheint,
       führt andere auf den Weg zu einem kreativen Denkprozess.
       
       Die Langeweile selbst ist jedoch nicht kreativ, betont John Eastwood,
       Associate Professor im Department of Psychology der York University in
       Toronto, Kanada. Für ihn ist es „das unangenehme Gefühl, eine
       zufriedenstellende Aktivität ausführen zu wollen, aber nicht zu können.“
       Anders gesagt: Wir möchten eigentlich etwas tun, doch uns steht nichts zur
       Verfügung, was uns in diesem Moment erfüllen würde.
       
       Eastwoods Definition schließt einen kreativen Prozess also aus, denn wenn
       wir in unseren Gedanken aufgehen, sind wir konzentriert und interessiert.
       „Sobald unser Gehirn im richtigen Maß angeregt ist, endet die Langeweile“,
       sagt John Eastwood. Was uns wieder zur Motivation bringt: Das
       unbefriedigende Nichtstun sorgt in diesem Fall dafür, dass das Gehirn nach
       alternativen Beschäftigungen sucht, und bringt es dadurch in die Lage,
       kreativ zu denken.
       
       Während ein wenig Langeweile uns also sogar helfen kann, sollte es nicht
       zum Dauerzustand werden. Denn das kann zu allen möglichen negativen
       Verhalten führen. So essen wir beispielsweise mehr und ungesünder, wenn wir
       uns langweilen. Selbst mit depressiven Symptomen gibt es einen Zusammenhang
       – ob die Langeweile jedoch eine depressive Stimmung auslöst oder Menschen
       mit Depressionen schneller gelangweilt sind, ist bisher nicht bekannt.
       
       Sicher ist, dass manche Menschen öfter unter dem Gefühl leiden als andere.
       Das hängt von der Persönlichkeit ab, von der Umwelt und auch davon, wie gut
       Jede*r mit Langeweile umgeht. Zumindest einige dieser Aspekte können wir
       beeinflussen. Etwa, indem wir an einen Ort gehen, der uns geistig anregt,
       oder uns mit Menschen treffen, mit denen wir interessante Gespräche führen
       können. Den Umgang mit der Langeweile können wir sogar üben, sagt Sabrina
       Krauss: „Sich einfach mal ein paar Minuten allein hinzusetzen und nichts zu
       tun, ist ein guter Anfang.“ Dabei sollte man es langsam angehen, eine
       Minute genüge vorerst. Von dort aus könne man sich steigern und dadurch
       lernen, das Gefühl auszuhalten.
       
       Manchmal sind wir auch gezwungen, monotone Aufgaben zu erledigen. Da gibt
       es kein Entkommen, weil die Arbeit nun einmal getan werden muss.
       Möglicherweise hilft es, in Tagträumen über den nächsten Urlaub zu
       versinken – doch was, wenn auch das nicht geht?
       
       ## Monotone Arbeiten
       
       Nehmen wir an, wir müssen bei der Arbeit Zahlen vom Blatt in den Computer
       übertragen. Das fordert genug Hirnkapazität, um ein Abschweifen ans Meer zu
       verhindern, ist aber dennoch monoton. John Eastwood findet, dass wir auch
       solche Situationen in wertvolle Momente verwandeln können. „Wir sollten
       dazu die Aufmerksamkeit auf die kleinen Dinge richten. Je mehr wir
       bemerken, desto interessierter werden wir.“
       
       Auf das Beispiel mit den Zahlen übertragen, könnten wir zum Beispiel in den
       nichtssagenden Nummern nach Primzahlen suchen, kleine Rechenaufgaben im
       Kopf machen oder für uns wichtige Daten entdecken.
       
       So wird eine Art Spiel daraus, das sogar unsere geistigen Fähigkeiten
       schult. Was uns zu dem nächsten Punkt bringt: Wenn wir überzeugt davon
       sind, dass eine Tätigkeit gut für uns und unsere Gesundheit ist, führen wir
       sie freiwilliger und besser aus.
       
       Dieses Wissen können wir nutzen, um entweder das Positive in unseren
       Aufgaben zu finden oder um das Nichtstun besser zu ertragen. Gehen wir doch
       zum nächsten Arzttermin gleich mit der Einstellung, dass uns [2][die
       Wartezeit] eine gute Möglichkeit zur nützlichen Langeweile bietet.
       Vielleicht schaffen wir es dann, die Monotonie auszuhalten, den Frust zu
       vergessen und stattdessen unsere Gedanken in Ruhe zu sortieren.
       
       Hoffentlich erwischen wir nicht ausgerechnet einen Tag, an dem es in der
       Praxis richtig schnell geht. Denn zu Hause erwarten uns möglicherweise
       schon die nächsten Ablenkungen.
       
       25 Feb 2021
       
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