# taz.de -- Ethnologin zu Altonaer Glaubensfreiheit: „Es waren finanzielle Erwägungen“
> Glaubensfreiheit konnten sich nur die reichen Flüchtlinge kaufen. Eine
> Altonaer Schau bricht mit dem Mythos der altruistischen Toleranz.
(IMG) Bild: Aus der Unsichtbarkeit herausgetreten: Grundsteinlegung der Imam-Ali-Moschee an der Alster 1961
taz: Frau Dauschek, warum beginnt die Ausstellung über Glaubensfreiheit in
Hamburg-Altona genau im Jahr 1601?
Anja Dauschek: Es war das Jahr, in dem Graf Ernst von Schauenburg
Glaubensflüchtlingen – in diesem Fall den Mennoniten und Hugenotten –
erstmals wichtige Privilegien gab. Sie waren der Startschuss für die
Entwicklung Altonas zu einem Ort gelebter Glaubensfreiheit. Ab 1612 konnten
sich Juden als sogenannte „Schutzjuden“ niederlassen: Dafür, dass sie sich
loyal verhielten und Steuern zahlten, durften sie ihre Religion und ihre
Geschäfte frei ausüben. Im ab 1641 [1][dänischen Altona] erhielten sie dann
ein Generalprivileg.
Aber wurde die Glaubensfreiheit wirklich aus Edelmut gewährt?
Nein, es geschah aus finanziellen Erwägungen. Nicht zufällig wurden die
Privilegien an Gruppen gegeben, die wirtschaftlich stark und gut vernetzt
waren.
Als da wären?
Die mennonitischen Familien, die hier siedelten, arbeiteten als Reeder und
Walfänger. Portugiesische Juden und Hugenotten waren oft Tabak- und
Zuckerhändler. Hier kommt das Thema [2][Kolonialismus] ins Spiel. Denn das
„Goldene Zeitalter“ im 18. Jahrhundert brachte zwar Wohlstand für gewisse
Altonaer Kreise. Aber nicht für die versklavten Menschen in der Karibik,
auf deren Ausbeutung dieser Reichtum beruhte. Dann gab es noch die Rosens
und die van der Smissens aus den Niederlanden. Letztere waren ursprünglich
Bäcker, entwickelten sich dann aber zu dem, was man heute
„Immobilienprojektentwickler“ nennt. Hinrich van der Smissen etwa bekam das
Recht, die Altonaer Palmaille zu bebauen und hat sie auf eigene Kosten zur
Prachtstraße umgestaltet. Wohlhabende Geschäftsleute wie er kauften sich
die erwähnten Privilegien und erwarben mit der Religionsfreiheit auch die
Gewerbefreiheit.
Ärmere Glaubensflüchtlinge bekamen also kein Privileg?
Das ist unklar, so tief haben wir nicht geforscht. Wir wissen aber, dass es
viele kleine Gemeinden wie die Adamiten gab, die dann vermutlich
zusammenlegten, um Privilegien zu kaufen. Innerhalb der in der Ausstellung
präsentierten Glaubensgemeinschaften gab es unterschiedlich wohlhabende
Mitglieder, aber auch einen starken Zusammenhalt.
Allerdings gab es auch Streit über religiöse Feste. Wie weit reichte die
Toleranz ins „Volk“ hinein?
Das ist schwer herauszufinden. Denn überliefert sind ja meist nicht die
guten Nachrichten, sondern die Skandale. Deshalb wissen wir vor allem von
Konflikten. Da ging es zum Beispiel ums Bauen. Die katholische St.
Josefskirche etwa hatte im Jahr 1722 schon das Fundament für den Kirchturm
gelegt. Dann durfte sie ihn aber nicht bauen, weil nur die Lutheraner einen
Kirchturm haben durften. Wir haben einige solche Konflikte in den Akten
gefunden, viele davon mit antijudaistischem Hintergrund. Denn die
Staatsreligion in Altona war – wie in Hamburg – lutherisch und damit
dominant.
Die Privilegien nützen also gar nichts?
Nicht immer. Es gab durchaus – vor allem lutherische – Pastoren, die
gehetzt haben, denen jüdische Festivitäten zu laut und zu sichtbar waren.
Viele Altonaer Juden – reiche [3][Kaufleute aus Spanien und Portugal] etwa
– waren für lutherischen Geschmack allzu prachtvoll gekleidet und fuhren in
allzu großen Kutschen herum.
... und hatten Grabsteine aus teuren Carrara-Marmor auf dem jüdischen
Friedhof Königstraße.
Auch das. Wenn die Religion sichtbar wurde, gab es durchaus Menschen, die
hetzten und auch darüber schrieben, wie Pastor Johannes Müller es im Jahr
1644 tat. So eine Quelle spiegelt natürlich nicht zwangsläufig die
„öffentliche Meinung“. Aber andere Dokumente haben wir nicht. Wir können
also nur schlussfolgern und mutmaßen wie Archäologen.
Es gibt keinerlei Hinweis auf den damaligen „interreligiösen Alltag“?
Eher indirekte. Für unsere Ausstellung haben wir Zensusdaten und
Adressbücher des 19. Jahrhunderts rund um die einstige Synagoge der
Altonaer „Hochdeutschen Israelitengemeinde“ ausgewertet und gefragt: Wer
wohnte in Häusern rund um die Synagoge? Und da finden wir, dass durchaus
Lutheraner, Juden, Reformierte und Katholiken gemeinsam in einem Haus
wohnten. Wie gut das Zusammenleben im Einzelnen funktionierte, wissen wir
natürlich nicht. Aber es existierte.
Könnte auch die Strömung der Aufklärung zur Toleranz in der Bevölkerung
beigetragen haben?
Auch das ist schwer zu sagen, denn die Überlieferung stammt von denjenigen,
die Schriften hinterlassen haben. Allerdings gab es Institutionen wie das
Altonaische Unterstützungsinstitut. Christen und Juden – aus dem
Großbürgertum – hatten es 1799 gegründet. Als Äquivalent zur Hamburger
Patriotischen Gesellschaft war es eine Sozialfürsorge-Einrichtung, die
Menschen jeglicher Religion in Notlagen unterstützte. Insofern glaube ich
schon, dass die Aufklärung Einfluss auf die Bevölkerung hatte, denn man
wusste: Wer notleidend war, konnte sich an eine Institution wenden, die
nicht nach der Religion fragte.
Das 20. Jahrhundert veränderte die Gewichtung der Religionsgemeinschaften
stark.
Ja. Mit dem Anwerbe-Abkommen 1955 kamen ArbeiterInnen, die natürlich auch
ihre Religion mitbrachten. Aus Italien und Spanien kamen Katholiken, aus
der Türkei Muslime und Aleviten, aus dem damaligen Jugoslawien eine
Mischung von allem.
Die Muslime waren die größte Gruppe. Wie sichtbar waren sie?
Da gibt es mehrere parallele Strömungen: Diejenigen, die schon länger hier
ansässig waren – wohlhabende iranische Teppichhändlern etwa – bauten schon
1965 die Imam-Ali-Moschee an der Außenalster. Etliche andere Gemeinden –
vor allem „Gastarbeiter“, die zunächst von einem kurzen Aufenthalt
ausgingen, beteten in Hinterhöfen, Garagen und anderen unwürdigen
Provisorien. Auf dem Gelände der Sietas-Werft diente zum Beispiel von 1969
bis 1998 eine Baracke als „Moschee“, bevor die Küçük Istanbul Cami – die
„Klein Istanbul Moschee“ – entstand. Für unsere Ausstellung haben wir ein
Koran-Lesepult aus der Zeit dieses Provisoriums geliehen. Seine Füße sind
aus blauem Werftstahl geschweißt.
Und wie steht es heute um die religiöse Toleranz in Altona?
Unseren Recherchen zufolge funktioniert sie sehr gut. Wir haben für unsere
Ausstellungs-Videos 56 [4][Interviews mit Menschen] aus über 20
Religionsgemeinschaften geführt. Natürlich erleben diese Menschen im Alltag
zum Teil Diskriminierung, und ihre Freiheiten stoßen an Grenzen. Aber der
Grundtenor war: „Wir wissen sehr zu schätzen, dass wir unsere Religion hier
leben können.“ Und dass es möglich ist, dass die [5][Kapernaum-Kirche] im
Stadtteil Hamm in die Al-Nour-Moschee umgewandelt wird, auch wenn es lange
gedauert hat und nicht einfach war: Das spricht für ein gutes
gesellschaftliches Miteinander. Aber natürlich ist noch Arbeit zu tun.
15 Nov 2020
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