# taz.de -- Die Wahrheit: Das Blöken der Schlafschafe
       
       > Die Coronaleugner hatten allesamt recht. Nach der Pandemie steht
       > mindestens eine Nacht der langen Messer bevor. Ein wahrer Bericht aus dem
       > Jahr 2021.
       
       Määh, määh“, macht es links und rechts neben mir. Es klingt kläglich. Kein
       Wunder, denn wir werden alle sterben. Aber nicht an Covid-19, wie wir
       gedacht hätten, obwohl das ja nur eine Grippe ist, sondern am
       Bolzenschussgerät.
       
       Ich habe es ja nicht anders gewollt. Nun werden seit dem Frühjahr 2021
       jeden Sonntag tausende von uns zuerst geschoren und anschließend
       geschlachtet, wie man es mit Schafen eben so macht. Mit Schlafschafen, die
       wir sind. Jetzt endlich haben wir es begriffen. Zu spät. Am Ende ist man
       immer schlauer.
       
       Der Philosoph Giorgio Agamben hatte schon im vorigen März gewarnt: die
       Aussetzung der Grundrechte, die Zerstörung des zivilen Lebens, die
       Entmündigung des Individuums; das alles wird, sobald es erst mal
       installiert wurde, kein Jota zurückgenommen. Denn er wusste: Regierende
       sind wie Hütchenspieler; sie warten schlau auf den Moment und schlagen dann
       zu.
       
       Selbstverständlich hatte ich ihn, wie damals jeder halbwegs normale Mensch,
       auch nur für einen geltungssüchtigen, alten Fabulierer gehalten, nicht
       umsonst erschien der Text ja in der NZZ, die ich schon immer für ein
       formidables Scheißblatt hielt mit ihrem aggressiv antilinken Alarmismus,
       der dort traditionell mithilfe pseudophilosophischer und -intellektueller
       Alibiversatzstücke zur Position der höheren Vernunft hochgepimpt wird. Es
       ist geradezu ein Lehrstück dafür, wie blind einen das eigene
       Schubladendenken macht.
       
       Und wie schlau, informiert und überlegen ich mir dabei auch noch vorkam.
       Aber klug ist doof, und doof ist klug – sehr frei nach den Hexen in
       Shakespeares Macbeth – und Hochmut kommt vor dem Fall. Ich hörte mir die
       unsäglichen Podcasts von diesem Drosten an, nickte zustimmend „Aha“ und
       „Oho“, und las den Pandemiequatsch des Meinungsmainstreams, weil ich
       tatsächlich glaubte, eine Mehrheit obendrein renommierterer Wissenschaftler
       wäre unter dem Strich zuverlässiger als eine weniger angesehene Minderheit.
       
       Was für ein absoluter Unsinn! Denn diese Teufel waren selbstverständlich
       längst schon Teil des Plans, eingeweihte aktive Träger der Angstmache und
       der Desinformation. Sie lullten uns alle ein mit ihren sogenannten Fakten.
       Dabei hätte uns doch bereits der Gleichklang von Fakt und „Fucked“ stutzig
       machen können, nein, müssen.
       
       ## Freiheit am Pfandautomaten
       
       Alles lag klar auf der Hand. Man hätte nur eins und eins zusammenzählen
       brauchen. Ich sag nur: „Corona“! Hallo, da fängt es doch schon mal an? Kann
       ja gar nicht sein. Jede echte Krankheit hat doch normalerweise so einen
       ellenlangen lateinischen Namen, damit ihn keiner versteht und es abstrakt
       klingt, so dass keiner mehr Angst davor hat. Aber diesmal sollten wir Angst
       haben. Wir sollten unser Hirn an der Garderobe, unsere Freiheit am
       Pfandautomaten und unsere Rechte im Recyclinghof abgeben.
       
       Agamben, Hildmann, Jebsen, Bakhdi: Alles sehr, sehr gute Leute, die haben
       uns gewarnt. Aber wir wollten ja nicht hören. Erst hat man sie monatelang
       diffamiert. Dann sind sie von einem Tag auf den anderen plötzlich so mir
       nichts dir nichts „verschwunden“. Der Staat hatte ja irgendwann überhaupt
       keine Skrupel mehr. Vor Mord schreckten die schon Ende 2020 nicht mehr
       zurück. Manche Coronakritiker hat man noch dabei beobachtet, wie sie ins
       Robert-Koch-Institut gestürmt sind, aber beim Verlassen des Gebäudes hat
       sie keiner mehr gesehen. Und es waren hunderte: kritische Geister,
       Freiheitskämpfer, Skeptiker, Neinsager – alle spurlos verschwunden. Gegen
       das RKI ist die saudi-arabische Botschaft in der Türkei ein Hort der
       Wiedergeburt.
       
       Nicht zu vergessen die tapfere Schar der Demonstranten für die Freiheit.
       Was haben die nicht alles einstecken müssen? In meinem Koben, in dem ich
       auf die Hinrichtung warte, werde ich ganz allein für mich rot vor Scham,
       denke ich an meine unbedachte Beteiligung an der allgemeinen Hexenjagd: Sie
       wären nicht ganz dicht, durchgeknallt, irre, würden die Wissenschaft
       ignorieren und Verschwörungstheorien anhängen, wären auf dem rechten Auge
       blind, rechtsoffen oder rechtsextrem.
       
       Nun, das waren sie ja in der Tat, aber genau das hat sie den großen
       Schwindel schließlich auch durchschauen lassen. Wer verrückt ist, erkennt
       nun mal das Verrückte leichter, wer böse ist, das Böse, und wer rechts ist,
       das Recht. Das ist nur logisch. Unbeirrt haben diese Märtyrer der Wahrheit
       die Anfeindungen, den Spott und Hohn beiseitegeschoben und sind für uns
       alle, auch für die Spötter, Unbelehrbaren, Demokratieverächter und
       Schlafschafe, weiter mutig auf die Straße gegangen.
       
       ## Schwabe unterm Beil
       
       Denn ihre Vorbilder waren ja nicht nur Charles Manson, Louis de Funès und
       Idi Amin, sondern auch Martin Luther King, Mahatma Gandhi und das
       Sandmännchen. Wenn du weißt, dass Wissen, Wahrheit und höhere Gerechtigkeit
       auf deiner Seite sind, bist du eben nicht so leicht einzuschüchtern. Das
       gilt auch für Michael Ballweg, den tapferen Gründer von „Querdenken 711“.
       „Hier stehe ich und kann nicht anders“, soll der stolze Schwabe mit fester
       Stimme gesagt haben, ehe das Beil herabsauste.
       
       Wir wollten es einfach nicht begreifen. Das Maskentragen wäre doch nicht so
       schlimm, hielten wir den Mahnern entgegen. Diktatur, Unterdrückung,
       staatliche Gewalt, das wäre Belarus, aber nie und nimmer dieser Fetzen
       Stoff. Wie kurzsichtig muss man sein, um das glasklar Evidente nicht zu
       sehen – die Maske als Symbol: erst nehmen sie dir die Luft, dann nehmen sie
       dir das Leben. Ganz simpel. Wer das nicht sieht, der will es auch nicht
       sehen. „Schlafschafe“ ist für jemanden wie uns im Grunde ein viel zu mildes
       Wort.
       
       Anfangs zapften sie ja noch denjenigen Kindern, die dem Erstickungstod
       durch Stoffmasken entkamen, das Blut ab, mit dem dann Bezos, Gates und
       Musk ihre Swimmingpools füllen konnten. Wir Erwachsenen wurden so lange
       verschont. Wir mussten halt desinfiziert, angekettet und mit Mundschutz im
       Homeoffice sitzen, auch die Arbeitslosen. Alles war verboten. Wer aufs Klo
       wollte, musste vorher online einen Antrag stellen.
       
       Doch die Kinder wollten bald nicht mehr, auf eine Art auch fast
       verständlich. Seitdem wird jedes Wochenende unter den Erwachsenen gelost.
       Das Ergebnis wird am Samstagabend direkt nach „6 aus 49“ verkündet. Im
       Zentralrechner des Bundesministeriums für Gesundheit wählt ein
       Zufallsgenerator die Todeskandidaten aus, die über die „Corona-App“ direkt
       mit dem System verbunden sind und für die Häscher vom Gesundheitsamt
       mithilfe des eingeimpften Chips kinderleicht zu tracken sind.
       
       Als sie die Coronakritiker abgeholt haben, habe ich noch gelacht. Jetzt ist
       der Rest dran, und ich sitze hier im weitläufigen Keller des
       Bundesgesundheitsministeriums. Alle tausend Verschläge sind besetzt, sie
       riechen noch intensiv nach dem Blut der Unglücklichen aus der Vorwoche.
       „Mäh, määhh“, schallt es regressiv von allen Seiten – die Leute sind schier
       verrückt vor Angst. Dieselbe Angst, die sie ein Jahr lang blind machte,
       wird sie nun tot machen. Diejenigen, die noch nicht völlig den Verstand
       verloren haben, versuchen es mit Tricks: Sie rufen nach dem Wärter,
       behaupten, ihrem Vernunftdenken abzuschwören oder winseln: „Ich bin ein
       enger Freund von Karl Lauterbach!“
       
       Doch es hilft natürlich alles nichts. Ich selbst habe mich längst in mein
       Schicksal ergeben. Unablässig lasse ich den Rosenkranz durch meine Finger
       gleiten und warte ruhig auf den Schlächter. Man muss auch mal anerkennen,
       wenn man unrecht hatte.
       
       10 Oct 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uli Hannemann
       
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