# taz.de -- Unterbringung von Bauarbeitern: Bruchbude für Arbeiter
       
       > In Hannover mussten aus Bulgarien stammende Beschäftigte in einem
       > früheren Hotel schlafen. Sie hatten nicht einmal Toiletten.
       
 (IMG) Bild: Heute kein guter Ort zum Übernachten: das ehemalige Maritim-Hotel in Hannover (hier 2015)
       
       Göttingen taz | Überbelegung, Schimmelpilz, undichte Dächer,
       Brandschutzmängel und nicht tragbare hygienische Zustände: Über die
       katastrophalen Bedingungen in vielen [1][Behausungen für Mitarbeitende in
       der Fleischindustrie] – nicht nur im Tönnies-Imperium – ist in den
       vergangenen Wochen häufig berichtet worden.
       
       Dass es in anderen Branchen auch nicht immer besser aussieht, stellten
       Mitarbeitende der Gewerbeaufsicht und der Gesundheitsbehörde in Hannover am
       Dienstag bei einem nicht angemeldeten Besuch auf der Baustelle des
       ehemaligen „Maritim“-Hotels fest. Rund 50 überwiegend aus Bulgarien
       stammende Beschäftigte, die mit der Entkernung des Gebäudes beauftragt
       sind, hausten dort ohne Trinkwasser, ohne sanitäre Einrichtungen und ohne
       Waschmöglichkeiten.
       
       Bei dem Termin fanden die Behördenleute wohl auch keine kompetenten
       Ansprechpartner vor. Der Leiter des Gewerbeaufsichtsamtes, Bernd Reese,
       sagte der Hannoverschen Allgemeine Zeitung (HAZ), die am Mittwoch zuerst
       über die Zustände auf der schwer mit Schadstoffen belasteten Baustelle
       berichtet hatte, es sei „kein Bauleiter, der der deutschen Sprache mächtig
       war“, angetroffen worden. Lediglich ein Mitarbeiter solle gebrochen
       gedolmetscht haben.
       
       Für Mittwochnachmittag wurde deshalb erneut eine Kontrolle angesetzt – der
       Termin dauerte bei Redaktionsschluss noch an. Das Gewerbeaufsichtsamt habe
       die Zusage erhalten, dass dann ein Bauleiter vor Ort sein werde, sagte
       Reese zur taz. Themen des Treffens sollten unter anderem Fragen des
       Arbeitsschutzes und vorgegebene [2][Corona]-Hygienemaßnahmen sein.
       
       ## Übernachten auf der Baustelle ist nicht unüblich
       
       Das Übernachten in den Räumen wurde bereits am Dienstag mit sofortiger
       Wirkung untersagt. Grundsätzlich sei es aber nicht unüblich, dass Arbeiter
       auf Baustellen übernachteten, so Reese – dann allerdings meistens in extra
       dafür aufgestellten Containern. Wenn entsprechende Bedingungen hergestellt
       werden könnten, gelte das auch für das „Maritim“.
       
       Beschäftigte aus umliegenden Büros hatten Ende vergangener Woche die
       Polizei über vermutete Missstände im früheren „Maritim“ informiert. Die
       Anrufer hätten sich darüber gewundert, dass die Abbrucharbeiter in dem
       maroden Gebäude übernachten mussten, hieß es. Deutlich sichtbar seien
       Schuhe, Hosen und andere Wäschestücke zum Trocknen auf die äußeren
       Fenstersimse gelegt worden.
       
       Das Hotel wurde in den 1960er-Jahren am Friedrichswall im Zentrum der
       niedersächsischen Landeshauptstadt errichtet. Es war der erste Großhotelbau
       in Hannover nach dem Zweiten Weltkrieg. 1995 erwarb die Hotelkette
       „Maritim“ das Gebäude für rund 35 Millionen D-Mark. Im Expo-Jahr 2000 wurde
       das Vier-Sterne-Haus erstmals saniert.
       
       Nachdem weder das Land Niedersachsen noch die Stadt Hannover für eine
       weitere Sanierung Bürgschaften übernehmen wollten, verkaufte die Hotelkette
       das Gebäude im Jahr 2014. Besitzer ist seitdem die Berliner
       „Intown“-Gruppe, ein Finanzinvestor inmitten eines unübersichtlichen
       Geflechts aus zahlreichen Unterfirmen und Beteiligungen. Strategie des
       Unternehmens ist es, Immobilien in schlechtem Zustand an gut gelegenen
       Standorten zu erwerben, um diese dann zu sanieren und teuer zu vermieten
       und zu verkaufen.
       
       Seit Anfang 2019 gehört die „Intown“-Gruppe zur „Lianeo Real Estate GmbH“.
       Diese versteht sich laut Eigenwerbung als „übergreifende Plattform für
       Asset Management, Property Management, Facility Management und Leasing
       Management“. Sie verwaltet Vermögen und Immobilien mit einer Gesamtfläche
       von drei Millionen Quadratmetern. Im vergangenen Jahr waren mehr als 130
       Firmen unter diesem Namen registriert.
       
       ## Zwischenzeitlich lebten dort Geflüchtete
       
       Der neue Eigentümer kündigte zunächst den Beginn der Totalsanierung und den
       Umbau zu einem modernen Hotel für 2018 an. Es passierte dort aber erst mal
       lange Zeit gar nichts. Erst kürzlich begann die Entkernung und die
       Beseitigung der mit Schadstoffen belasteten Altlasten.
       
       In der Zwischenzeit hatte die Stadt Hannover das Haus für mehrere Millionen
       Euro angemietet, um dort geflüchtete Menschen unterzubringen. Zeitweise
       lebten dort bis zu 550 Geflüchtete. Betreiber der damals größten
       Flüchtlingsunterkunft in Hannover war das Deutsche Rote Kreuz.
       
       Auftragnehmer für die Bauarbeiten ist angeblich die „Manufortis
       Construction GmbH“ aus dem brandenburgischen Zossen. Sie musste am Dienstag
       dafür sorgen, dass die Beschäftigten an anderen Orten untergebracht werden.
       Ob das erfolgt ist, sollte bei der gestrigen Begehung überprüft werden. Das
       Unternehmen hat zwar einen Eintrag im Handelsregister, aber keinen eigenen
       Internetauftritt.
       
       15 Jul 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Untersuchungen-in-der-Fleischindustrie/!5698660
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Coronavirus/!t5660746
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reimar Paul
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Hannover
 (DIR) Unterkunft
 (DIR) Bauarbeiten
 (DIR) Wohnen
 (DIR) IG BAU
 (DIR) Arbeitsbedingungen
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Hotel ohne Fenster in Hannover: Nur dreimal schlafen
       
       Ein Hotel ohne Fenster wollte die Stadt Hannover nur unter Auflagen
       genehmigen. Zu Recht, befand jetzt das Verwaltungsgericht.
       
 (DIR) Azubimangel im Bau: Knochenjobs zu vergeben
       
       Überall im Norden fehlt dem Baugewerbe der Nachwuchs. Das liegt an den
       schlechten Arbeitsbedingungen, sagt die IG Bau.
       
 (DIR) Unterbringung von Schlachthofarbeitern: Aber nicht in unserem Dorf
       
       Im niedersächsischen Badbergen baut Tönnies ein „Rinderkompetenzzentrum“.
       Und versucht, alte Dorfgasthäuser als Unterkünfte zu kaufen.
       
 (DIR) Tönnies-Beschäftigte in Quarantäne: Das große Warten
       
       Seit drei Wochen sind viele, die bei Tönnies arbeiten, in Quarantäne. Ihr
       Unmut richtet sich gegen die Behörden und gegen ihre Arbeitgeber.