# taz.de -- Kraftprobe mit dem Kind: Die heikle Lätzchen-Frage
       
       > Was tun, wenn der Nachwuchs anfängt, einen eigenen Willen entwickelt? Ein
       > kleiner Ratgeber über verschiedene Art der Erziehung.
       
 (IMG) Bild: Es gibt unendlich viele Lätzchenmodelle für die Kleinen, keine Frage!
       
       Neulich Sonntag, wir gehen spazieren, Kind im Kinderwagen, einmal um den
       Block. Wegen Wetter und Sauerstoff. Hinter uns läuft eine andere Mutter,
       ihr Sohn mitten in der Pubertät. Ich beneide sie nicht. Er labert, ohne
       Luft zu holen.
       
       „Das sind auch wertigere Stoffe“, fistelt er mit Stimmbruchstimme. Er sagt
       tatsächlich „wertiger“. Wie so ’n PR-Manager. „Das ist viel besser
       verarbeitet als die Billigklamotten von C&A, Primark und so weiter. Das ist
       auch nachhaltiger.“
       
       „Nachhaltiger, ja?“, spottet die Mutter. „Hat deine Greta Garbo ditt
       jesacht, dass du jetzt Nobelklamotten tragen sollst, weil ditt nachhaltiger
       ist?“ Sie lacht höhnisch: „Weil sie ja auch selbst so viel Wert auf ihr
       Äußeres legt.“
       
       Der Sohn wird sauer. „Ich finde es wirklich traurig, wie egal dir das
       Schicksal unseres Planeten ist“, lamentiert er. Die Mutter gibt ein
       grunzendes Lachen von sich.
       
       ## Ein Pulli für 200 Euro
       
       „Pass mal auf, mein Schatz“, sagt sie. „Wenn du dir unbedingt einen
       Gucci-Pullover kaufen willst, dann kannst du das von deinem eigenen Geld
       machen. Ich habe nämlich keine Lust, 200 Euro für ein Kleidungsstück
       auszugeben, das du höchstens drei Monate trägst, bevor es im Container
       landet, weil es dir entweder zu klein geworden ist oder du einfach keinen
       Bock mehr drauf hast.“
       
       Paul und ich werfen uns aus den Augenwinkeln Blicke zu. Und wir dachten,
       unser Kind wäre grad in einer anstrengenden Phase. Es entwickelt jetzt
       seinen eigenen Willen. Ganz wunderbar. Dabei habe ich wirklich versucht,
       ein autoritäres Elternteil zu sein. Streng, liebevoll, weise und
       ehrfurchtgebietend. Wie so ’ne Vaterfigur ausm 19. Jahrhundert.
       
       Trotzdem ist das häufigste Wort des Kindes jetzt „Nein!“, und ich hab mit
       Paul ständig dicke Luft, weil ich finde, er fragt das Kind zu viel.
       
       ## Zermürbungstaktik
       
       „Kind, möchtest du das Lätzchen anziehen?“, fragt Paul. Ich unterdrücke mit
       Mühe ein Augenrollen. „Neeeiiiin!“, ruft das Kind. Und ich unterdrücke ein
       Grinsen.
       
       „Kind, wollen wir das Lätzchen anziehen?“, wiederholt Paul. „Nein!“, ruft
       das Kind. Das ist Pauls Art der Erziehung. Zermürbungstaktik. Er stellt
       einfach so lange dieselbe Frage, bis das Kind irgendwann die Antwort gibt,
       die er hören will.
       
       „Ich finde, du vermittelst dem Kind einen falschen Eindruck von Sprache“,
       sage ich. „Du tust so, als ob er eine Wahl hätte, nimmst seine Entscheidung
       aber nicht ernst.“
       
       Paul geht zwei andere Lätzchen holen mit dem Kind auf dem Arm, weil sich
       dieses nicht absetzen lassen will. Das Kind ruft immer noch: „Nein!“
       
       „Hör doch mal auf zu fragen!“, sage ich. „Du bist genauso schlimm wie diese
       ätzenden Ökoeltern, über die wir uns früher aufgeregt haben. Das Kind muss
       die Entscheidung nicht treffen, sondern du. Und dann musst du dazu stehen.“
       
       ## Familie ist was Herrliches
       
       Paul dreht sich zu mir um und funkelt mich an, Blitze sprühen aus seinen
       Augen.
       
       „Man muss auch nicht alles zur Grundsatzfrage und zur Kraftprobe mit dem
       Kind machen“, schnappt er zurück, „ich versuche, Konflikte spielerisch zu
       lösen, den Widerstand ins Leere laufen zu lassen. Das erspart einem auch
       die ohrenbetäubenden Aufstände. Man muss den Willen des Kindes nicht
       brechen. Du bist manchmal so ’n richtiger Donald Trump. Verstehst jeden
       kleinen Furz als persönlichen Angriff.“
       
       Jetzt sprühen aus meinen Augen Blitze. In Hakenkreuzform. „Das nimmst du
       zurück!“, flüstere ich drohend. „Nein!“, ruft das Kleinkind.
       
       Familie ist was Herrliches. Absolut herrlich.
       
       12 Jan 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lea Streisand
       
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