# taz.de -- Razzia bei Ärztin der Leugner-Szene: Spontandemo mit Wutrede
       
       > Die Polizei hat die Praxis der Impfgegnerin Carola Javid-Kistel in
       > Duderstadt durchsucht. Sie soll falsche Atteste ausgestellt haben.
       
 (IMG) Bild: Mit dabei am Mikro: Carola Javid-Kistel bei Protesten gegen Coronamaßnahmen im Juli 2020
       
       Duderstadt taz | „Schämt euch! Schämt euch!“, skandiert eine Menschenmenge
       am Mittwochmittag im niedersächsischen Duderstadt, als
       Kriminalbeamt*innen einige Kartons aus einem Einfamilienhaus tragen.
       So ist es auf Aufnahmen zu sehen, die Coronaleugner*innen nach der
       Praxisdurchsuchung geteilt haben, die Stein des Anstoßes für den
       Spontanprotest war. Die szenebekannte Ärztin Carola Javid-Kistel hat in den
       Räumen ihre Naturheilpraxis – und sie hat ihre Unterstützer*innen
       mobilisiert. Die kamen mehrheitlich ohne Masken.
       
       Unmittelbar mit dem Beginn des Polizeieinsatzes schickte die 54-jährige
       Impfgegnerin und Kritikerin der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung
       schluchzend einen Hilferuf über den Messengerdienst Telegram: „Die stehen
       bei mir vor der Tür und wollen jetzt in die Praxis rein.“ Sie flehte ihre
       Follower*innen an, eine „Spontandemo“ zu machen – mit Erfolg.
       Mindestens 50 Menschen reisten aus der Umgebung an. Javid-Kistel hielt vor
       Ort eine Wutrede, in der sie die Ermittlungen gegen sich als „Hexenjagd“
       bezeichnete und mit der NS-Diktatur verglich.
       
       Bereits im September hatte eine Mitstreiterin von Javid-Kistel bei einer
       Demonstration in Hannover davor gewarnt, die Atteste weiter zu verwenden –
       um sie und die Menschen, die sie benutzen, vor Ermittlungen zu schützen.
       „Entweder es wird gegen euch ermittelt oder ihr lasst es in der
       Hosentasche“, hieß es über die Lautsprecheranlage.
       
       Gegen Javid-Kistel liegt der Verdacht auf Urkundenfälschung in mindestens
       16 Fällen vor. Die Ärztin soll Maskenbefreiungs-Atteste ohne medizinische
       Notwendigkeit zur Verfügung gestellt haben. Aufgefallen sind die gelben
       Scheine bei bundesweiten Protesten gegen die Coronavirus-Schutzmaßnahmen.
       In der Coronaleugner*innen-Szene gelten die Masken als Zeichen einer
       Diktatur. Die Schutzwirkung vor dem Coronavirus wird abgestritten.
       
       ## Berufsrechtliches Verfahren der Ärztekammer
       
       Die Ermittler*innen suchten am Mittwoch in der Praxis Akten und
       Arztrechnungen. Andreas Guick, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft
       Göttingen, sagte auf Anfrage der taz, Ziel sei es herauszufinden, ob die
       Patient*innen tatsächlich vorstellig wurden – oder die Ärztin die
       Atteste einfach so ausgestellt hatte. Sollten sich die Anschuldigungen
       erhärten, könnte Javid-Kistel eine empfindliche Geld- oder sogar eine
       Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren, drohen.
       
       Die niedersächsische Ärztekammer steht mit der Staatsanwaltschaft in
       Austausch und prüft zudem ein berufsrechtliches Verfahren gegen
       Javid-Kistel. „Eine Arztpraxis ist kein Ort für politische Agitation“, sagt
       Thomas Spicker, Pressesprecher der Ärztekammer. Er warnt vor
       Gefälligkeitsattesten und hat von einigen weiteren Fällen gehört: Bei
       43.000 Mitgliedern in Niedersachsen sei es bisher zu 26 Beschwerden
       gekommen, die dem Fall aus Duderstadt ähnelten.
       
       Javid-Kistel ist in den vergangenen Monaten zu einer prominenten Figur der
       Szene geworden. Bereits Ende April inszenierte sie sich in Hannover bei
       ersten Kundgebungen und übernahm aufgrund ihrer vermeintlichen Expertise
       schnell die Organisation diverser Veranstaltungen – sie ist nicht nur
       Ärztin, sondern auch Heilpraktikerin. Seit Jahren demonstriert sie gegen
       einen vermeintlichen Impfzwang und engagiert sich beim bundesweit
       agierenden Netzwerk Impfentscheid.
       
       Javid-Kistel zählt auch zum Orgateam von „Walk to Freedom“, das im
       vergangenen Jahr zwölf Demonstrationen in Hannover organisierte. Ans
       Mikrofon traten dort Menschen, die neben ihrer Kritik an den
       Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus auch antisemitische Aussagen getätigt
       sowie Reichsbürger-Inhalte und Verschwörungsmythen verbreitet haben.
       
       Im vergangenen Jahr war zu beobachten, wie die Ärztin und Großmutter sich
       offenbar radikalisierte. Immer wieder verglich sie die Situation mit den
       1930er-Jahren. In einer Sprachnachricht an ihre Follower*innen setzt
       sie die aktuellen Ereignisse mit der Verfolgung von Juden*Jüdinnen
       gleich. Tausendfach werden ihre Nachrichten in verschiedenen
       Telegram-Channeln geteilt.
       
       Vor ihrer Praxis äußerte sich Javid-Kistel gegenüber der taz zu den
       Vorwürfen: Sie stelle keine falschen Atteste aus. Alles sei nach bestem
       Wissen und Gewissen vonstatten gegangen, „die meisten“ Patient*innen
       seien vor Ort gewesen. Auf Nachfrage zu diesem entscheidenden Punkt
       verbesserte sich die Ärztin: „Alle Leute“ seien in ihrer Praxis zur
       Untersuchung gewesen.
       
       Ihren Unterstützer*innen sendete sie abends eine weitere
       Sprachnachricht: Zu gewinnen sei das alles nur noch mit Mut und ohne Angst.
       „Nicht vor der Polizei, nicht vor irgendwelchen Richtern oder
       Staatsanwälten.“
       
       22 Jan 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Trammer
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