# taz.de -- Seeleute in Coronakrise: Seit Monaten festgesetzt
       
       > In der Coronakrise haben mehr als 100.000 philippinische
       > Kreuzfahrtmitarbeiter*innen ihre Arbeit verloren. Viele müssen auf
       > ihrem Schiff warten.
       
 (IMG) Bild: Fast schon wieder Normalbetrieb auf dem Kreuzfahrtschiff „Explorer Dream Cruise“, Ende Juli 2020
       
       Selbst Ende Juli sitzen weltweit noch immer mehr als 300.000 Seeleute auf
       ihren Schiffen fest. Eine Rückkehr in ihre Heimat scheint in weiter Ferne
       zu liegen – viele Schiffe können wegen unzureichender Besatzung nicht
       fahren, und die Hafenbehörden weigern sich, die Mitarbeiter*innen an Land
       gehen zu lassen.
       
       Unter ihnen sind auch viele philippinische Seeleute, die mehr als ein
       Viertel der weltweiten Flotte bemannen. Infolge des Lockdowns haben große
       Kreuzfahrtreedereien den Betrieb eingestellt, wodurch mehr als 100.000
       philippinische Kreuzfahrtmitarbeiter*innen ihre Arbeit verloren haben.
       Trotzdem dürfen sie vorerst nicht nach Hause. Viele von ihnen müssen seit
       Monaten auf ihrem Schiff, in fremden Städten oder in Quarantänestationen
       auf den Philippinen warten, bevor sie zu ihren Familien zurückkehren
       dürfen.
       
       ## Keine Hilfe, kein Gehalt
       
       Obwohl die philippinische Regierung Arbeiter*innen im Ausland,
       einschließlich der Seeleute, eine einmalige Sozialhilfe von 200 US-Dollar
       versprochen hat, wartet seit März mehr als die Hälfte des
       Kreuzfahrtschiffpersonals vergeblich auf diese staatliche Unterstützung.
       Das Budget sei bereits erschöpft, sagt die Regierung, und eine zweite
       Tranche lässt weiter auf sich warten.
       
       Besonders hart trifft es diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben.
       Da sie theoretisch Anspruch auf diese staatliche Coronahilfe haben, wird
       ihnen die Auszahlung ihres Arbeitslosengelds verweigert. Infolgedessen
       befinden sich die Besatzungsmitglieder und ihre Familien nun in ernsten
       finanziellen Schwierigkeiten.
       
       Neben dem Staat kommen auch die Reedereien ihren Verpflichtungen nur
       schleppend nach. Es gibt lange Verzögerungen bei der Auszahlung von
       Gehältern, Defizite in der medizinischen Versorgung und kaum Krisenhilfe
       vor Ort. Letzteres wäre jetzt besonders wichtig, um die psychische
       Gesundheit und Betreuung der Seeleute sicherzustellen. Während der langen
       Quarantäne sind sie großem Stress ausgesetzt. Einige haben dabei ein Trauma
       erlitten und mussten mit der Angst vor Ansteckung und dem Verlust ihrer
       Lebensgrundlage ausharren.
       
       Die Philippinen verzeichnen die höchste Corona-Infektionsrate in
       Südostasien und im Pazifik. Dennoch mangelt es nach wie vor an angemessenen
       Quarantäneeinrichtungen, einem sicheren Transport vom Flughafen zu den
       Heimatstädten, Zugang zu Massentests, der zeitnahen Mitteilung von
       Testergebnissen und medizinischer Versorgung. Coronatests sind für viele
       unerschwinglich – nicht zuletzt aufgrund von Korruption und Profitgier.
       
       Die Besatzungsmitglieder der „Great Princess“ etwa wurden aus den USA
       zurückgeholt und auf der philippinischen Clark Air Base unter Quarantäne
       gestellt. Während ihrer fast einmonatigen Isolation wurden sie weder
       getestet noch erhielten sie Geld. Stattdessen wurden sie in die Hauptstadt
       Manila gebracht, wo viele von ihnen erneut wochenlang unter Quarantäne
       gestellt wurden. Selbst diejenigen, die getestet wurden, wurden nicht
       darüber informiert, ob sie tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert waren.
       Mit dieser Ungewissheit wurden sie schließlich nach Hause geschickt und
       liefen Gefahr, ihre Familien anzustecken.
       
       Gerade bei Besatzungsmitgliedern von Kreuzfahrtschiffen ist die
       Infektionsrate besonders hoch. Selbst bei einem bestätigten Infektionsfall
       an Bord musste die Crew in der Regel weiterarbeiten. Wer sich weigerte, dem
       wurde mit Entlassung gedroht und damit, nicht wieder eingestellt zu werden.
       Dasselbe passierte auch der Besatzung der „Diamond Princess“, die in
       Yokohama, Japan, gestrandet war. Die Mitarbeiter*innen mussten weiterhin
       die Passagiere bedienen, das Essen zubereiten und die Kabinen reinigen –
       ohne medizinische Betreuung oder angemessene Hygienestandards. Auf der
       „Grand Princess“ führte dieser unverantwortliche Umgang mit dem Virus sogar
       zum Tod des Schiffselektrikers – kein Einzelfall.
       
       ## Zeit für Arbeitsrechte
       
       Infolgedessen hat die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF)
       alle Seeleute aufgefordert, bis zum 15. Juni 2020 ihre Arbeit niederzulegen
       und ihre Rechte einzufordern. Vorausgesetzt, sie haben ihren vereinbarten
       Vertrag erfüllt, haben sie das Recht, nach Hause zurückzukehren. Ist dies
       nicht möglich, müssen sie an Bord wie Passagiere behandelt werden. Viele
       Seeleute hatten jedoch Angst davor, sich an dem Streik zu beteiligen. Da
       viele von ihnen nur befristete Verträge haben, befürchten sie, dass sie
       ihre Chancen auf eine Wiedereinstellung verlieren, wenn sie sich über ihre
       prekären Arbeitsbedingungen beschweren, wie etwa unzureichende medizinische
       Versorgung oder verspätete Lohnzahlungen.
       
       Aufgrund der aktuellen Krise haben aber auch einige erkannt, dass sie nicht
       gehört werden, wenn sie ihre Stimme nicht erheben. Daher fordern nun immer
       mehr Seeleute, auch von Kreuzfahrt-, Fracht- und Fischereischiffen, ihre
       Rechte ein. Um der Welt zu zeigen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten
       müssen, haben sie sich auf verschiedenen Social-Media-Plattformen
       organisiert. Sie fordern Reformen, wie zum Beispiel die Verabschiedung
       eines neuen Gesetzes, das Seeleuten nach der Pandemie unbefristete
       Arbeitsverträge garantiert. Für sie ist die Pandemie ein Wendepunkt – ein
       „Zurück zur Normalität“ kommt nicht infrage.
       
       29 Sep 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Edwin Della Cruz
       
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