# taz.de -- Russischer Buchweizen: Oh, du wunderbare fade Grütze!
       
       > Was den Deutschen ihr Klopapier, das ist den Russen derzeit ihre
       > „Gretschka“. Was das ist? Viel mehr als nur eine Beilage.
       
 (IMG) Bild: Buchweizen: Auch die Russen hamstern
       
       Moskau taz | Mitten im Supermarkt stehen zwei anderthalb Meter hoch
       gefüllte Paletten. Das Produkt kostet auf der einen Palette 49 Rubel pro
       Kilo (56 Cent), auf der zweiten ruft ein bekannter Hersteller schon fast
       den doppelten Preis auf.
       
       Es geht um Gretschka. Kein weiblicher Kosename, sondern das beliebteste
       Nahrungsmittel Russlands: der Buchweizen. Die Knöterichpflanze mit den
       pyramidenförmigen Früchten ist in Russland sogar ein sicheres Barometer
       dafür, wie das Volk die Zukunft sieht.
       
       Als [1][Wladimir Putin vor Kurzem im TV] mitteilte, es gebe keinen Grund
       für [2][Hamsterkäufe], alles sei „unter Kontrolle“, verstanden viele Bürger
       dies als Startschuss: Will man uns erst mal beruhigen, sind Engpässe
       unausweichlich, so die reflexartige Reaktion vieler.
       
       Die Regale waren in Windeseile leer. Vor allem verschwand Gretschka,
       Russlands Krisennahrung – und das schon seit Jahrzehnten.
       
       Beim Ausmisten des Elternhauses stieß ein Bekannter neulich auf eine
       ungeöffnete Packung aus den 1970ern. Der Inhalt war noch genießbar, sogar
       ohne Motten und Kakerlaken. Ohne Maden sowieso. Das nahrhafte Produkt ist
       nämlich wehrhaft und [3][begleitet jeden Russen seit dem Kindergarten].
       
       ## Ausdauerfutter bei der Armee
       
       Als Grütze oder Beilage zu einem Stück Fleisch ohne Sauce ist es
       gelegentlich etwas trocken. Auch zu Schulmahlzeiten gehört es unbedingt,
       die Armee setzt es als Ausdauerfutter ein. Kein Hochgenuss, aber es dämpft
       den Hunger für viele Stunden. Der Russe liebt Gretschka als Brei oder mit
       Früchten. Besonders aber zu einem [4][frischen Pilzgericht]. Wie andere
       Beilagen gewinnt auch der Buchweizen erst durch die Zutaten an Geschmack.
       
       Ich selbst brauchte für die Wertschätzung etwas länger. Ursprünglich hielt
       ich den omnipräsenten Knöterich für eine kulinarische Mangellösung und vor
       allem für eine trockene Herausforderung. In Deutschland galt er lange als
       Tierfutter. Großmütter versüßten die fade Grütze mit Zucker und Milch (denn
       sie ahnten nicht, dass der Zucker alle gesunden Vorzüge der Frucht zunichte
       macht).
       
       Buchweizen enthält allerlei Spurenelemente, viel Stärke, Vitamin B und
       hochwertiges Eiweiß. Auch auf dem Feld sorgt die Pflanze für Ordnung und
       vertreibt alles Unkraut. Bienen fliegen sie besonders gerne an, da sie mit
       viel Duft und Nektar lockt. Russland geht es wohl gerade ähnlich.
       
       6 Apr 2020
       
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