# taz.de -- Krise des FC Schalke 04: Akt der Verzweiflung
       
       > Der Bundesligaklub versucht die Hoffnungslosigkeit zu bekämpfen – mit
       > Vertragsauflösungen und Suspendierungen.
       
 (IMG) Bild: Notorischer Quertreiber: Nabil Bentaleb wird nun bereits zum fünften Mal suspendiert
       
       Vom großen Rekord, von dieser sagenhaften Serie mit 31 sieglosen
       Bundesligapartien nacheinander, die Tasmania Berlin 1965 zu dauerhafter
       Berühmtheit verhalf, ist der FC Schalke noch ein ganzes Stück entfernt.
       Wahrscheinlich werden die Gelsenkirchener irgendwann einen Glückstag
       erwischen, an dem sie einen Sieg zurechtstolpern und die Serie von derzeit
       24 Spielen ohne 3-fachen Punktgewinn vor der tasmanischen Marke beenden.
       Was jedoch die Vielschichtigkeit der Krise betrifft, hat Schalke alle
       Rekorde übertroffen.
       
       Die sportliche Lage ist dramatisch, die wirtschaftliche prekär, in der
       Klubführung mangelte es zuletzt an Harmonie, von einem Konzept für die
       Zukunft fehlt jede Spur. Selbst eingefleischten Schalkern fällt es immer
       schwerer, sich mit dem Projekt des Niedergangs zu identifizieren. Da soll
       mal wieder die Kraft der „1.000 Freunde“, von der im Vereinslied die Rede
       ist, den Weg zur Rettung ebnen.
       
       Dass der Kader genügend „fußballerische Qualität“ mitbringe, um die Klasse
       zu halten, sei „klar“, sagte Sportvorstand Jochen Schneider am
       Mittwochmittag in einer kurzfristig einberufenen Presserunde, nachdem er
       tags zuvor mehrere vermeintliche Störenfriede aus dem Arbeitsalltag
       entfernt hatte. „Aber wir brauchen diesen einen Mitspieler: das
       Miteinander.“
       
       Also wurde zunächst die Trennung von Kaderplaner Michael Reschke, dem vor
       dem Hintergrund der leeren Kassen während des vergangenen Sommers nicht
       viel eingefallen ist, beschlossen. „Einvernehmlich“, wie der Klub erklärte.
       Hauptgrund für die Trennung [1][sei eine „unterschiedliche Auffassung über
       die sportliche Zukunft des Vereins“ gewesen], erklärte Schneider. Der
       Bitte, die Differenzen genauer zu erläutern, kam er nicht nach. Ganz so
       harmonisch ging es offenbar nicht zu.
       
       Etliche Kontroversen 
       
       Bekannt ist, dass die beiden Funktionäre bereits im Sommer in der
       Trainerfrage aneinandergeraten sind; Reschke wollte David Wagner schon
       damals ersetzen, Schneider war anderer Meinung, musste sich aber nach zwei
       Spieltagen korrigieren und Manuel Baum einstellen. Über Transfers soll es
       ebenfalls Kontroversen gegeben haben, aber die Trennung von Reschke, dessen
       Aufgaben nun von Klublegende Mike Büskens, Lizenzspielerchef Sascha Riether
       und Schneiders Assistenten René Grotus übernommen werden, ist nur ein
       Aspekt der großen Selbsterneuerung.
       
       Bereits zum fünften Mal wurde der chronische Quertreiber Nabil Bentaleb
       suspendiert, ebenfalls bis auf Weiteres vom Profibetrieb ausgeschlossen ist
       Amine Harit, dessen demonstrative Lustlosigkeit offenbar nicht mehr zu
       ertragen war. Unbestätigten Berichten zufolge sollen sich Bentaleb und
       Harit respektlos gegenüber dem Trainer verhalten haben. „Es war notwendig,
       jetzt eine oder zwei Denkpausen“ zu verhängen, erklärte Schneider.
       
       Endgültig getrennt haben die Schalker sich von Vedad Ibišević, dessen
       Vertrag zwar noch bis Ende des Jahres läuft, der aber schon zu seiner
       Familie abgereist ist. Der Stürmer war am Montag auf dem Übungsplatz derart
       mit Assistenzcoach Naldo aneinandergeraten, dass das Training abgebrochen
       werden musste. [2][„Das Bild ist für mich verheerend, das wir da abgeben“],
       sagte Schneider, der zwar um eine sportliche Wende bemüht ist, aber von der
       Komplexität des Schalker Niedergangs überfordert scheint.
       
       Die Maßnahmen dieser Woche wirken wie ein Akt der Verzweiflung und nicht
       wie die erste Etappe eines wohl durchdachten Weges aus der Krise. Das Motiv
       der Suspendierungen und Trennungen besteht wohl darin, die bedrückende
       Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit, die den ganzen Klub wie ein toxischer
       Nebel umhüllt, wegzublasen. Wobei schwer absehbar ist, wie gut die
       Erfolgschancen der Entgiftungsmaßnahmen sind. Am Tag nach dem Knall mussten
       sie sich erst mal mit den bekannten Sorgen herumplagen: Bastian Oczipka,
       Gonçalo Paciência, Ralf Fährmann und Salif Sané drohen aufgrund von
       Knieverletzungen länger auszufallen.
       
       25 Nov 2020
       
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