# taz.de -- Proteste in Nigeria eskalieren: Jetzt ist Strategie gefragt
       
       > Das System im bevölkerungsreichsten Land Afrikas ist marode und
       > ungerecht. Nigeria steht am Abgrund. Jetzt gilt es, die Proteste zu
       > strukturieren.
       
 (IMG) Bild: Lagos in Nigeria am Dienstag: Menschen protestieren gegen Polizeigewalt
       
       Nigeria ist zusehends außer Rand und Band, und der Staat kann die große Wut
       kaum noch kontrollieren. Das zeigen die Schüsse in der Nacht zu Mittwoch
       auf zahlreiche Menschen, die an der Mautstation Lekki in der Hafenmetropole
       Lagos demonstriert haben. Um die [1][Brutalität der Polizeisonderheit] SARS
       geht es dabei schon längst nicht mehr. Es geht ums Ganze, um ein marodes
       und ungerechtes System.
       
       Seit Jahren hat sich in dem riesigen und multikulturellen Ölstaat viel
       Ärger aufgestaut. Durch Terrorismus, organisierte Kriminalität und
       Überfälle herrscht Unsicherheit in weiten Teilen des Landes.
       Gesundheitsversorgung und Bildung hängen vom Portemonnaie ab. Um beruflich
       Fuß zu fassen, sind zudem der richtige Name und ein Netzwerk nötig. Die
       Masse der Bevölkerung hat all das nicht.
       
       Wahlen auf Bundes-, Landes- und Lokalebene haben das ebenso wenig geändert
       wie die zahllosen Versprechen der Politiker*innen. Deshalb ist es der
       richtige Weg, diese große Unzufriedenheit auf die Straßen zu tragen.
       Ohnehin ist es überraschend, dass das nicht schon viel früher geschehen
       ist, so stark, wie die Ungleichheit hier ausgeprägt ist. Durch ein anfangs
       klar definiertes Ziel, das Ende der brutalen Polizeisondereinheit SARS, hat
       das auch hervorragend funktioniert. Beeindruckend ist auch, wie beharrlich
       die Protestbewegung ist. Trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten durch
       Corona hat sie sich nicht mit Floskeln abspeisen lassen und macht weiter,
       obwohl die Sicherheitskräfte massive Gewalt einsetzen. Das ist ein Erfolg.
       
       Nun gilt es aber, die Proteste zu strukturieren und nicht allein über die
       sozialen Medien zu koordinieren. Auch müssen weitere Ziele formuliert
       werden. Der Moment ist günstig, da der [2][Druck auf die Regierung] groß
       ist und die Demonstrant*innen weltweite Aufmerksamkeit bekommen. Bleibt
       eine Strategie jedoch aus, wird die Energie schnell verpuffen. Und genau
       das scheint die Taktik der Zentralregierung zu sein. Sie versucht, den
       Aufstand der jungen Bevölkerung auszusitzen.
       
       23 Oct 2020
       
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 (DIR) Katrin Gänsler
       
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