# taz.de -- Inge Borg über das Impfen: „Ein supersinnvoller Job“
       
       > Die Moderatorin des „Kiezbingos“ arbeitet derzeit als Helferin im
       > Impfzentrum. Inge Borg betreut die alten Menschen, die sich dort impfen
       > lassen.
       
 (IMG) Bild: Die Impfkabinen im Impfzentrum in der Arena (ein Bild aus Anfangstagen im Dezember 2020)
       
       taz: Frau Borg, Sie sind bekannt als Moderatorin des [1][legendären
       Kiezbingos] im [2][SO36] und anderer Veranstaltungen der queeren Szene. Wie
       kamen Sie zu Ihrem Job im [3][Impfzentrum in der Treptow Arena]? 
       
       Inge Borg: Über einen Freund, der dort schon Anfang Dezember zu arbeiten
       begonnen hat. Ein Sänger in einem Opernchor, der sich dort beworben hatte
       und superglücklich darüber war, nicht mehr zu Hause herumsitzen zu müssen
       und nicht zu wissen, wann der nächste Auftritt ist.
       
       Wie bei Ihnen!? 
       
       Genau wie bei mir. Und er meinte, du, bewirb dich da einfach, die suchen
       händeringend Leute. Ich hab mich beworben, und zwei Tage später kam ein
       Anruf. Das ging praktisch ohne Vorstellungsgespräch. Ich bekam eine E-Mail,
       in der alles erklärt wurde, ich musste einen kleinen Onlinekurs mitmachen,
       der zwei Stunden gedauert hat, man musste sich Videos ansehen, die man
       nicht vorspulen konnte – und am Ende einen Fragenkatalog beantworten. Und
       dann konnte ich anfangen zu arbeiten.
       
       Das klingt einerseits so, als ob die Arbeit total leicht wäre. Andererseits
       stelle ich mir Ihren Job total schwer vor. Was müssen Sie denn alles
       machen? 
       
       Es ist kein einfacher Job, sagen wir mal so, aber es ist ein
       supersinnvoller Job. Das heißt, dass man umso bemühter ist, den auch
       richtig gut zu machen! Ich bin zum Beispiel für die Anmeldung zuständig.
       Die älteren Leute kommen zu mir, sitzen vor der Kabine, zeigen mit ihre
       Unterlagen, die sie zugeschickt bekommen haben, ich kontrolliere, ob der
       Termin im Computer vorgemerkt ist, stelle die Unterlagen noch ein bisschen
       besser zusammen, fülle noch ein, zwei Sachen aus und schicke die dann
       weiter. Das ist einer meiner Jobs.
       
       Und die zweite Aufgabe? 
       
       Ich stehe in den Gängen. Es handelt sich ja um eine riesengroße Halle, es
       gibt viel Wege, und man steht an strategisch günstigen Punkten und leitet
       die Leute weiter, man sagt einfach „bitte hier lang“ und „da entlang“. Und
       der dritte Job, den ich da mache, ist, in der Impfhalle die Patienten zu
       empfangen. Die kommen durch den Videoraum, wo sie noch mal einen kleinen
       Aufklärungsfilm sehen. Ich bringe die Leute in die Impfkabine, und während
       sie von einem Arzt die Impfung bekommen, dokumentiere ich noch mal alles,
       was da an Papieren dabei ist mit einem Tablet, damit auch klar ist, welche
       Person an welchem Tag womit geimpft wurde. In der Arena wird der Impfstoff
       von Biontech verabreicht.
       
       Haben Sie den Eindruck, dass das Prozedere im Impfzentrum in der Arena gut
       funktioniert? 
       
       Das funktioniert schon alles. Natürlich ist es sehr bürokratisch.
       Deutschland liebt seine Bürokratie einfach über alles. Das Ding aber ist
       ja: Es ist etwas ganz Neues. So eine Impfung gab es vorher nicht. Schon gar
       nicht in diesem Ausmaß. Ich kann nicht beurteilen, ob die Abläufe alle
       sinnvoll sind, aber ich finde das mitunter ein bisschen zu viel an
       Bürokratie. Aber im Endeffekt geht es ziemlich schnell, es sind hier sehr
       viele Leute angestellt, damit es reibungslos funktioniert.
       
       Sind Sie in Vollzeit angestellt? 
       
       Ich war zuletzt am Sonntag arbeiten und gehe ab Dienstag wieder. Ich habe
       eine Vollzeitstelle. Das bedeutet eine 40-Stunden-Woche, die man an vier
       Tagen zu erbringen hat, denn eigentlich ist geplant, dass das Impfzentrum
       von morgens 9 Uhr bis abends 19 Uhr aufhat. Wir treffen uns schon um 8.30
       Uhr zur Teambesprechung, auf der alles eingeteilt wird.
       
       Mit wie vielen Menschen haben Sie Kontakt? Wie läuft es gerade? Es wird
       doch jeden Tag geimpft? 
       
       Genau, jeden Tag, auch am Wochenende. Zurzeit sind wir bei ungefähr 1.700
       Menschen pro Tag.
       
       Ach, doch so viele! Anfangs lief es ja [4][eher schleppend mit dem Impfen],
       weil es an Impfstoff fehlte.
       
       Als ich anfing am 7. Januar, waren es nur rund 800 Impfungen pro Tag, und
       es wurden seitdem praktisch jeden Tag mehr. Das Impfzentrum ist ja mal
       gerade einen Monat offen, man hatte am Anfang gar nicht so viel Leute
       eingestellt. Zuerst war die Bundeswehr da und hat alles mit aufgebaut und
       sich um alles gekümmert – und zwar um den Job, den ich jetzt mache. Ich hab
       das praktisch alles von den Bundeswehrsoldaten gelernt. Jetzt gibt es so
       viele Mitarbeiter, dass es pro Tag mit 1.700 Leuten klappt. Aber eigentlich
       ist geplant, dass hier täglich bis zu 5.000 Menschen geimpft werden sollen.
       
       5.000 Impfungen pro Tag klingt nach viel. 
       
       Eine krasse Zahl, ja, aber das würde auch bedeuten, dass da alles wie am
       Schnürchen klappt. Platz ist da. Ich bin gespannt.
       
       Weil Sie ja ständig mit gefährdeten Menschen zu tun haben: Sind Sie
       eigentlich selbst schon geimpft? 
       
       Ich habe meine Erstimpfung schon bekommen. Schon am Schulungstag wurde
       gefragt, ob wir geimpft werden wollen – das ist natürlich freiwillig wie
       bei allen anderen auch. Und ich habe natürlich Ja gesagt. Und oft ist es
       abends so, dass noch Impfstoff übrig ist, also schon auf Spritzen gezogener
       Impfstoff, und wenn Leute entschuldigt oder nicht entschuldigt nicht
       kommen, gibt es noch eine kleine Menge an Impfstoff, da wird dann
       durchgefragt durch die Reihen, wer noch möchte. Freitag vorletzter Woche
       wurde ich gefragt. Ich hatte die nächsten zwei Tage frei, also falls da
       irgendwas gewesen wäre, hätte ich mich erholen können. War aber nicht, war
       alles super. Und in einer Woche dann die zweite Impfung.
       
       Glückwunsch, das freut Sie sicher. In Ihrem Alter wären Sie ja
       normalerweise noch lange nicht dran. 
       
       Ja, das ist super. Das ging so schnell und unbürokratisch, auch wenn wir
       alles ausfüllen mussten, was die anderen auch machen, aber einfach abends
       fragen, und du kriegst die Impfung – super.
       
       Erfreulich ist doch sicherlich auch der Job an sich, das Kiezbingo zum
       Beispiel kann ja derzeit nicht stattfinden. 
       
       Mein Hauptjob in einem Cafékollektiv im [5][Café Morgenrot] – das ist in
       der Kastanienallee in Prenzlauer Berg – lag vier Monate brach wegen der
       Schließung. Gerade in den letzten Dezemberwochen hatte ich wenig Hoffnung
       fürs Café, und ich weiß nicht, ob das Café noch so lange durchhält, denn,
       sagen wir mal so: Selbst wenn der Lockdown bis Mitte oder Ende Februar
       geht, heißt das ja noch lange nicht, dass Cafés dann gleich wieder öffnen
       dürfen. Ich könnte mir vorstellen, dass es April wird oder sogar Anfang
       Mai. Und immer wieder die Energie aufzubringen, so nach dem Motto „He, wir
       halten durch!“, dazu hatte ich gar keine Kraft mehr. Ich bin sehr froh,
       dass mir dieser Job dazwischengekommen ist, weil ich wirklich langsam in so
       eine schwere Depression hineingerutscht bin.
       
       Da hilft so eine sinnstiftende Arbeit doch sicher sehr, oder? 
       
       Total. Nicht nur wegen des Geldes. Vor allem eben deshalb, weil er so
       sinnvoll ist. Das merkt man schon nach ein, zwei Tagen, wenn man da
       arbeitet und mit so vielen Menschen in Kontakt kommt, mit den älteren
       Mitmenschen aus Berlin. Die älteste Dame, mit der ich zu tun hatte, war 103
       Jahre alt.
       
       Ein besonderes Erlebnis. 
       
       Ja, man glaubt gar nicht, wie viele sehr alte Menschen es in Berlin gibt,
       und die sind ja alle supercharmant, die wollen das alle haben, die kommen
       ja freiwillig, das macht total Spaß. Das hat mich ein bisschen in die Zeit
       zurückversetzt, als ich Zivildienst gemacht habe, weil ich da auch viel mit
       Menschen, gerade in Pflegebereichen zu tun hatte, das ist eine schöne
       Erfahrung, dass wieder aufleben zu lassen.
       
       Das klingt herzerwärmend. Können Sie sich vorstellen, diese Arbeit länger
       zu machen? 
       
       Ich würde den Job gerne so lange machen, wie es geht. Ich hab ja keine
       Ahnung, wie lange das alles dauert, wann Cafés und Clubs wieder öffnen, das
       Kiezbingo findet ja im SO36 statt … Die Arbeitsverträge, die es jetzt
       gerade gibt, gehen wohl nur bis Ende April, warum auch immer. Aber wenn man
       das aufrechnet, wie viele Einwohner Berlin hat und wie langsam gerade
       geimpft wird, dauert das mindestens bis Endes des Jahres. Ich würde gerne
       so lange hier arbeiten.
       
       28 Jan 2021
       
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