# taz.de -- Doku über Colonia Dignidad: Wem gehört Geschichte?
       
       > „Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte“ zeigt bisher
       > unveröffentlichtes Material. Doch wer hat die Rechte daran?
       
 (IMG) Bild: Sektenführer Paul Schäfer umgeben von Kindern im Jahr 1960
       
       „Kolonie der Würde“, so lautet die deutsche Übersetzung des Namens der
       deutschen Sekte in Chile. [1][Doch die „Colonia Dignidad“] ist für genau
       das Gegenteil bekannt. Nämlich für Menschenrechtsverletzungen: für
       Vergewaltigungen, Folter und Verschwindenlassen. In der vierteiligen Doku,
       einer Koproduktion von WDR, SWR, Arte, LOOKSfilm und dem chilenischen
       Canal13, erzählen nun ehemalige Mitglieder der Sekte um Paul Schäfer von
       ihren traumatisierenden Erfahrungen.
       
       Sie sprechen über Zwangsarbeit und den Alltag von Frauen, über Waffenhandel
       und [2][die ausgebliebene Aufarbeitung seitens der deutschen Justiz.] Es
       kommen auch Folterüberlebende, chilenische Missbrauchsopfer und Zeitzeugen
       zu Wort. Im Mittelpunkt stehen allerdings frühere und heutige
       Bewohner*innen der Villa Baviera, wie sich die deutsche Siedlung 400 km
       südlich der Hauptstadt Santiago de Chile seit 1988 offiziell nennt.
       
       Die Doku geht dabei chronologisch vor und erzählt von der Vorgeschichte in
       Deutschland in den 50er Jahren über den Aufbau und das Innenleben der
       deutschen Kolonie in Chile ab 1961, die Kooperation mit der chilenischen
       Diktatur ab 1973 bis hin zum Fall der Colonia Dignidad in den 1990er
       Jahren.
       
       Die Filmemachenden wollen die Betroffenen „als Menschen mit Namen, Gefühlen
       und Träumen“ zeigen. Die Geschichte aus ihrer Perspektive, aus dem Inneren
       der Colonia Dignidad erzählen, sagt Regisseurin Annette Baumeister. „Wir
       führen das Material zusammen und präsentieren der Gemeinde von Leuten, die
       dort ihr Leben verbracht haben, ihr audiovisuelles Gedächtnis“, erklärt
       Produzent Gunnar Dedio.
       
       ## Was erzählt und was ausgespart wird
       
       Die Fokussierung auf die früheren und heutigen Bewohner stößt jedoch an
       ihre Grenzen, wenn deren Leidensgeschichte erzählt, ihr Zutun an
       Misshandlung anderer aber ausgespart bleibt.
       
       Zum Beispiel erfahren wir im Fall Günter Schaffriks einiges über ihn und
       seine zweifellos sehr schwere Kindheit. Über seine entscheidende Rolle bei
       der Rekrutierung chilenischer Kinder für Paul Schäfers systematischen
       sexuellen Missbrauch – wofür er als einer der Hauptverantwortlichen im Jahr
       2013 rechtskräftig zu elf Jahren Haft verurteilt wurde – ist nur wenige
       Sekunden lang als Halbsatz in einer Bauchbinde zu lesen. Unvermittelt, ohne
       einen Kontext herzustellen. Zum einen wird das den anderen Opfern nicht
       gerecht. Zum anderen [3][wird die Verantwortung für Verbrechen so allein
       bei Schäfer verortet.]
       
       Die Filmemachenden konnten erstmals bisher unveröffentlichte Aufnahmen
       benutzen: 400 Stunden Video-, 90 Stunden Audio und 9.000 Fotos, die einige
       ausgewählte Sektenangehörige über die Jahre in der Sekte aufgenommen
       hatten. Dedio von der privaten Produktionsfirma LOOKSfilm erklärt, die
       Angehörigen hätten die Dokumente dem chilenischen Filmproduzenten Cristián
       Leighton übergeben, der sie wiederum LOOKSfilm anbot.
       
       „Das Material gehört allen Bewohnern der Kolonie, nicht nur denen, die es
       verwaltet haben“, erklärt Winfried Hempel, der in der Colonia Dignidad
       aufgewachsen ist und inzwischen als Anwalt arbeitet. Das Material müsse den
       Ermittlungsbehörden zur Verfügung gestellt werden, denn es gebe noch offene
       Verfahren. Außerdem hätte von Anfang an ein Verfahren zur Übergabe an eine
       öffentliche Einrichtung festgelegt werden müssen. Wissenschaftler*innen und
       Journalist*innen haben auch Interesse an dem Material bekundet.
       
       Laut Dedio sollen die Aufnahmen bald an ein Archiv übergeben werden.
       Allerdings hätten sie das Material zunächst erst mal für eine hohe
       sechsstellige Summe „restaurieren, katalogisieren, transkribieren und
       übersetzen“ müssen, um es nutzen zu können. Nun scheint die Übergabe nicht
       ganz einfach. So liegt es auch in der Verantwortung der kooperierenden
       öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, dafür zu sorgen, dass die
       Dokumente öffentlich zugänglich gemacht werden.
       
       10 Mar 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ute Löhning
       
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