# taz.de -- Nachruf auf Jurij Luschkow: Mann mit Schiebermütze
       
       > Moskaus ehemaliger Bürgermeister gab sich volksnah und der Hauptstadt ein
       > neues Gesicht. Sein Amt nutzte er auch für einträgliche Geschäfte.
       
 (IMG) Bild: Juli 1997, Jurij Luschkow spricht auf einer internationalen Konferenz zum 850. Geburtstag Moskaus
       
       Moskau taz | [1][Jurij] [2][Michailowitsch Luschkow] war ein Synonym für
       Moskau. 18 Jahre leitete er als Bürgermeister die Geschicke der Hauptstadt.
       Kurz nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes 1991 übernahm er
       das Amt des Moskauer Stadtvorderen. Er war aufgeschlossen, humorvoll und
       nicht auf den Mund gefallen, manchmal auch ziemlich derb. Zusammen mit dem
       damaligen Präsident Boris Jelzin stand er in den ersten Jahren für den
       Aufbruch in eine offenere Zukunft.
       
       Die Moskauer schätzten das. Luschkow hatte bei allen Wahlen zum
       Bürgermeister auch keinen ernst zu nehmenden Gegenspieler, der ihm hätte
       das Wasser reichen können. Wahlbetrug war damals noch nicht an der
       Tagesordnung.
       
       Luschkow gab sich als Mann aus dem Volk. Er war schlicht eine Figur unter
       der ledernen Schiebermütze, die er bei Wind und Wetter trug.
       
       Die Hauptstädter mochten ihn, weil er der bröckelnden grauen Stadt ein
       neues Gesicht verlieh. Gläserne Bürotürme, Wohndomizile hoch über der
       Stadt, Einkaufszentren und Hotels schossen in die Höhe.
       
       ## Wachsende Skepsis
       
       Mit den Jahren wurden die Moskauer etwas skeptischer. Luschkow hatte zum
       zweiten Mal geheiratet, seine frühere Sekretärin, Jelena Baturina.
       Innerhalb kurzer Zeit stieg sie zur einflussreichsten Geschäftsfrau in der
       Baubranche auf. Eine Milliarde Euro soll sie besitzen, schätzte Forbes
       unlängst.
       
       Selbstverständlich waren dies Geschäfte, die Luschkow als „Mer“,
       Bürgermeister der Hauptstadt, mit auf den Weg brachte. Vor Korruption und
       Amtsmissbrauch fürchtete sich der untersetzte Politiker nicht. Sie sind in
       Russland gang und gäbe.
       
       Er versuchte auch Ende der 90erJahre noch eine größere Rolle zu spielen.
       2000 brachte er seine Partei „Vaterland“ in das Bündnis mit dem
       kremlloyalen „Vereintes Russland“ ein.
       
       Mit Putins erster Präsidentschaft war der Aufstieg in ein Regierungsamt
       oder den Kreml jedoch auch für ihn erledigt. Die nationalen Töne, die
       Putins Politik bald beherrschten, hatte er vorher längst angeschlagen.
       
       ## Nationalistischer Demagoge
       
       [3][Mit der ukrainischen Krim] wollte er sich damals schon nicht abfinden.
       Er legte Sammlungen und Spenden auf, die Sewastopol als russische Stadt
       unterstützten. Er war ein nationalistischer Demagoge, der laut heraus
       posaunte, was er dachte. Das waren keine Wohlklänge, aber es passte zur
       Grundmelodie der postsowjetischen Bürokratie.
       
       2010 setzte Dmitrij Medwedjew, der vorübergehend bis 2012 Wladimir Putins
       Amt innehatte, Luschkow ab. „Vertrauensverlust“ war die offizielle
       Begründung. Unmittelbar danach folgten Enthüllungen über Korruption, die
       Luschkow signalisierten, auf dem Altenteil zu bleiben.
       
       Dafür brachte er als leidenschaftlicher Imker beste Voraussetzungen mit.
       Auch als Ziegenhirte in der Nähe von Kaliningrad hat er sich in den letzten
       Jahren noch versucht. Die beiden Töchter und seine Ehefrau Jelena richteten
       sich unterdessen in Kensington in London ein. Mit 83 Jahren ist Luschkow in
       einer Münchner Klinik gestorben.
       
       10 Dec 2019
       
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