# taz.de -- Ex-Refugee über Geben und Nehmen: „Geflüchtete wollen gerne helfen“
       
       > Als Hussam Al Zaher 2015 nach Hamburg kam, halfen ihm Freiwillige. Viele
       > der Geflüchteten von damals wollen jetzt etwas zurückgeben, meint er.
       
 (IMG) Bild: Will gerne helfen: Hussam Al Zaher
       
       taz: Herr Al Zaher, sind Menschen in Deutschland solidarisch? 
       
       Hussam Al Zaher: 2015 gab es ein schönes Bild der [1][Willkommenskultur]
       und es gab eine große Solidarität in der Gesellschaft mit Geflüchteten.
       Damals haben [2][sechs Millionen Freiwillige] fremden Menschen geholfen.
       Ich selber habe dadurch tolle Leute kennengelernt und gute Freunde
       gefunden.
       
       Erkennen Sie diese Solidarität in der aktuellen Corona-Krise wieder? 
       
       Ja, aber gleichzeitig ist die Struktur eine andere. Jetzt brauchen
       [3][hauptsächlich ältere Menschen] Hilfe. Junge Menschen sind aktiv und
       haben Internetseiten und Gruppen in sozialen Netzwerken gegründet. Das
       finde ich super, aber ich glaube es ist leider das falsche Format, weil die
       Leute, die Hilfe brauchen, nicht im Internet sind.
       
       Und wie lassen sich diese Menschen erreichen? 
       
       Große Einrichtungen wie die [4][Diakonie] oder die [5][Caritas] sind
       besser vernetzt, aber das Problem ist da die Bürokratie. Sie kann nicht
       schnell reagieren. Gerade in dieser Zeit muss man aber schnelle Lösungen
       finden. Vielleicht kann da eine Zusammenarbeit zwischen den engagierten
       Leuten und den großen Initiativen entstehen. Viele der Menschen, die jetzt
       helfen wollen, haben auch 2015 schon geholfen. Damals ging es um Fremde,
       jetzt um Menschen im eigenen Stadtteil, um Nachbarn.
       
       Sie sehen also einen Einfluss der Willkommenskultur auf das Ehrenamt heute? 
       
       Die Willkommenskultur hat, meiner Meinung nach, einen großen Einfluss auf
       die jetzige Situation. Es sind die gleichen Leute, die sagen: „Wir warten
       nicht auf die Regierung, sondern machen das selber!“ Die Netzwerke, die
       damals entstanden sind, können wieder aktiviert werden. Sie wissen, dass
       Sie das zusammen vielleicht besser schaffen können als die Stadt.
       
       Wie hat solidarische Hilfe Sie persönlich beeinflusst? 
       
       Es hat mir total geholfen. Die Projekte und Kontakte waren sehr wichtig.
       Damit ich mich hier in die Gesellschaft integrieren kann, muss ich die
       Menschen kennenlernen. Und nur durch Freiwillige konnte ich sie
       kennenlernen und die Gesellschaft verstehen. So konnte ich weitermachen und
       mich einfinden.
       
       Und jetzt bieten Sie auch Hilfe an? 
       
       Es gibt eine Plattform in Hamburg, die [6][„Wir sind Nachbarn“] heißt. Dort
       kann man sich anmelden, wenn man Hilfe braucht oder anbieten möchte. Die
       Idee war, für dieses Portal Informationen in verschiedene Sprachen zu
       übersetzen, um mehr Menschen zu erreichen. Das habe ich für Arabisch
       gemacht. Es ist ein kleiner Beitrag, den ich neben meiner Arbeit gerade
       leisten kann.
       
       Welche Informationen werden dort übersetzt? 
       
       Beispielsweise Hilfe für Anträge, die jetzt gestellt werden müssen. Aber
       auch Informationen, wie sich die Menschen engagieren können. Momentan ist
       ein großes Thema, dass Hilfe auf dem Land bei der Ernte gebraucht wird.
       Viele Geflüchtete wollen gerne helfen. Deswegen versuche ich auch in diesem
       Bereich weiterzuvermitteln: Wo gibt es Formulare und Webseiten, um sich
       anzumelden, und wo wird anderweitig Hilfe benötigt, beispielsweise in Form
       von Blutspenden. Es gibt viele Geflüchtete, die der Gesellschaft jetzt
       etwas zurückgeben wollen.
       
       Können Sie dieses Gefühl nachvollziehen? 
       
       Sehr gut sogar! Ich habe mich vor drei Jahren schon gemeldet, um Menschen
       freiwillig zu unterstützen, im Altersheim oder für Gärtnerarbeiten. Viele
       Geflüchtete möchten zeigen, dass sie auch unterstützen können. Uns fehlen
       jedoch Informationen und Anlaufstellen, wo wir das machen können. Leider
       wurde bisher wenig umgesetzt und die Struktur fehlt in diesem Bereich.
       Hilfe alleine anzubieten, ist schwer.
       
       Warum? 
       
       Ich kann mir vorstellen, dass einige Senioren, die Hilfe brauchen,
       Geflüchteten nicht vertrauen. Vertrauen ist aber sehr wichtig, um Hilfe
       anzunehmen. Wenn ein Flüchtling allein Hilfe anbietet, könnte es also
       schwierig werden. Wenn er aber in einem größeren Rahmen, also über die
       Diakonie zum Beispiel, seine Hilfe anbieten kann, wird die vielleicht
       einfacher angenommen. Auf der anderen Seite können viele Geflüchtete nicht
       helfen, weil sie nicht gut Deutsch sprechen. Sie können auch nicht einfach
       zum Jobcenter gehen und sagen, dass sie als Erntehelfer arbeiten möchten.
       Das bürokratische System in Deutschland ist unflexibel. Es müsste einfacher
       sein, jetzt zu helfen.
       
       Kann die aktuelle Situation auch eine Chance sein, um Geflüchtete stärker
       in die Gesellschaft einzubinden? 
       
       Auf jeden Fall. Überall wird Hilfe benötigt und wir sind in jeder Stadt, in
       jeder Nachbarschaft. Es ist ein Prozess von uns als Geflüchtete, die Chance
       zu ergreifen und zu sagen, dass wir nicht nur Menschen sind, die Geld oder
       Hilfe brauchen, sondern auch zu zeigen, dass wir engagiert sind und auch in
       schwierigen Zeiten der Gesellschaft etwas zurückgeben können.
       
       Ist das auch ein Grund, weshalb Sie 2017 das [7][„Flüchtling“-Magazin]
       gegründet haben? 
       
       Überall wurde über uns Flüchtlinge berichtet. Als Journalist habe ich mich
       gefragt, warum ich nicht direkt meine Meinung sagen und meine Perspektive
       erklären kann. Ich wollte gerne mit den Deutschen diskutieren und mich
       austauschen. Deswegen schreiben wir unsere Artikel auch alle auf Deutsch,
       weil wir die Menschen hier ansprechen wollen. Wir möchten uns vorstellen
       und zeigen, dass wir unterschiedliche Menschen sind. Wir sind Ärzte,
       Journalisten und Lehrer. Nicht nur Menschen, die arm und hilflos sind,
       sondern auch Menschen, die die Gesellschaft weiterentwickeln können und
       sich integrieren möchten.
       
       4 Apr 2020
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Risikogruppen.html
 (DIR) [4] https://www.diakonie.de/coronavirus-hilfe-und-infos
 (DIR) [5] https://www.caritas.de/magazin/schwerpunkt/corona/coronakrise
 (DIR) [6] https://www.wirsindnachbarn.org/
 (DIR) [7] https://www.fluechtling-magazin.de/
       
       ## AUTOREN
       
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