# taz.de -- Sexuelle Gewalt im Judo: Wir waren bescheuert
       
       > Warum melden sich so wenige Opfer sexueller Gewalt im Sport? Gesehen wird
       > viel, nur gehandelt nicht. Eine Judoka erzählt aus einer komplizierten
       > Welt.
       
 (IMG) Bild: Eine junge Sportart wie Judo musste in Deutschland erst entwickelt werden, gerade im Frauenbereich
       
       Die Birken zuckten im Fenster. Je näher wir auf der B4 in Richtung
       Braunschweig kamen, umso birkiger wurde es. Licht und Schatten in den
       Autofenstern. Wir waren auf dem Weg zum Trainer-C-Lehrgang und hörten
       Schlager von Katis Kassette. An jeder Raststation überreichte mir die
       schöne Blondine eine Marlboro light. „Wir waren schon bescheuert“, sagte
       sie mir kürzlich.
       
       Ich hatte sie auf einen Forenbeitrag im Judo Forum hingewiesen. 1999 hatte
       ich ein Gespräch über Essstörungen angeregt. So richtig stieg da kaum wer
       drauf ein. Obwohl Judo wie viele Sportarten nach Gewichtsklassen
       segmentiert ist. Heute ist das ein Thema.
       
       Wir waren bescheuert und machten, was uns gefiel. Beim Lehrgang machten wir
       Witze über ältere Ehepaare und über die Ehefrau des einen
       Trainerausbilders. Abends in die Disco, Kati entschied sich für ein
       Bananenbier, auf der Karte stand „BaBi“, sie sprach es wie „Barbie“ aus.
       Mit Henry, die ich von den Sommerlagern kannte, machte ich gern Telefon-
       und Klingelstreiche.
       
       Dieses Mal klingelten wir bei der Weltmeisterin, die uns am Tag zuvor noch
       ihr weltmeisterliches Judo beigebracht hatte. Wir waren auch Zeuginnen
       einmaliger Ereignisse geworden. Zufällig war die Weltmeisterin, noch
       unverheiratet, während des Lehrgangs 30 geworden und musste daher das bei
       Licht betrachtet [1][peinliche Ritual des Klinkenputzens] über sich ergehen
       lassen. Man sah dem Trainerausbilder an, wie es ihn erregte, er sabberte
       bei dem Gedanken an die klinkenputzende und Fremde küssende Weltmeisterin
       wie ein Hund.
       
       ## Praktische Teilnehmerlisten
       
       Später klingelten wir und durften tatsächlich in ihre Wohnung. Die
       Weltmeisterin, die uns vor wenigen Stunden noch mit „Rhythm is a dancer“
       animiert hatte, erzählte uns 17-Jährigen von ihrer frauenpolitischen Arbeit
       und wirkte plötzlich gar nicht mehr so fröhlich und kraftvoll wie auf der
       Matte. Sie versuchte uns einzuschärfen, dass wir wichtig und wertvoll seien
       und dass uns das keiner ausreden könne.
       
       Wir waren schon bescheuert. Das haben die älteren Männer ausgenutzt.
       Geholfen haben dabei Teilnehmerlisten mit Daten. Als ich 1999 allein in
       Halle an der Saale lebte, erhielt ich eines Tages eine SMS von dem
       Trainerausbilder. Ob ich nicht in eine Nachbarstadt zu einem Turnier kommen
       wolle. „Wo hast du denn meine Handynummer her?“, schrieb ich halb
       verärgert, halb geschmeichelt. Und fuhr am Wochenende natürlich zu dem
       Turnier.
       
       Nach dem Turnier kam der mit seiner Trainingstasche um die Ecke, ich stand
       da, rauchte Cabinet würzig, mit einem anderen, den ich aus meinem Landkreis
       kannte. Er war als Fotograf bekannt. Verschmitzt lächelnd zog der
       Trainerausbilder Dosenbier aus seiner Trainingstasche. Der Fotograf sagte:
       „Wo hast du das denn her?“ „Tankstelle“, grinste der Trainerausbilder. Die
       beiden wirkten fast wie ein eingespieltes Paar.
       
       Später waren wir, scheinbar plötzlich, in deren Jugendherbergszimmer. Vier
       Dosenbier waren mehr als der eine Liter, den ich damals vertrug. Ich und
       der Trainerausbilder nackt auf dem linken Bett, rechts der Fotograf. Ich
       saß auf dem Trainerausbilder, seine dicken, prallen Oberschenkel. Sein
       Penis wie ein Pinsel. Er hob mich hoch und runter. Ich bemerkte ein
       Klicken.
       
       Der Fotograf hatte seine Kamera zwischen den Knien. Klick, klick.
       Erschrecken. „Küss mich!“, sagte der Trainerausbilder, um abzulenken.
       Später hatte ich auch seinen pinselhaften Penis im Mund. Ekelhaft,
       Trainerausbilder, sagte ich später zu ihm bei Facebook. Eine Klärung war da
       nicht möglich.
       
       ## Verbände wissen Bescheid
       
       Das war nicht der einzige Vorfall. Zuvor bei einem Sommerlager, wo ich als
       Betreuerin eingesetzt war, war ich mehrmals ausgenutzt worden. Ich erspare
       dem geneigten Leser die Details. Sie liegen [2][dem Niedersächsischen
       Judo-Verband] vor, genau wie dem [3][Deutschen Judo-Bund.]
       
       Der Lehrreferent des Niedersächsischen Judo-Verbandes hat hingesehen bei
       dem, was sein Trainerausbilder gemacht hat. Er hat mir mal ungefragt
       gesagt: „Was der Trainerausbilder alles so macht, das finde ich auch nicht
       so gut.“ Eine Kultur des Hinschauens allein hilft nicht, es muss gehandelt
       werden.
       
       Im konkreten Fall des Niedersächsischen Judo-Verbandes kann sich keiner
       damit rausreden, dass es zu wenige gute Leute gebe, die man mit der
       Trainerausbildung betrauen könne. Mir sind Vorzeigesportler bekannt, die
       jahrelang nicht eingebunden wurden. Dafür scharte der Lehrreferent Schwache
       um sich, die ihm nicht gefährlich werden können. „Jetzt muss ich wieder
       Politik machen“, jammerte er manchmal.
       
       Er jammerte und beteiligte sich an sexistischen Sprüchen gegen die
       Weltmeisterin. „Da saß die auf diesem 18-Jährigen und saugte ihn aus.“ War
       wohl der pure Neid, Gejammer, dass sie ihn selbst nicht ranließ. Alle haben
       gesabbert und dann sexistische Sprüche gemacht. Dagegen fallen die
       Puffbesuche, die mich erschreckten, als ich von ihnen bei dem
       Deutschlandpokal hörte, dem Auswahlkampf der Landeskader, kaum mehr ins
       Gewicht.#
       
       ## Cola-Flaschen in den Anus
       
       Die Weltmeisterin ist von den frauenfeindlichen Zuständen im NJV so krank
       geworden, dass sie sich frühpensionieren lassen musste. Sie hat versucht,
       uns zu warnen, als wir bei ihr Klingelstreich machten. Die Mädchenarbeit
       war ihr immer ein Anliegen. Vielleicht auch ein Anliegen in eigener Sache.
       Aber der Verband förderte lieber jammernde Männer als starke Frauen.
       
       Der Lehrreferent jammerte auch, als es im Jungenkader zu einem Vorfall kam.
       Jungen wurden Cola-Flaschen in den Anus gesteckt. Mit sichtlich angeekeltem
       Gesicht erzählte er. Wieder der Trainerausbilder. Kein harter Hund, sondern
       ein lustiger Spaßmacher. Hüpft mal hier mal da und sieht sich selbst als
       Mobbingopfer. Er hatte die Aufsicht gehabt. „Das ist vom Bundeskader
       eingeschleppt worden“, redete er sich raus, als ich ihn im Rahmen meiner
       eigenen Recherchen bei Facebook darauf ansprach.
       
       Als ich beim Deutschen Judo-Bund nachfragte, [4][was es mit diesen
       Ritualen] im Bundeskader der Jungen auf sich habe, erhielt ich keine
       Antwort. Für mich war es verstörend, dass die Person, die mich sexuell
       ausgenutzt hat, wenn nicht genötigt, also nach alter Rechtslage
       vergewaltigt (nach alter Rechtslage wurde eine sexuelle Nötigung
       automatisch zu einer Vergewaltigung, wenn es zur Penetration kam), auch für
       die schlechte Aufsicht beim Jungenkader verantwortlich sein sollte. Was
       waren das für Zustände?
       
       „Das war in den 90ern schon unprofessionell, teilweise kriminell“, sagt
       einer, der damals dabei war. Alle wissen es. Der eine hat Abrechnungsbetrug
       gemacht und der andere Schlimmeres. Der eine musste aufhören und der andere
       nicht. Gerade in Randsportarten scheint es, dass man als Trainer nehmen
       muss, wen man bekommt, und eine vergleichsweise junge Sportart wie Judo
       musste sich in Deutschland erst entwickeln, gerade im Frauenbereich.
       Leidtragende der Zustände waren vor allem Mädchen, Frauen und Jungen. Auch
       die Klassenfrage spielte eine Rolle.
       
       Erfahrungen wie die mit den Cola-Flaschen kann man gewiss auch als Mann
       verarbeiten, entweder als degeneriertes Kaderritual brandmarken und später
       ein ordentliches Leben führen, oder man fetischisiert die Erfahrung.
       Bislang hat keiner der Betroffenen den Mut gefunden, über den damaligen
       Vorfall zu sprechen.
       
       Warum melden sich so wenige Opfer? Weil der Sport kompliziert ist.
       Komplizierter als viele andere Strukturen. Und weil wir alle wissen, dass
       wir einfach bescheuert waren.
       
       10 Jan 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.schachtelkranz.de/br%C3%A4uche/zum-30-geburtstag/klinke-putzen/
 (DIR) [2] https://www.njv.de/
 (DIR) [3] https://www.judobund.de/start/
 (DIR) [4] /Eishockey-in-Kanada/!5553376
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Seeliger
       
       ## TAGS
       
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