# taz.de -- Affäre um Staatliche Ballettschule: Ein Recht auf Unversehrtheit
       
       > An der Staatlichen Ballettschule wurde nach den Gewaltvorwürfen viel
       > aufgeklärt. Die Konsequenzen könnten entschlossener sein.
       
 (IMG) Bild: SchülerInnen der Staatlichen Ballettschule bei einer Aufführung 2017
       
       Leistungssport ist eine ziemlich harte und kompromisslose Sache, da sollte
       man sich keine Illusionen machen. Wenn man, wie die Kinder an der
       Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik, später in den großen
       Staatsballetts tanzen will, ordnet man diesem Ziel schon in Kindertagen
       alles andere unter. Und selbst dann ist der Erfolg nicht planbar. Gut
       möglich, dass man sich jahrelang umsonst schindet, weil mit 15 Jahren der
       Körper nicht mehr will oder das Quäntchen Glück fehlt bei den Engagements
       nach dem Abschluss.
       
       Das ist brutal, und man darf vermuten, dass die TanzlehrerInnen an der
       Eliteschule in Prenzlauer Berg, die selbst aus der Praxis kommen und für
       die Tanzausbildung an der zum Abitur führenden Schule zuständig sind, das
       wissen. Kinder im wahrsten Sinne des Wortes fertigzumachen, weil man mit
       dem nüchternen Blick des Profis sieht, dass sie es nie an die Spitze
       schaffen werden, ist trotzdem ein pädagogisches und vor allem ein
       menschliches Versagen – und dass dies an einer staatlichen Schule so lange
       passieren konnte, wie der Abschlussbericht einer Untersuchungskommission im
       Auftrag der Bildungsverwaltung am Montag deutlich machte, ist wiederum ein
       politisches Versagen.
       
       Viele Seiten dick ist der [1][Abschlussbericht der Expertenkommission].
       Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will jetzt „demokratische
       Strukturen“ an der Schule entwickeln. Elternarbeit soll tatsächlich
       stattfinden, VertrauenslehrerInnen ihrem Namen auch gerecht werden, ein
       Kinderschutzkonzept soll her – übrigens für alle Berliner Schulen. Dass die
       ein solches nicht längst haben, ist an sich auch schon bemerkenswert.
       
       Auch die [2][Schulleitung hat Scheeres bereits ausgetauscht], gegen drei
       andere Lehrkräfte werde eine Kündigung geprüft, heißt es. Ein externer
       Fachbeirat soll eingerichtet werden, der neben der Schulaufsicht – die
       kläglich versagt hat – ein Auge auf die Schule hat. Und so weiter. Das
       klingt erst mal gut, weil nach entschlossenem Handeln.
       
       Allerdings darf man auch schon wieder misstrauisch werden, wie viel
       Entschlossenheit bleibt, wenn zentrale Stellschrauben auf Nachfrage dann
       doch nicht gedreht werden. Ein Referendariat als Mindestvoraussetzung für
       das künstlerische Personal, wie es die Kommission im Bericht empfiehlt?
       Wird es nicht geben, dafür eine Art Grundkurs Pädagogik am
       Weiterbildungsinstitut der Bildungsverwaltung.
       
       „Jedes Kind muss eine Chance haben“, hatte der Vorsitzende der
       Expertenkommission Klaus Brunswicker am Montag gesagt. Das ist wohl wahr.
       Denn auch, wenn der Trainingsfleiß längst nicht bei allen der
       BallettschülerInnen später in eine Tanzkarriere mündet: Sie müssen die
       Chance haben, unversehrt durch diese Schule zu kommen. Sie haben ein Recht
       darauf.
       
       12 Sep 2020
       
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