# taz.de -- Corona-Schutz in Bremen und Bremerhaven: Schulen sind nicht gut gerüstet
       
       > In Bremerhaven ist Regelunterricht nur mit Mühe möglich und Bremens
       > Schulen warten schon seit einem Monat auf 250 bestellte CO2-Messgeräte.
       
 (IMG) Bild: Besser Jacke an und Mütze auf, denn künftig werden die Schulfenster alle 20 Minuten aufgerissen
       
       BREMEN taz | Gerade so und nur unter Missachtung der [1][coronabedingten]
       Kohortenregelung ist momentan ein geregelter Schulbetrieb in Bremerhaven
       möglich. Das ist die Bilanz der aktuellen „Analyse zur Situation in den
       Schulen“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
       
       „Wir haben dafür Rückmeldungen von Schulleitungen und den
       GEW-Betriebsgruppen der Hälfte aller Bremerhavener Schulen ausgewertet“,
       sagt GEW-Stadtverbandssprecher Peer Jaschinski. Dabei habe sich vor allem
       gezeigt, dass die Pandemie schon lange bestehende Probleme an die
       Oberfläche gespült habe: „Mangelnde Digitalisierung und fehlendes
       Personal“. Der Vertretungspool des Lehr- und Betreuungspersonals sei leer.
       
       Dass der Regelunterricht überhaupt stattfinde, sei KollegInnen zu
       verdanken, die auf eigene Gefahr arbeiteten – obwohl sie zu Risikogruppen
       gehörten. Außerdem würden Lehrkräfte der weiterführenden Schulen und
       Betreuungskräfte in vielen verschiedenen Gruppen und Kursen eingesetzt.
       „Damit wird das Kohortenprinzip praktisch außer Kraft gesetzt“, sagt
       Jaschinski.
       
       Das Kohortenprinzip meint die Abgrenzung fester SchülerInnen- und
       LehrerInnengruppen voneinander, sie soll verhindern, dass bei einer
       Infektion nicht die gesamte Schule in Quarantäne geschickt werden muss,
       sondern lediglich die Bezugsgruppe der infizierten Person.
       
       ## Abstand ist kaum möglich
       
       Dieses Prinzip lasse sich kaum einhalten, vor allem nicht bei
       GrundschülerInnen, sagt Jaschinski. „Auch BerufsschülerInnen tauschen sich
       quer zu den Bildungsgängen untereinander aus, weil sie sich aus der
       Sekundarstufe eins kennen.“ Zu Schulbeginn und -ende und in den Pausen
       träfen die Gruppen aufeinander „und in den vollen Schulbussen ist Schluss
       mit Abstand“.
       
       Hinzu komme das [2][Problem mit dem Lüften], denn noch immer gebe es
       Schulen, in denen sich die Fenster gar nicht oder nur auf Kipp öffnen
       ließen. Viele Räume könnten deswegen derzeit nicht genutzt werden. Die
       Folge: An manchen Schulen müssten Lerngruppen zusammengelegt werden – was
       dem Kohortenprinzip erneut einen Strich durch die Rechnung mache.
       
       Das Schulamt will bei den Fenstern zusammen mit Seestadt Immobilien
       „Abhilfe schaffen“ und CO2-Messegräte installieren, damit die
       Lüftungskonzepte überprüft werden können. Aber zufrieden ist Jaschinski
       mit dieser Lösung nicht: „Lüftungsanlagen wären besser.“
       
       Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina sprach sich in einer
       [3][Stellungnahme] für den Einsatz von Luftfiltersystemen aus, ebenso wie
       SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er fordert, alle Schulen damit
       auszustatten, weil die Räume im Winter nicht ständig gelüftet werden
       könnten.
       
       ## Keine Lüftungsanlagen
       
       Lüftungsanlagen wird es in Bremerhaven aber nicht geben – genauso wenig wie
       in Bremen: Letzte Woche habe die Kultusministerkonferenz nach einem
       Gespräch mit ExpertInnen Neuigkeiten zum Lüften verkündet, sagt Annette
       Kemp, Sprecherin von Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). „Die Experten
       raten zum Stoßlüften im zeitlichen Abstand von 20 Minuten für etwa drei bis
       fünf Minuten Dauer sowie zum Querlüften der Räume in den Pausen.“
       
       Sie seien übereingekommen, dass Lüftungsanlagen grundsätzlich nicht
       notwendig seien. Lediglich CO2-Messgeräte sollen die Bremer Schulen
       erhalten – wenn sie denn ankommen: Anfang September waren 250 CO2-Ampeln
       bestellt worden, die, so Kemp damals, „kurzfristig geliefert werden“
       sollten. Jetzt, fast einen Monat später, sind sie immer noch nicht da.
       
       Für den Herbst und Winter rechnet nicht nur Jaschinski damit, dass der
       Regelunterricht in Teilen wieder zurückgefahren werden muss: „Die Schulen
       in Bremerhaven sind angehalten worden, sich auf Distanz-Unterricht
       einzustellen“, sagt er. Wahrscheinlich sei, dass Unterricht in kleinen
       Gruppen stattfinde und teilweise wieder auf Homeschooling gesetzt werden
       müsse. Darauf bereiten sich die LehrererInnen mit Fortbildungen zur
       digitalen Lernplattform „Itslearning“ vor.
       
       ## Tablets für alle Schulen
       
       Dass die Bildungssenatorin Bremens SchülerInnen und LehrerInnen mit Tablets
       ausstattet, lobt Jaschinski: „Da hat sie gut reagiert, das war ein
       Kraftakt“, sagt er. Ein Allheilmittel sei das dennoch nicht: „Es fehlt
       teilweise noch an der nötigen Infrastruktur, also vernünftigem WLAN,
       Administratoren und so weiter. Und ob es didaktisch richtig ist, auch
       GrundschülerInnen damit auszustatten, ist gar nicht wirklich diskutiert
       worden.“
       
       Er fürchtet zudem, dass nun der Personalmangel aus dem Fokus gerät. „Dieses
       Problem kann nicht durch Digitalisierung gelöst werden.“ Auch Modelle wie
       „blended learning“, eine Mischform aus Präsenzunterricht und digitalem
       Lernen daheim, lehnt Jaschinski zumindest für jüngere SchülerInnen ab.
       
       Im Grunde genommen, sagt er, sei die Situation noch immer genauso wie vor
       den Sommerferien: „Wer zu Hause keinen Drucker hat und kein vernünftiges
       WLAN und wer keine Unterstützung durch die Eltern hat, bleibt auf der
       Strecke.“ Er hofft, dass im Falle eines eingeschränkten Schulbetriebs nur
       ältere SchülerInnen daheim bleiben müssen, „sonst wäre das auch für die
       Eltern eine Katastrophe“.
       
       1 Oct 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Schnase
       
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