# taz.de -- Corona, Beherbungsverbote und Hesse: Flucht aus dem Risikogebiet
       
       > Im Vergleich zu den USA geht es uns Deutschen noch gut: Wir haben die
       > Wahl, ob wir uns der Gefahr aussetzen oder zu Hause bleiben.
       
 (IMG) Bild: Auf dem Einhorn aus den Risikogebiet? Lübeck während einer Sturmflut am 14. Oktober
       
       Wie geht’s denn so im [1][Risikogebiet]? Die Woche begann mit diesem, durch
       ironische Fröhlichkeit nur mühsam überdeckten Anruf meiner Mutter aus einem
       bayerischen Gerade-mal-nicht-Risikogebiet. Berlin-Mitte! Inzidenz
       schwindelerregend! Alltagsverhalten hochriskant! Überall feiernde junge
       Leute, hochzeitende Großfamilien, unbekümmert sich vor Gemüsemärkten und
       Spätis ballende Menschentrauben. Über Nacht war meine Wahlheimat in
       Verdacht geraten.
       
       Und wie immer ist es mit den Statistiken und Fernsehbildern so: Ja, es ist
       alles wahr – und zugleich auch wieder nicht. Man kann durchaus risikoarm
       leben mitten im Risikogebiet. Zum Beispiel den Laden meiden, dessen
       Besitzer und Stammkundschaft auf Masken pfeifen. Aber was bringt einem das,
       wenn die Herbstferien anstehen und die Nachrichten voll sind von
       MinisterpräsidentInnen anderer Bundesländer, die mit
       [2][Beherbergungsverboten] versuchen, sich die Virenschleudern aus den
       Hotspots vom Hals zu halten?
       
       Es ist ein ungutes Déja-vu: Der Tag beginnt wieder, wie im Frühjahr, mit
       der Prüfung der Infektionskurve auf der Website des
       Robert-Koch-Instituts, im Radio kreisen die Nachrichten um Worte wie
       Reisewarnung und Kanzleramtsgipfel – und die Kinder fragen: „Können wir
       jetzt zu Oma?“ Tja: „Wir beobachten die Lage“, sage ich zu den Kindern –
       einer dieser typisch windelweichen Erwachsenensätze, der zurzeit aber
       wirklich mal zutrifft. Denn von Tag zu Tag ändert sich die Lage ja
       tatsächlich.
       
       Erst macht Schleswig-Holstein dicht für Urlaubsgäste aus Berlin, dann
       Brandenburg, dann hört man, [3][Merkel und die MinisterpräsidentInnen]
       erwögen „bundesweit einheitliche Maßnahmen“, und am Ende spricht die
       Kanzlerin angesichts des föderalen Starrsinns von Unheil. Ein merkwürdig
       hilfloses Wort aus dem Munde einer modernen Staatenlenkerin, das sich
       geradezu biblisch ausnimmt neben den medizinisch-technokratisch anmutenden
       Begriffen, die uns gerade begleiten.
       
       Unheil, das klingt nach: „Seltsam, im Nebel zu wandern! / Leben ist
       Einsamsein. / Kein Mensch kennt den anderen. / Jeder ist allein.“ Ja, jeder
       ist allein, bastelt sich die eigene Risikoabschätzung zurecht, wie es mit
       dem eigenen Gewissen zu vereinbaren und mit dem Alltag gangbar ist. In
       unserem Fall heißt das: Freiwillige Selbstquarantäne – noch ein Großeinkauf
       und dann eine Woche Homeoffice für die Eltern und Rumhocken für die Kinder,
       damit wir doch noch zu Oma fahren können.
       
       ## Das Gefühl der freien Wahl stärkt die innere Akzeptanz
       
       Spaß ist das keiner, dieser Spagat zwischen Nachrichtenlage und Essen
       kochen, Texte redigieren und Kindern Alternativen zum Smartphone verordnen
       („geht doch mal in den Park, Kastanien sammeln!“) – aber er ist wenigstens
       selbst gewählt. Und mit dem Gefühl, die Wahl zu haben, steigt auch die
       innere Akzeptanz.
       
       Wer aber nicht die Wahl hat, wie die US-AmerikanerInnen, die im
       virologischen wie politischen Risikogebiet leben und trotzdem täglich zur
       Arbeit müssen und einkaufen –- wer sich also täglich einer großen Gefahr
       aussetzen muss und vom eigenen Präsidenten weder Vorschläge noch
       Versprechen für gesundheitspolitische Maßnahmen zu hören bekommt, sondern
       nur Hohn (stellt euch mal nicht so an, ich hab’s ja auch überstanden) – der
       oder die hat womöglich noch nicht einmal die Wahl, sich per Stimmabgabe für
       einen anderen Kurs an der Staatsspitze einzusetzen:
       
       Weil er oder sie sich aufgrund von bürokratischen Tricksereien gar nicht
       erst registrieren lassen kann. Oder weil die Briefwahlurne, die da vor der
       Tankstelle oder neben dem Waffenladen (!) steht, mit der Aufschrift
       „official ballot drop box“ eigenhändig von den Republikanern aufgestellt
       wurde, wie gerade in Kalifornien geschehen.
       
       Der mit [4][Steroiden vollgepumpte Chefzyniker im Weißen Haus] und seine
       AnhängerInnen lassen nichts unversucht, um mit Methoden, die man eher in
       zentralasiatischen Halbdiktaturen vermuten würde, einen politischen Wandel
       zu verhindern. Wenn [5][Jens Spahn, deutscher Gesundheitsminister] und
       Kanzlerkandidat vieler Herzen, recht hat und Corona ein „Charaktertest“ ist
       für eine Gesellschaft – dann ist Donald Trumps Amerika durchgefallen. Aber
       das ist nun ja nichts Neues.
       
       Wenn aus Mangel an politischer Einigkeit der Umgang mit dem Coronavirus auf
       eine persönliche Moralfrage zusammengeschrumpft ist, dann will ich diese
       Woche auch privat zu Ende erzählen: Nach Quarantäne Flucht aus dem
       Risikogebiet mit Pinkelpause im Gebüsch statt auf dem Raststättenklo und
       Kaffee aus dem Drive-in. Unauffällig den Pkw mit dem verdächtigen
       Nummernschild abgestellt.
       
       Stuttgarter Zeitung lesen („Wichtiger als einheitliche Regeln ist die
       Bereitschaft zur Selbstdisziplin“). Und hoffen auf einen Abstecher an den
       Lago Maggiore, in die Gegend, die schon Hermann Hesse seine Nebelfantasien
       ausgetrieben hat. Der Coronawinter wird noch lang genug.
       
       17 Oct 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nina Apin
       
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