# taz.de -- Racial Profiling auf St. Pauli: Vom Tellerwäscher zum Arbeitslosen
       
       > In einem offenen Brief kritisiert ein Gastronom die Strategie der
       > Drogenbekämpfung der Polizei. Für einen seiner Mitarbeiter hat die
       > Folgen.
       
 (IMG) Bild: Aktivist*innen protestieren schon lange gegen das Racial Profiling auf St. Pauli, hier 2016
       
       Hamburg taz | Offenbar will Issi nicht mit der taz sprechen. Eine
       entsprechende Anfrage seines früheren Chefs lässt er unbeantwortet. „Ich
       glaube, er will mit dem Trubel nichts zu tun haben. Er wollte den ja auch
       nicht“, sagt Johannes Riffelmacher. Er ist einer der Betreiber des
       Restaurants „Salt&Silver – Zentrale“ in der Hamburger Hafenstraße und war
       bis vor kurzem Chef des jungen Mannes aus Ghana.
       
       Vor wenigen Tagen hat er [1][öffentlich gemacht], was Issi, der als Spüler
       in dem Restaurant gearbeitet hat, passiert ist. Er wurde von Polizisten der
       Task Force Drogen für einen Dealer gehalten. Weil bei seiner Kontrolle
       herauskam, dass er zwar kein Dealer ist, aber keine Aufenthalts- und
       Arbeitserlaubnis hat, darf Issi jetzt nicht mehr in dem Restaurant
       arbeiten.
       
       Der Bereich um die Hafenstraße gilt als [2][gefährlicher Ort]. Die Polizei
       darf dort verdachtsunabhängig Personen kontrollieren. Und weil die
       Kontrollen insbesondere Menschen mit schwarzer Hautfarbe treffen, wird der
       Polizei [3][unter anderem von Anwohner*innen] immer wieder vorgeworfen,
       rassistische Kontrollen durchzuführen. Hinzu kommt die Kritik, dass das
       Problem nur verdrängt und nicht gelöst werde.
       
       Riffelmachers Argumentation in seinem „offenen Brief an die Beamten, die
       unseren Spüler mitgenommen haben“ ist ganz ähnlich. „An diesem Abend habt
       ihr nicht dafür gesorgt, dass St. Pauli sicherer wird. Ihr habt dafür
       gesorgt, dass es einen jungen Mann ohne Perspektive mehr gibt“, schreibt
       er.
       
       ## Issi hielt sich panisch am Griff der Tür fest
       
       Der Abend, von dem Riffelmacher erzählt, war der des 4. März. Riffelmacher
       saß, wie er der taz erzählt, in seinem Restaurant. Er habe Menschen vor der
       Tür bemerkt. „Dann habe ich Issi gesehen, wie er sich panisch am Griff der
       Tür festhielt und mich mit aufgerissenen Augen anguckte.“ Hinter Issi habe
       ein blonder Mann in Bomberjacke gestanden. „Ich habe mich zwischen Issi und
       den Blonden gestellt und zu Issi gesagt: Go inside“. Riffelmacher habe
       verstehen wollen, was da gerade los gewesen sei, sagt er.
       
       Es waren Beamte in Zivil, die Issi bis vors Restaurant verfolgt hatten.
       Riffelmacher sprach nach eigener Aussage mit den Polizisten, erklärte, dass
       Issi dort arbeite und „mit der Antidrogenmission nichts zu tun hat“. Doch
       für die Polizisten sei Issi verdächtig gewesen, weil er weggelaufen sei.
       
       „Dass ein junger Mann mit dunkler Hautfarbe in Deutschland vor ein paar
       Typen in Bomberjacke weggerannt ist, und nicht vor Beamten in Uniform,
       schien dabei aber nicht wichtig zu sein“, schreibt Riffelmacher an die
       Polizisten. „Das habt ihr mit dem Satz: ‚Wir führen hier keine
       Grundsatzdiskussionen!‘ klar gemacht.“
       
       Die Polizisten hätten dann gegen seinen Willen das Restaurant betreten und
       Issi mitgenommen. Während die Betreiber und Angestellte im Restaurant
       vernommen wurden, wurden Issi auf dem Revier die Fingerabdrücke abgenommen.
       Dabei kam heraus: Issi heißt eigentlich Ibrahim. Er hatte bei der
       Zeitarbeitsfirma, bei der er angestellt war und die ihn zu Salt&Silver
       geschickt hatte, einen falschen Namen angegeben.
       
       Ein Sprecher der Polizei sagt auf Anfrage der taz, die Zivilbeamten hätten
       an dem Tag eine andere Person wegen Verdachts auf Verstoß gegen das
       Betäubungsmittelgesetz kontrolliert. Issi habe sich „auffällig verhalten“
       und sollte dann von einem anderen Zivilbeamten kontrolliert werden, der
       sich sofort als Polizist zu erkennen gegeben habe. Schließlich habe sich
       der Verdacht eines Drogendelikts nicht begründet, aber der Verdacht wegen
       des Verstoßes gegen das Aufenthaltsgesetz.
       
       Riffelmacher will seinen Brief nicht als Pauschalkritik an der Polizei
       verstehen. „Ich verstehe, dass die Beamten im Recht waren“, sagt er. Er
       habe allerdings das Gefühl, dass der Situation in der Hafenstraße ohne
       sinnvolle Strategie begegnet werde. „Es geht gar nicht um die richtige
       Handlung, es ist nur ein pressewirksamer Kampf, in dem vermeindliche
       Erfolge verkündet werden“, sagt er.
       
       „Die jungen Menschen, die an der Ecke dealen, haben keine Chance ihr Geld
       ehrlich zu verdienen, so lange man ihnen keine Möglichkeit gibt zu
       arbeiten“, sagt er. „Bis das irgendwann passiert, wäre es aber fair, wenn
       die Polizistinnen und Polizisten vor unserer Tür ihre Rechte nicht wie
       Naturgesetze behandeln.“
       
       Riffelmacher sagt, dass seine Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit regelmäßig
       kontrolliert und durchsucht würden, weil sie nicht aussehen, als kämen sie
       aus Deutschland. Andere gerieten ins Visier, weil sie mit „Verdächtigen“
       gesprochen haben. Auch Gäste würden kontrolliert. „Ich suche dann immer das
       Gespräch und die einzige Antwort ist oft: ‚Wir dürfen das‘“, sagt
       Riffelmacher.
       
       Sein Brief hat in der Polizei offenbar Wellen geschlagen. Am Freitag kam
       Sönke Harms, der stellvertretende Leiter der Davidwache in das Restaurant,
       um mit ihm zu sprechen, wie Riffelmacher sagt. Dass sich sehr bald etwas
       ändert, glaubt er aber nicht. „Lösungen für die Situation müssen auf
       politischer Ebene gefunden werden.“
       
       14 Mar 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.facebook.com/saltandsilver.zentrale/posts/1034561266927253?__xts__%5B0%5D=68.ARDDpSHBVXmfKAP434Uov77AfrgL1q2AbDZjMaYCGsF0n9WaGP77u4NAKrcT4llvdBsTzGO1WwoXCi8B5_iIWDu-wT2z9U7VIVnaIWpCODCOs2hmoC4PENbczYPvRxdsQ38be08hgwqEMVZnZTr0BUzcTzN-iGbonMDNU-27m77k354UFvh39mY-UWbTR5VuBoRN6fuCql065oRk5FSmzY4DZw7qBFQ5xLghqwzyDBQlIDaGGaZBUj8NW62gvq_Ry06rJhSFxy3ptPGpo0fvSRog70xlsUsNj_LEs0D3RP_FYJveOtshckQvtVKvGnOWb-K6RxYSmeYQcW7KmtbfSGqlEQ&__tn__=K-R
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Polizeikontrollen-in-Hamburg/!t5042267
 (DIR) [3] /Protest-gegen-Racial-Profiling/!5659546
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marthe Ruddat
       
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